Regensdorf

Der Schweizer Samurai

Der Regensdorfer Marco Kuster hat mit seinem 3. Platz in der Gewichtsklasse bis 81 Kilogramm an den All Japan Real Fight Championships in Tokio einen neuen Höhepunkt seines Kampfsportlebens erlebt.

Der Regensdorfer Marco Kuster (rechts) während des Trainings in seinem Dojo in Glattbrugg. Das Motto «Ein Karateka verliert nie, entweder er gewinnt oder er lernt» lebt der dreifache Schweizer Meister täglich vor.

Der Regensdorfer Marco Kuster (rechts) während des Trainings in seinem Dojo in Glattbrugg. Das Motto «Ein Karateka verliert nie, entweder er gewinnt oder er lernt» lebt der dreifache Schweizer Meister täglich vor. Bild: Madeleine Schoder

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Etwas über zwei Wochen ist es her, seit Marco Kuster inmitten eines Tokioter Sportzentrums von der Grösse des Einkaufszentrums Glatt in Wallisellen an den Real Fight Karate Championships teilgenommen hat. Als erster Schweizer überhaupt durfte der 33-Jährige dank einer Empfehlung seines Senseis (Meisters) Kenji Akiyama am höchsten Turnier im Zendokai-Karate (siehe Kasten) antreten. Direkt für den Halbfinal qualifiziert, hielt er vor rund 400 Zuschauern trotz des Gewichtsverlusts infolge einer vorangegangenen Magen-Darm-Erkrankung lange mit seinem Gegner Takuya Aso mit.

Sein fünf Kilogramm schwererer japanischer Widersacher, seines Zeichens Profikämpfer, nutzte am Ende eine kleine Unachtsamkeit aus, um Kusters Arm in einen solch festen Hebelgriff zu nehmen, dass der Schweizer schliesslich aufgeben musste, um eine Verletzung zu vermeiden. Der in Wetzikon Aufgewachsene, der seit Anfang Jahr in Regensdorf wohnt, kehrte dennoch überaus zufrieden aus Fernost zurück. Aus guten Gründen. «In erster Linie hatte ich mir vorgenommen, möglichst unverletzt zu bleiben», erzählt Kuster, «umso mehr, als ich das Turnier mit unserer Hochzeitsreise verbunden habe.» Doch nicht nur das sportliche Abschneiden lässt Kuster, der als langjähriger Nationalkader-Kämpfer in seiner ursprünglichen Stilrichtung Shotokan-Karate schon an mehreren Europa- und Weltmeisterschaften teilgenommen hat, im Nachhinein von einem Höhepunkt seines bisherigen Karatelebens sprechen.

Mehr als nur Sport

«Das Turnier in Japan übertrifft alles, was ich bis jetzt erlebt habe. So komisch das vielleicht klingen mag, für mich war die Reise wie eine Art Erleuchtung», sagt Kuster während des Gesprächs im Akatsuki Dojo in Glattbrugg, das er seit Anfang 2014 als Eigentümer führt. In wohlüberlegten Worten und mit ruhiger, fester Stimme führt er aus: «In Japan geniesst Vollkontakt-Kampfsport denselben Stellenwert wie bei uns Fussball oder Eishockey. Das zum ersten Mal hautnah mitzuerleben, inklusive des Interesses an uns Kämpfern, wird mir unvergesslich bleiben.» Noch dazu sei ihm auch und gerade in Sachen Trainingsmethodik ein Licht aufgegangen. «In Japan wird viel umfassender und vertiefter gearbeitet als hierzulande», erklärt Kuster. «Beispielsweise lernt ein Anfänger in den meisten Schulen in der Schweiz wie nach einem strikten Lehrplan eine Angriffs- oder Abwehrtechnik nach der anderen, jedoch stets nur die einfachste Grundform davon. In Japan schreitet man langsamer voran, weil man zwar auch eine Technik erlernt, aber auch gleich mehrere Varianten von ihr.» Dies in Japan mitzubekommen, habe ihn in seiner Trainerarbeit hierzulande, in der er nach ähnlichen Grundsätzen vorgeht, bestätigt.

Zum Karate selbst fand Marco Kuster vor 26 Jahren. Nachdem ihn Filme mit dem legendären Jackie Chan und Jean Claude Van Damme begeistert hatten, meldete ihn sein Vater in der nächstgelegenen Karateschule an, unter der Leitung des Japaners Koichi Sugimura – «da hat es mich von Anfang an gepackt und mit den Jahren immer mehr fasziniert». Die sportlichen Meriten, unter anderem drei Schweizer-Meister-Titel, eine EM-Silbermedaille und ein 5. Platz an einer Weltmeisterschaft, allesamt in den traditionellen Karatedisziplinen Kata und Kumite (Freikampf) errungen, machen dabei nur einen Teil seiner ungebrochenen Hingabe für seinen Sport aus. «Die Erfolge geben eine Bestätigung dafür, dass das, was man sich im Training aneignet, auch funktioniert», erklärt Kuster, «aber Karate ist für mich vor allem auch eine Lebenseinstellung, ein Weg. Dazu gehören unter anderem Werte wie Anstand, Respekt und ruhiges, überlegtes, stets der Si­tua­tion angepasstes Verhalten.»

Ein komplettes System

Das Zendokai-Karate entdeckte Marco Kuster vor rund zehn Jahren, als er erstmals einen längeren Trainingsaufenthalt in einem japanischen Viertel in Thailands Hauptstadt Bangkok absolvierte. Damals suchte er ein Dojo, um seine Fähigkeiten im Vollkontaktkampf weiter zu schulen. Dabei stiess er auf seinen heutigen Sensei und den neuen Stil. «Zendokai hat mir sehr zugesagt, weil es ein so komplettes System bildet wie im Mixed Martial Arts. Für den Standkampf kann ich dabei auf meine Stärken aus dem traditionellen Karate bauen. Um aber auch am Boden bestehen zu können, musste ich erst Griff- und Hebeltechniken aus dem Judo, Jiu-Jitsu oder Ringen erlernen.» In diesem Sinne habe er auch einiges von Kampfsportkollegen gelernt, die von einer der anderen Sparten her zum Zendokai-Karate stiessen.

Durch jahrelanges Training hierzulande sowie in alljährlichen Aufenthalten in Bangkok vertiefte Kuster seine Kenntnisse so weit, dass er vor etwas über einem Jahr durch Shihan (Grossmeister) Takashi Ozawa zum offiziellen Schweizer Vertreter des Zendokai-Karates in der Schweiz ernannt wurde. Noch wichtiger war ihm freilich ein inoffizieller Titel, den ihm sein Sensei in Bangkok nach dem Turnier in Japan vor kurzem verliehen hat. «Er hat mich ge­gen­über Gleichgesinnten als den Schweizer Samurai bezeichnet», erzählt Kuster, «das ist etwas vom Grossartigsten, was passieren kann. Zumal sich nur sehr selten ein Schweizer Vollkontaktkämpfer nach Japan, in die Höhle des Löwen, vorwagt.» Dabei beabsichtigt Kuster durchaus eine Wiederholung: «Nächstes Jahr möchte ich wieder dort antreten, und ich weiss jetzt, was mich erwartet – und woran ich arbeiten muss, um mich weiter zu verbessern.» (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 19.11.2015, 10:07 Uhr

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