Dielsdorf

Noch einmal Lokalmatador

Nach einem Rennen zum Vergessen in Barcelona konzentriert sich Jan van Berkel nun ganz auf den Ironman Switzerland, der heuer zum letzten Mal in Zürich stattfindet.

Jan van Berkel im Juli 2018 auf dem Weg zu seinem ersten Ironman-Sieg in Zürich.

Jan van Berkel im Juli 2018 auf dem Weg zu seinem ersten Ironman-Sieg in Zürich. Bild: Doris Fanconi

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Das ist Jan van Berkel schon lange nicht mehr passiert: Er hat sich verletzt. Erinnern kann sich der Dielsdorfer auf Anhieb nur noch an seinen Velosturz 2016 vor der Ironman-WM auf Hawaii, starke Schürfungen zwangen ihn damals, das Rennen aufzugeben. «Sonst hat mich mein Körper seit Jahren nicht mehr im Stich gelassen», bemerkt er. Doch diesen April nun pfuschte ihm ein entzündeter Nerv im Rücken in die Saisonplanung. Van Berkel erholte sich zwar schnell, aber es waren die falschen zehn Tage, in denen er nur reduziert trainieren konnte.

Er strich den Ironman in Südafrika, mit dem er die Saison eigentlich hatte beginnen wollen, aus dem Programm. «Mit dem neuen Qualifikationsmodus für Hawaii lohnt es sich nicht, auch nur leicht handicapiert an den Start zu gehen», begründet Van Berkel.

Slots statt Punkte

In dieser Saison läuft die Startplatzverteilung für das Saisonfinale nicht mehr über das 2011 eingeführte Punktesystem, das sogenannte Kona-Pro-Ranking, sondern kehrt zur Slotvergabe zurück. Dies bedeutet, dass bei einem Wettkampf eine bestimmte Zahl an Hawaii-Startplätzen an die Bestplatzierten verteilt wird, alle anderen gehen leer aus. Insgesamt werden heuer rund 50 Profis das Ticket für Hawaii in den Händen halten. Der neue Modus soll bewirken, dass die Belastung für die stärksten Athleten sinkt, weil sie für die Hawaii-Qualifikation wieder weniger Rennen absolvieren müssen.

Grundsätzlich reicht ein Ironman-Sieg oder ein Top-4-Platz an einer der drei Kontinentalmeisterschaften in Südafrika, Frankfurt oder Texas, um im Oktober auf Hawaii dabei zu sein. Allerdings steigt mit jedem Rennen ohne Top-Platz der Druck. Kritisch sieht Jan van Berkel das wieder eingeführte System in Bezug auf den ideellen Kern seines Sports. Der Finish eines Ironman werde entwertet, meint er. «Wenn ein 4. oder 5. Rang faktisch nichts mehr zählt, entspricht das nicht ganz dem Geist unseres Sports.» Wer durchbeisst, den Kampf gegen sich selbst annimmt und gewinnt, wird dafür nicht mehr honoriert. Er selbst hätte sich im vergangenen Jahr auch mit dem neuen Qualifikationsmodus einen Slot für den Ironman Hawaii gesichert. Im siebten Anlauf und nach zwei zweiten und zwei dritten Plätzen stand der damals 32-Jährige am Ironman Switzerland in Zürich endlich zuoberst auf dem Podest. Heuer braucht Van Berkel im Rennen rund um das Seebecken Ende Juli erneut einen Sieg oder – und das ist in Zürich eine Besonderheit – einen 2. Rang, um zum fünften Mal in seiner Karriere die Saison auf der Insel im Pazifischen Ozean zu beschliessen.

In Hinblick auf Hawaii würde es für ihn also durchaus Sinn machen, in Zürich aufzugeben, sobald das Rennen um einen Podestplatz aussichtslos erscheint. Van Berkel könnte damit Kräfte sparen für einen weiteren Versuch an einem später angesetzten Ironman. Das aber kommt für ihn nicht infrage. Zu eng geknüpft sind die emotionalen Bande mit seinem Heimrennen. Zudem wird es das letzte Mal sein, dass er den Ironman Switzerland als Lokalmatador bestreiten darf. 2020 zieht der Event nach Thun.

Abschied ohne Bitterkeit

Der Abschied von Zürich ist für Jan van Berkel dank dem Sieg im letzten Jahr frei von Bitterkeit, aber nicht ohne Wehmut. Die Landiwiese sei für ihn ein bedeutsamer Ort, erklärt er, emotionsgeladen und voller Erinnerungssplitter. Rund um Zürich baute Van Berkel 2012 seine Ironman-Karriere auf, auf der Landiwiese durfte er seinen grössten Erfolg als Langstrecken-Triathlet feiern – und hier nahm seine Beziehung mit der ehemaligen Bülacher Eiskunstläuferin Sarah Meier, die heute Sarah van Berkel heisst, ihren Anfang. 2013 musste sie als Zuschauerin am Streckenrand mit ansehen, wie Van Berkel auf der Laufstrecke kollabierte. Meier erkundigte sich später per SMS nach seinem Zustand und schrieb damit den Beginn ihrer Liebesgeschichte, die mit der Heirat im vergangenen November um ein Kapitel reicher wurde.

Bei der Derniere in Zürich besetzt die Tatsache, dass die Hawaii-Qualifikation mit seiner Platzierung steht und fällt, in Jan van Berkels Plot also nur einen Nebenstrang. Einen Plan B für Hawaii hat er nicht. Auch das zeigt, wie wichtig ihm das Heimrennen ist. «Ich bin überzeugt, dass ich auch in diesem Jahr der Schnellste sein kann», sagt er entschlossen, obwohl oder vielleicht gerade weil er weiss, dass die Konkurrenz gross sein wird. Die weiteren Schweizer Topcracks, der Walliseller Sven Riederer, Ruedi Wild oder auch Rekordsieger Ronnie Schildknecht, werden ihre letzte Chance auf einen (weiteren) Triumph in Zürich ebenfalls packen wollen.

Saisonstart zum Vergessen

Neun Wochen hat Jan van Berkel nun Zeit, um sich für das Heimrennen optimal in Form zu bringen. Dafür verzichtet er auch auf die Teilnahme am Ironman 70.3 in Rapperswil in zehn Tagen. «Wenn ich in Rapperswil antrete, dann nur richtig vorbereitet», meint er dazu. Dass ohne spezifisches Training im kürzeren und schnelleren Rennformat nichts zu holen ist, hat er gerade am vergangenen Wochenende feststellen müssen. In Barcelona ging er über die halbe Ironman-Distanz regelrecht unter, wurde im Profirennen nur Zwanzigster und musste sich dazu vier Altersklassenathleten geschlagen geben.

«Ein Rennen zum Vergessen» nennt es Van Berkel. Angefangen bei seinem Fahrrad, das kaputt in Barcelona eintraf, über die miserable Leistung im Wasser bis hin zur Velostrecke, auf der er keinen Dampf hatte, war nichts Positives dabei. Abgesehen von der Erkenntnis: «Ich hätte die ganze Strecke gleich nochmals absolvieren können. Das wäre dann meine Distanz.» Am nächsten Morgen ist Jan van Berkel aufgewacht ohne Muskelkater, dafür mit dem guten Gedanken: «Wenn mich der Misserfolg in Barcelona dermassen ärgert, habe ich noch genügend Biss, um in Zürich ein weiteres Mal zu gewinnen.»

Erstellt: 22.05.2019, 20:26 Uhr

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