Bülach

Vielfacher Neubeginn in Neuquen

Neue Rennklasse, neue Marke, neues Motorrad, neue Mechaniker und Teamkollegen – der Bülacher Jeremy Seewer hat vor der neuen Saison, die am Wochenende mit dem GP von Argentinien in Neuquen beginnt, viel Wandel erlebt.

Jeremy Seewer während einer Testfahrt auf Sardinien. Als Neuling möchte er in der Motocross-Königsklasse das Klassement durcheinanderwirbeln.

Jeremy Seewer während einer Testfahrt auf Sardinien. Als Neuling möchte er in der Motocross-Königsklasse das Klassement durcheinanderwirbeln. Bild: PD

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«Nach zehn Jahren auf Suzuki-Maschinen und zuletzt im Werks­team habe ich schon fast jedes Schräubli gekannt», erzählt Jeremy Seewer, «jetzt bei Ya­maha ist alles neu: der Töff, die Technik, die Umgebung. Es hat natürlich ein bisschen Zeit gebraucht, bis ich mich an die Abläufe im neuen Team gewöhnt ­habe – und sich umgekehrt auch die Mechaniker auf mich eingestellt haben.» Zur Erinnerung: Nachdem sein bisheriges Team Suzuki kurz nach dem Ende der vergangenen Saison den Rückzug aus dem Motocross-Rennsport verkündet hatte, stand der 23-Jährige im Herbst 2017 plötzlich ohne Vertrag da. Ausgerechnet in der Zeit des altersbedingten Übertritts in die höchste WM-Rennkategorie MX GP.

Lange musste der zwei­fache Vizeweltmeister der MX-2-WM-Serie indes nicht nach einem ­neuen Arbeitgeber suchen. Das niederländische Team Wilvo Yamaha nahm ihn als dritten Fahrer neben dem Genfer Arnaud Tonus und dem Briten Shaun Simp­son unter Vertrag (Ausgabe vom 19. Dezember 2017). Trotz der Eile, mit welcher der Wechsel über die Bühne ging, scheint Wilvo Yamaha sich nicht nur wegen der geografischen Nähe zu seinem Wohnort im belgischen Lommel als gute Wahl für Jeremy Seewer zu entpuppen. «Ich bin von Anfang an sehr gut aufgenommen worden», sagt er, «ich verstehe mich sehr gut mit dem Team­chef, den Mechanikern, den Team­kollegen, und fühle mich schon sehr wohl hier.» Dabei werde er als dritter Fahrer – die meisten Teams setzen auf deren zwei – punkto Material keinesfalls schlechter behandelt als Tonus und Simp­son. «Natürlich bin ich neu in der MX-GP-Klasse, aber ich komme auch als zweifacher Vizeweltmeister in der MX-2-WM-Serie und habe viel Erfahrung und Erfolge gesammelt», sagt er selbstbewusst, «­darum baut die Teamleitung ja auch auf mich. Da wäre es doch nicht logisch, wenn ich minderwertiges Material bekäme.»

Der Kampf gegen die Kilos

Apropos Material: Hier sieht ­Jeremy Seewer noch Potenzial zur Optimierung. Das Verhältnis zu seinem neuen Renngefährt ­beschreibt er als «noch weit weg von perfekt, aber für die kurze Zeit schon recht gut». Seewer und seine­ Mechaniker tüfteln ­daran, die YZ 450 Z optimal auf ihn ab­zu­stimmen. Dabei dreht sich vieles um das Gewicht. «Jedes Kilo­gramm macht die Maschine schwerfälliger und damit anspruchsvoller zu fahren», erklärt Seewer. Daher arbeite das Team hart daran­, unnötige Teile zu entfernen oder einzelne Komponenten mit leichteren Materialien ein­zubauen.

Für den 23-Jährigen ist das heuer besonders wichtig, da er sich auf die neue Saison hin nach seinem altersbedingten Wechsel in die MX-GP-Kategorie ohne­hin an ein deutlich schwereres Sportgerät gewöhnen muss. Die Motorräder der Motocross-Königsklasse mit ihren 450 Kubikzentimetern (ccm) Hub­raum wiegen zwischen fünf und acht Kilogramm mehr als jene der MX-2-WM-Serie mit ihren bis zu 250 ccm, auf denen Seewer in den vergan­genen beiden Saisons jeweils Vizeweltmeister wurde.

