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Die grosse Geduldsprobe

Niels Hintermann gehörte zu den grossen Aufsteigern des vergangenen Abfahrtswinters. Doch jetzt werden seine Nerven von einer langwierigen Verletzung auf die Probe gestellt.

Anfang Jahr hat Niels Hintermann zum Auftakt des Weltcup- Wochenendes am Lauberhorn von Wengen die Kombination gewonnen. Im Frühling wurde der 22-jährige Bülacher vom Europacup in die achtköpfige Nationalmannschaft befördert – ein steiler Aufstieg, alles lief rund. Bis am 13. August der Bruch kam.

Hintermann fädelte beim Abfahrtstraining in Zermatt mit dem linken Arm an einer Torstange ein und renkte sich die Schulter aus. «Im ersten Moment war ich mir nicht sicher, ob mein Arm überhaupt noch dran ist», erinnert er sich. Hintermann wurde mit dem Helikopter sofort ins Berner Inselspital geflogen, neben einer Schulterluxation stellten die Ärzte zusätzliche Nervenverletzungen fest. Für den jungen Skirennfahrer begann die bisher schwierigste Zeit seiner sportlichen Karriere. Er sagt: «Die Situation ist mühsam und zermürbend.»

Trainer und Vertrauensperson

Statt Ski auf dem Gletscher fährt Niels Hintermann momentan dreimal die Woche an die Universitätsklinik Balgrist in Zürich zur Physiotherapie. Wenn überhaupt, sind nur kleine Fortschritte auszumachen. «Es gibt gute und schlechte Tage, aber leider keine Aufwärtstendenz», erklärt er. Dass die Rehabilitation schleppend verläuft, ist für den Speed-Fahrer, der auf den Ski gerne aufs Tempo drückt, nicht einfach zu akzeptieren. Er muss sich Zeit nehmen in einer Phase, in der er eigentlich keine Zeit hat. «Meine Kollegen sind jetzt tagaus, tagein auf dem Schnee, und ich muss mich um meine Schulter kümmern.»

Mit der linken Hand etwas aus dem obersten Regal im Schrank zu lupfen, ist für Hintermann momentan noch ein Ding der Unmöglichkeit. Zwar kann er seinen Arm mittlerweile wieder über die Schulter heben, aber nur ohne Gewicht. Die Erfahrung, alltägliche Bewegungen plötzlich nicht mehr ausführen zu können, beschreibt der Profisportler als «angsteinflössend». Hintermanns Hauptproblem ist momentan seine eingeschränkte Mobilität. Für die Piste ist seine Schulter noch zu instabil.

Unterstützung in dieser schwierigen Zeit erhält Niels Hintermann von seiner Familie in Rorbas, Freunden und seinen Betreuern bei Swiss-Ski. Insbesondere Abfahrts-Chef Andy Evers windet er ein Kränzchen: «Er sagt mir direkt: ‹Nimm dir die Zeit, die es braucht.› Auch wenn er vielleicht auch ungeduldig ist – er lässt es mich nicht merken.» Evers, der einst den mehrfachen Olympia- und Gesamtweltcupsieger Hermann Maier als Coach begleitet hat, kennt sich mit epischen Verletzungsgeschichten aus.

Als Maier 2001 mit dem Motorrad schwer verunfallte, musste kurzzeitig sogar eine Beinamputation in Betracht gezogen werden. Doch der Österreicher kämpfte sich zurück und stand eineinhalb Jahre später in Kitzbühel wieder zuoberst auf dem Treppchen. Darum sagt Hintermann: «Wenn jemand weiss, wie mit solchen Geschichten umzugehen ist, dann ist es Andy.» Das Vertrauensverhältnis, das der Bülacher während der vergangenen knapp zwei Monate zu Evers hat aufbauen können, ist einer der wenigen positiven Punkte, die er seiner Leidenszeit abgewinnen kann.

Ein geheimer Plan

Seine Rückkehr auf Schnee plant Niels Hintermann im kleinsten Kreis. Nur Andy Evers, Gruppentrainer Jörg Rothen und sein Servicemann sind eingeweiht. Den vereinbarten Zeitpunkt kommuniziert er bewusst nicht, zu gross ist die Befürchtung, dass dadurch nur noch mehr Druck entstünde. Dass Evers unlängst gegenüber dem «Blick» ein Fragezeichen hinter sein Comeback noch in diesem Olympiawinter setzte, möchte Hintermann daher nicht kommentieren.

Auch die Frage, ob er sich nach seiner langen Absenz überhaupt in der sechsköpfigen Speed-Topgruppe des Schweizer Alpinteams wird halten können, stellt sich Hintermann im Moment nicht. «Wenn sie mich rauskippen, dann hat es einen Grund», sagt er sachlich. Die nächsten Selektionen werden erst wieder im kommenden Frühling gemacht. Bis dahin kann viel passieren – und Niels Hintermann hat schon einmal alle überrascht.

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