Dietlikon

Stella und die starken Männer

Auch im fünften Superfinal der Frauen stehen sich Titelverteidiger Chur und die Kloten-Dietlikon Jets gegenüber – ein ewiges Duell und Symptom dessen, was Nationalspielerin Tanja Stella neue Wege gehen liess.

Die nimmermüde Tanja Stella bringt die Gegnerinnen zum Rennen – wie hier im Playoff-Viertelfinal die Red Ants.

Die nimmermüde Tanja Stella bringt die Gegnerinnen zum Rennen – wie hier im Playoff-Viertelfinal die Red Ants. Bild: Nathalie Guinand

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Sie, die Lindsey Vonn des Unihockeys? Das bringt Tanja Stella zum Lachen. «Mit ihrem Glamour kann ich mich schlecht identifizieren», sagt sie. Anders als der inzwischen zurückgetretene US-Skistar, der jeweils flankiert von Hündchen Lucy an Medienterminen auftauchte, ist die 31-jährige Spielerin der Kloten-Dietlikon Jets ganz unspektakulär alleine zum Interview erschienen. Ganz abwegig sei der Vergleich trotzdem nicht, findet Stella. «Ich habe ähnliche Gedanken wie sie in Bezug auf unseren Sport.»

Es geht um das offensichtliche Gefälle im Schweizer Frauenunihockey, die Spitze ist klein, die Leistungsunterschiede sind auch innerhalb der NLA gross. Piranha Chur und Dietlikon machten die letzten sieben Titel unter sich aus, das Duell ist längst zum Klassiker geworden und steht im Superfinal von morgen Samstag neuerlich auf dem Programm. Stella, die pointiert formuliert, weiss, dass sie bei diesem Thema aufpassen muss. «Man klingt schnell überheblich, und das will ich nicht», sagt sie. Was der 31-jährigen Nationalspielerin in der Schweizer Liga fehlt, ist die Intensität, die wiederholte Möglichkeit, die eigenen Grenzen auszuloten: «Wir haben Trainings in Dietlikon, die intensiver sind als ein normales Meisterschaftsspiel.» Es gebe viele NLA-Spielerinnen, die talentierter seien als sie, bemerkt Stella. «Aber mit meiner Spielweise werde ich bei den Männern mehr herausgefordert.» Und damit wären wir wieder bei Lindsey Vonn, die vor gut zwei Jahren im Skizirkus mit ihrem Begehren, an einer Herren-Weltcupabfahrt zu starten, für Aufruhr sorgte. Auch Tanja Stella suchte diesen Sommer Unterschlupf in einem Männerteam und fand diesen am Pfannenstiel, wo sie ihre Freude am Unihockey zurückgewann.

Rücktritt vom Rücktritt

Eigentlich war der Rücktritt für Tanja Stella im vergangenen Frühling beschlossene Sache. Mit ihr hätte die NLA die letzte Spielerin verloren, welche die goldenen Jahre des UHC Dietlikon von 2006 bis 2009 nicht nur aus der Erzählung kennt, sondern wie ihre aktuelle Cheftrainerin Simone Berner mit von der Partie war, als die Gelb-Blauen das weltbeste Frauen-Unihockeyteam stellten. Insgesamt gewann sie mit den Glattalerinnen fünfmal die Meisterschaft und den Cup, dazu zweimal den Europacup und bestritt mehr als 100 Spiele für die Nationalmannschaft. «Der Superfinal hätte mein letztes Spiel werden sollen, aber es wurde nicht mein Spiel», sagt Stella. Das 3:5 gegen Chur war für die ehrgeizige Spielerin nicht der richtige Schluss. Und als dann auch noch Nationalcoach Rolf Kern sie für die anstehende Euro Floorball Tour aufbot, «da hatte er mich im Sack», bemerkt Stella und klingt dabei nicht, als würde sie ihren Rücktritt vom Rücktritt heute bereuen.

«Mit meiner 
Spielweise werde
ich bei den 
Männern mehr 
herausgefordert.»
Tanja Stella, Finalistin des UHC Dietlikon

In den kommenden Monaten trainierte die Nänikerin im Nationalteam, daneben mit den NLB-Männern vom UHC Pfannenstiel, sie zog ihr eigenes Physisprogramm durch, spielte aber keine Meisterschaft mehr. Das kam nicht überall gut an. Als sie im September das nächste Aufgebot für die Schweizer Auswahl erhielt, wurde sie vom Verband aufgefordert, wieder auf Nationalliganiveau in den Spielbetrieb einzusteigen. «Es geht uns darum, die Spielerinnen gleich zu behandeln. Alle sollen sich mit Matchpraxis für das Nationalteam empfehlen», lautet die Begründung von Reto Balmer, Leiter Sport von Swiss Unihockey. Tanja Stella versteht den Punkt, bemerkt aber auch, dass die Trainings mit den Männern sie weitergebracht hätten. «Ich war gefordert meine Entscheidungen schneller zu treffen, härtere Pässe zu spielen. Und das kombiniert.» Heiss auf den Zweikampf und kühl im Kopf, das ist Tanja Stellas Spiel. Sie sucht die Zone, in der sie nichts zurücknimmt, keine Sekunde überlegt, ob es sich lohnt, wirklich in die Ecke zu rennen. Die Pulsuhr hat Stella hierzu die Daten geliefert: Nicht einmal ein Berglauf kann sie physisch so sehr fordern, wie das die Trainings beim UHC Pfannenstiel getan haben. Im Gegenzug haben auch die damaligen NLB-Spieler etwas von ihr lernen können. Pfannenstiels Teammanager Christof Maurer sagt: «Sie hat den Jungs gezeigt, was Professionalität und unbedingter Einsatz bedeutet. Auch im Training ist sie zum Auswechseln zur Bank zurückgerannt und nicht geschlendert.» Obwohl Tanja Stella akzeptiert war, musste sie schnell erkennen, dass ein Mitwirken in der NLB-Meisterschaft der Männer für sie als Frau utopisch war. «Das wäre nicht gesund gewesen», stellt sie fest. «Sie hätten mich schonen müssen.» Und das ist das Letzte, was Stella wollte.