Mehr Muskelmasse hat er sich deswegen zwar nicht antrainiert. «Das Physische ist aber auf jeden Fall wichtig, ich habe darum wie immer im Winter viel Kraft trainiert», führt Seewer aus, «und durch das Training mit dem schwe­reren Motorrad wird mein Körper sicherlich auch von ­alleine die benötigten Muskeln stärken.» Allzu grosse Muskelberge aufzubauen, um der grossen Maschinen Herr zu werden, emp­fiehlt sich indes aus zwei Grün­den nicht. «Erstens ist es auch ein Ausdauersport, ­darum sind zu grosse Muskeln gar kein Vorteil, weil sie für die Ausdauerfähigkeit eher kontraproduktiv wären» sagt Seewer, «und zwei­tens sind die MX-GP-Töffs ihrem Fahrer immer über­legen. Sie kann man definitiv nicht mit Kraft fahren, sondern braucht vielmehr eine gute Fahrtechnik.» Ge­rade, weil die 450-ccm-Gefährte schwerfälliger zu steuern sind, komme es in seiner neuen Kategorie stärker auf eine vor­aus­schauende, überlegtere Fahrweise an als in der MX-2-WM-Serie. «Das kommt mir mit Sicherheit entgegen», schätzt er.

20 Siegfahrer am Start

Den grössten Unterschied zwischen der MX-GP- und der MX-2-WM-Serie sieht Jeremy Seewer in der grösseren Leistungsdichte des Teilnehmerfelds: «Im MX GP gibt es wirklich sehr, sehr viele sehr gute Fahrer. Rund 20 von ihnen­ haben schon mindestens ein WM-Rennen gewonnen, wäh­­rend in der MX-2-WM-Serie meistens nur etwa fünf Fahrer für den Sieg infrage kommen.» In den MX-GP-Rennen werde daher auch um den 13. Platz hart gekämpft. Spektakuläre Aufhol­jagden, wie sie dem Bülacher in der Vergangenheit nach einem Sturz oder einem mässigen Start immer wieder gelangen, sind unter solchen Voraussetzungen ungleich schwieriger zu schaffen.

Insofern könnte sich der abrupte Wechsel von Suzuki zu Yamaha gar als Vorteil entpuppen. Hatte Seewer doch in der vergangenen Saison lange unter den, verglichen mit den Top- Konkurrenten, schlechteren Starteigenschaften seines Motorrads zu kämp­fen. «Die Leistung meines neuen Töffs stimmt auf jeden Fall, das ist eine Grundvoraus­setzung für einen guten Start», erklärt er optimistisch.

«Fit und parat»

Gelingen ihm und seinem Team die nötigen Anpassungen, hält Jeremy Seewer einen Top-10-Platz in der Gesamtwertung seiner MX-GP-Premierensaison für realistisch. Im GP von Argentinien, der übermorgen Samstag in Neuquen mit dem Qualifying beginnt, möchte er um Platz 10 fahren. Nach einer optimalen Vorbereitungszeit mit zuletzt fünf Wochen Training auf Sardinien fühlt er sich dafür «körperlich fit und parat, in dem Bereich ist alles perfekt». Weitere Verbesserungen in Sachen Material vorausgesetzt, lägen später in der Saison «sicher auch einmal Top-5-Resultate drin», schätzt Seewer. Am Heim-Grand-Prix vom 18./19. August in Frauenfeld könnte es so weit sein.

Erstellt: 28.02.2018, 19:24 Uhr

Die Startnummer

Ein Leben lang 91

Für Jeremy Seewer hat sich vor seiner ersten Saison in der Motocross-Königsklasse MX GP sehr vieles verändert. Eines aber ist gleich geblieben: die Startnummer. Mit der «91» prescht der Bülacher schon seit einigen Jahren über die Rennpisten.

Da die Zahl zum Zeitpunkt seines Debüts in den WM-Serien noch frei war, konnte Seewer sie damals auswählen – und wird sie nun lebens­lang behalten, da die WM-Startnummern jeweils nur einmal vergeben werden. Ursprünglich ausgesucht hatte der 23-Jährige die Zahl als Hinweis auf einen seiner ersten Spon­­soren: Moto 91 in Höri. Eine Zusammenarbeit, die weit über das Sponsoring hinausgeht. Denn Denis Birrer, Gründer und Inhaber des Motorradhändlers in Höri, fungiert bis heute als Jeremy­ Seewers Manager. (pew)

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