Embrach

«Für London bin ich zuversichtlich»

Der Sehbehinderte Philipp Handler startet an der Leichtathletik-WM der Handicapierten in London über 100 und 200 Meter. Die besseren Chancen rechnet er sich über die kurze Distanz aus.

Der 26-jährige Embracher Sprinter Philipp Handler hat sich im Laufe seiner Karriere schon für zwei Paralympics qualifiziert.

Der 26-jährige Embracher Sprinter Philipp Handler hat sich im Laufe seiner Karriere schon für zwei Paralympics qualifiziert. Bild: Martin Rhyner

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Einiges ist seit dieser Saison anders bei Philipp Handler. Nach Abschluss seines Masterstudiums an der Uni Zürich (Wirtschaft) hat sich der 26-jährige zweifache Paralympics-Teilnehmer entschieden, 80 Prozent zu arbeiten. «Bis Ende August bin ich bei der Rückversicherung Partner Re als Praktikant angestellt, ab 1. September als Analyst», berichtet der schnelle Embracher.

Eine Neuausrichtung, die im Hinblick auf die Weltspiele 2020 in Tokio verbandsintern nicht nur Zustimmung auslöste, sondern unter anderem zur Kürzung von Fördermitteln führte. Handler ficht das nicht an. «Ich empfinde die Doppelbelastung nicht als negativ», sagt er. «Sie nimmt mir sportlich einigen Druck weg, ich kann eher abschalten, muss mich auf die Arbeit konzentrieren. Eine solche berufliche Chance musste ich nützen. Vom Sport alleine werde ich ja nie leben können», erklärt der WM-Vierte von 2015.

Wegen des neu strukturierten Alltags muss Handler nicht zwangsläufig langsamer werden. «Problematisch würde es vielleicht, wenn ich während der Woche fix einen Tag frei hätte», führt er aus. «Das würde mich sportlich einschränken. Doch weil ich die 20 Prozent aufteilen, am Nachmittag früher gehen darf, trainiere ich kaum weniger, aber vor allem effizienter.» Als Sprinter könne er ohnehin nicht stundenlang auf der Bahn trainieren. Ausserdem stellt Handler klar: «Sollte ich im Übrigen irgendwann erkennen, dass es so nicht geht, kann ich immer noch darauf reagieren.»

Nach Verletzung schnell

Fakt ist: Die Paralympics von Rio de Janeiro 2016 endeten trotz seines damaligen Studentenstatus mit einer Enttäuschung für Philipp Handler. Der zweifache Schweizer Rekordhalter (100 Meter: 11,11 Sekunden / 200 Meter: 22,85) verpasste wie schon 2012 in London über beide Diestanzen die Finals. «Auch deshalb war es angezeigt, etwas zu verändern», kommentiert Handler. «2017 bin ich bisher zwar nicht an meine persönlichen Bestleistungen herangekommen, aber dafür gibt es andere Gründe. Zum Beispiel, dass ich in der wichtigsten Selektionsphase verletzt war.»

Eine Oberschenkelzerrung, die sich Philipp Handler am 23. Mai im Training zugezogen hatte, verhinderte seine Starts am Meeting «Weltklasse am See» in Arbon ­sowie am Weltcup-Meeting von Nottwil. Lange war daher auch nicht klar, ob der 1991 in New York geborene, anfangs sehende ehemalige Fussballjunior des FC Embrach heuer überhaupt für die WM selektioniert werden würde. Doch am 4. Juli gab er in Olten sein Comback und lief die 100 Meter in 11,48 Sekunden. Über die doppelte Distanz erzielte er in 23,26 sogar seine Saisonbestleistung. «Die letzten Tests sind positiv verlaufen», sagt er selbst dazu. «Es geht aufwärts. Ich bin schmerzfrei, spüre, dass die Form allmählich zurückkommt. Für London bin ich zuversichtlich.»

Veränderter Fokus

Über 100 Meter muss aus Sicht des EM-Dritten des Vorjahres im Wettkampf von übermorgen Sonntag die Finalqualifikation her. Derzeit nimmt Philipp Handler in der Weltrangliste seiner Kategorie mit den 11,29 Sekunden, die er am vergangenen Dienstag am Meeting «Spitzen-Leichtathletik Luzern» ersprintete, Platz 9 ein. Schwieriger dürfte es indes auf der längeren Strecke werden. Neun Athleten liefen dort heuer schneller als Handlers 23,26 Sekunden.

«Während Jahren wollte ich unbedingt die 100 Meter unter elf Sekunden laufen, war zu stark auf dieses Ziel fokussiert, habe ich mich selbst unter zusätzlichen Druck gesetzt. Sollte es irgendwann klappen, umso besser. Aber ich konzentriere mich nicht mehr darauf», sagt Philipp Handler, dessen Einsätze in London am kommenden Dienstag mit dem 200-Meter-Rennen abgeschlossen sein werden. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 13.07.2017, 20:41 Uhr

Zur Person

Kurz bevor der in New York geborene Philipp Handler 1996 mit seiner Familie in die Schweiz und nach Embrach kam, wurde bei ihm eine starke Sehbehinderung diagnostiziert (Achromatopsie).

Ihretwegen ist der Sprinter des LV Winterthur komplett farbenblind, extrem lichtempfindlich und hat eine Sehschärfe von weniger als 10%. In seiner Jugend betrieb er Judo und spielte Fussball, bevor er 2006 zur Leichtathletik wechselte. Er studierte an der Uni Zürich Wirtschaft und schloss das Studium mit dem Master ab. (uhu)

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