Behindertensport

Handler und das kleine «q»

Der sehbehinderte Sprinter Philipp Handler wird an der Leichtathletik-WM der Handicapierten in London Siebter im 100-m-Final. Damit bestätigt der Embracher nach einer schwierigen Saison seine Selektion.

Im richtigen Moment löst sich beim sehbehinderten Sprinter Philipp Handler der Knopf. Er zieht über 100 Meter durch – und in den WM-Final ein. Dort landet er schliesslich dem 7. Rang.

Im richtigen Moment löst sich beim sehbehinderten Sprinter Philipp Handler der Knopf. Er zieht über 100 Meter durch – und in den WM-Final ein. Dort landet er schliesslich dem 7. Rang. Bild: Martin Rhyner

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Was ist über 100 m möglich?» Eine Frage, die sich der 25-jährige Philipp Handler aus Embrach seit der Ankunft in London immer wieder stellte. Einerseits fehlten ihm wegen einer Verletzung mehrere Wochen für das Aufbauprogramm, andererseits brachte er die Trainingsleistungen nicht auf die Bahn. «Ich kann nicht abschalten. Zu verlieren habe ich eigentlich nichts. Darum muss ich versuchen, mit Freude zu laufen, das Rennen zu geniessen», erklärte er. Der EM-Dritte von 2014 und 2016 wusste also theoretisch, was er praktisch umzusetzen hatte. Aufgrund der Startliste schien der nächste Tiefschlag vorprogrammiert. Zwei Konkurrenten lagen in der Serie aufgrund der Bestzeiten ausser Reichweite, doch nur die beiden Ersten sowie die zwei Zeitschnellsten aus den drei Halbfinals kamen weiter. Philipp Handler musste im letzten Heat die 100 Meter unter 11,15 Sekunden laufen, um sich für den Final zu qualifizieren. Solche Zeiten lagen für den beim LV Winterthur gross gewordenen Sprinter zuletzt ausser Reichweite. Schneller als 11,34 war er 2016 nie unterwegs. Selbst bei Nationaltrainerin Ariane Pauchard kamen bei dieser Konstellation Zweifel auf. «Das wird eine echte Herausforderung», bekannte sie.

Saisonbestleistung

Und dann zeigte die Uhr bei Bahn zwei 11,14 Sekunden und Saisonbestleistung an. Philipp Handler wusste beim Verlassen des Innenraums nicht, wie ihm geschah – er konnte es kaum glauben. «Das ist eine unglaubliche Erleichterung und Freude», jubelte der 1,87 grosse Athlet, nachdem ein kleines «q» hinter seinem ­Namen aufgeleuchtet war. Eine Hundertstelsekunde hatte schliesslich über Lust oder Frust entschieden. «Wäre ich mit einer schlechten Zeit ausgeschieden, hätte ich mir überlegen müssen, was das alles soll. Jetzt kann ich über 200 m befreit laufen. Die Selektion habe ich bestätigt.» Allfällige Diskussionen, ob die Nomination Handlers richtig gewesen ist, erübrigen sich nun. Vor vier Jahren hatte Handler im Olympiastadion die Finalteilnahme an den Paralympics verpasst (11,45), 2016 in Rio ebenfalls (11,18). Er musste im Kopf einen neuen, einfach gestrickten Weg zum Glück finden. «Bildlich gesprochen», so der Embracher, «habe ich mir gesagt, ich müsse mehr Privatfernsehen schauen. Einfach berieseln lassen, ohne zu studieren. Vor dem Start war ich dadurch lockerer, entspannter als sonst. Ich habe einfach die Atmosphäre im Stadion genossen.»

Final als Zugabe

Der Final war schliesslich eine attraktive Zugabe. Mehr als Rang 7 (Fehlstart und Disqualifikation des Brasilianers) lag nicht drin. Die Konkurrenten wiesen alle eine Bestzeit unter elf Sekunden auf. «Es war ein wunderschönes Gefühl, in diesem Stadion vor vollen Zuschauerrängen laufen zu dürfen. Die Zeit ist mit 11,25 vielleicht nicht ideal, aber in meiner Situation war der Halbfinal das Highlight», fasst Philipp Handler seinen Auftritt zusammen. Gewonnen wurde das Rennen durch den irländischen Favoriten Jason Smyth. Heute Montag folgt Handler bereits der Halbfinal über 200 m. (Zürcher Unterländer)

Erstellt: 17.07.2017, 03:05 Uhr

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