Kraftdemonstration im Cup

Also kehrte die Nationalverteidigerin zu ihrem Stammverein Dietlikon zurück, dessen Frauen-NLA-Team nach der Grossfusion nun unter dem Namen Kloten-Dietlikon Jets auftrat. Ein anderer Klub kam für sie nicht infrage und auch das Team sprach sich für die ehemalige Mitspielerin aus. Spätestens ihr Auftritt im Cupfinal gegen Chur machte klar wieso: Stella leitete gut zehn Minuten vor Schluss mit einem Gewaltschuss ins hohe Eck zum 1:2 die Wende ein, Dietlikon holte daraufhin noch den Cup. Für den Kommentator des Schweizer Fernsehens kam Stellas Treffer überraschender als für die Torschützin selbst. Sie könne sich in eine Stimmung bringen, in der sie plötzlich überzeugt sei, dass sie das Spiel reisse, sagt Stella und verzieht das Gesicht: «So peinlich gejubelt wie bei diesem Tor habe ich noch nie. Aber ich wollte Kraft demonstrieren.»

Als Tussi auf der Bühne

Tanja Stella mag die grosse Bühne, zieht aber auch mal die kleine vor. In der Qualifikation fehlte sie ausgerechnet im Spitzenkampf gegen Chur, weil sie sich um ihre Nägel kümmern musste. Im Chränzli des Gemischten Chors Nänikon stand sie als aufgetakeltes Püppchen auf der Bühne. Die überzeichnete Tussi war ihre erste Rolle in einer Aufführung der Theatergruppe, der ihr Vater Peter Stella seit fast 30 Jahren angehört. Mit ihm gemeinsam auf der Bühne zu stehen, war für Tanja Stella eine Herzensangelegenheit. Nach dem Tod ihrer Mutter vor etwas mehr als vier Jahren verspürte sie den starken Wunsch, etwas mit ihrem Vater zu unternehmen, das sie beide über den Alltag hinaus verbindet. Er habe viel für ihre Karriere getan, sagt die Tochter. Auch im Sommer 2015, nachdem ihre Mutter gestorben und neben ihrem Vater diese schmerzhafte Leerstelle entstanden war, habe er sie unterstützt. Damals entschied sich Tanja Stella, der Trauer zum Trotz nochmals nach Schweden, wo sie damals unter Vertrag war, zurückzukehren und eine fünfte Saison beim Spitzenklub Endre anzuhängen.

Dietlikons Final-Fluch

In ihrem letzten Jahr in der schwedischen Superliga schaffte sie es mit Endre unter die besten vier Teams und besiegte auf der Insel Gotland den «Halbfinal-Dämon», der seinen Schrecken aus Endres langer Serie von Viertelfinalniederlagen speiste. Zurück in Dietlikon, kämpfte Stella fortan gegen den Final-Fluch.

Siebenmal hintereinander standen die Gelb-Blauen im Final, immer gegen Chur, und stets siegten die Bündnerinnen – mit einer Ausnahme: 2017. Tanja Stella ist optimistisch, dass morgen, im achten Duell, die Reihe wieder einmal an den Unterländerinnen ist. Die Breite im Kader sei heuer die grosse Stärke ihres Teams, findet sie. «Wir hatten in den letzten Jahren nie ein so hohes Niveau über drei Linien wie jetzt. Zudem haben wir im Cupfinal gezeigt, dass wir Chur schlagen können.» Auch eine Niederlage würde für Tanja Stella diesmal nicht das Ende bedeuten. Sie hat bei den Kloten-Dietlikon Jets bereits für ein weiteres Jahr unterschrieben.

Erstellt: 25.04.2019, 22:34 Uhr

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Kein Favorit im Männer-Final

Im Superfinal um die Schweizer-Meister-Titel greift im Duell der Männer Wiler-Ersigen morgen Samstag in Kloten gegen die Grasshoppers nach dem zwölften Triumph. Ein Favorit ist im Gipfeltreffen der Männer schwer auszumachen. Die Grasshoppers wurden mit fünf Punkten Vorsprung Qualifikationssieger, verloren in der Meisterschaft aber beide Male gegen Wiler-Ersigen (3:5, 2:6). Dafür setzten sie sich im Cup-Viertelfinal im Direktduell durch (6:2). Mit dem Klotener Nationalgoalie Pascal Meier haben die Zürcher, die an der WM im Dezember mit sechs Spielern doppelt so viele Schweizer Internationale wie Wiler-Ersigen stellten, ihren vielleicht grössten Trumpf zwischen den Pfosten. Zu rechnen ist in dem mit 8000 Zuschauern wiederum ausverkauften Klotener Eishockeystadion nicht nur deshalb mit einem eher torarmen Final. Wiler-Ersigen präsentierte sich in der Defensive bislang ähnlich stabil. (sda)

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