Orlik gegen Glarner: Die grosse Revanche

2016 wurde Matthias Glarner Schwingerkönig, Armon Orlik lag im Sägemehl. Jetzt treffen sie wieder aufeinander.

Die Entscheidung am letzten «Eidgenössischen»: Der Berner Matthias Glarner (oben) legt den Bündner Armon Orlik auf den Rücken. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Die Entscheidung am letzten «Eidgenössischen»: Der Berner Matthias Glarner (oben) legt den Bündner Armon Orlik auf den Rücken. Foto: Urs Flüeler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

28. August 2016: Armon Orlik und Matthias Glarner reichen sich vor dem Schlussgang des «Eidgenössischen» in Estavayer die Hand. Glarner geht mit einem klaren Plan in den Kampf. Er hat den Gegner das ganze Wochenende über beobachtet, weil er ein direktes Duell vermutete – «und aus Begeisterung. Ich wurde ein richtiger Fan von Armon.»

Der Berner, damals 30 Jahre alt, zeigt eine taktisch königliche Leistung. Er bodigt das 21 Jahre alte Ausnahmetalent in der 14. Minute. Ehe der neue Schwingerkönig jubeln wird, spricht er dem am Boden liegenden Kontrahenten Trost zu. Nach dem Kampf sagt Orlik: «Ich werde es wieder versuchen.»Glarner sagt: «Armons Zeit wird kommen.»

18. Juni 2017: Der Frühling nach dem «Eidgenössischen» und vor dem Unspunnenfest. Orlik verletzt sich nach gelungenem Saisonstart am Nacken. Er hat kurzzeitig Lähmungserscheinungen, muss einige Wochen lang pausieren. Beim «Nordostschweizerischen» in Davos kehrt er zurück, verliert den Schlussgang gegen Samuel Giger. «Ich darf gesund nach Hause gehen und bin auf gutem Weg», sagt Orlik.

Matthias Glarner erlebt einen durchzogenen Auftakt in sein erstes Jahr als König. Er verpasst beim «Oberaargauischen» gar den Kranz, sagt aber: «Es fehlt wenig bis zum ‹Estavayer-Mätthel›. Ich bin auf gutem Weg.»

27. Juni 2017: Der Schwingerkönig lässt sich für die «Schweizer Illustrierte»fotografieren. Für das Shooting begibt er sich in Meiringen-Hasliberg auf eine Gondel. Als Personalbetreuer der Bergbahnen führt Glarner auch Arbeiten in der Höhe aus. Bei der Rückfahrt in die Station verheddert sich das Sicherungsseil, später reisst es. Glarner fällt auf das Kabinendach und danach zwölf Meter in die Tiefe. Er zieht sich Verletzungen am Becken und am Sprunggelenk zu, wird im Inselspital sechs Stunden lang operiert. «Im Normalfall zieht sich ein Mensch bei einem solchen Sturz lebensgefährliche Verletzungen zu», sagt der behandelnde Arzt Klaus Siebenrock, «der grosse Dank geht an die Meiringer Schutzengel.»

3. Juli 2017: Orlik dominiert beim «Bündner-Glarner». Die Zeitung «Südostschweiz» titelt: «Armon Orlik auf dem Weg zurück zu alter Stärke». Für Glarner beginnt derweil eine neue Zeitrechnung, wie er an der Pressekonferenz im Inselspital sagt. «Den Sturz trage ich in meinem Rucksack. Das ‹Eidgenössische› 2019 in Zug bleibt mein Fernziel. Gestern lief ich erstmals 20 Meter an Krücken. Danach fühlte ich mich, als hätte ich soeben ein halbes ‹Eidgenössisches› absolviert.»

27. August 2017: Orlik tritt als Mitfavorit beim Saisonhöhepunkt Unspunnenfest an. Er unterliegt Joel Wicki im fünften Kampf, verletzt sich an den Rippen, verpasst den Schlussgang. Glarners Leistung des Tages besteht darin, mit Krücken die 40 steilen Stufen auf die Pressetribüne zu bewältigen.

2./4. Mai 2018: Beinahe gleichzeitig geben Orlik und Glarner ein grösseres Interview. Orlik hat 2018 bereits drei Feste für sich entschieden. Die «Südostschweiz» meint: «Ihre Schwäche ist, dass Sie zu wenig Maximalnoten erreichen.» Orliks Replik: «Das stimmt nicht. Und manchmal braucht es diese Note nicht, da reicht ein normaler Sieg.»

Dieser Orlik hat Probleme, könnte sich Glarner denken. Er hat seit dem Gondelsturz noch keinen Wettkampf bestritten und sagt in der «Berner Zeitung»: «Es ist nur das Fest in Zug, welches mich antreibt. Es wird eine riesengrosse Challenge, vielleicht eine zu grosse.»

24. Juni 2018: Orlik steht 2018 nach acht Wettkämpfen bei sieben Siegen. Beim Nordostschweizer Jubiläumsfest in Herisau bezwingt er Joel Wicki und Schwingerkönig Kilian Wenger. Orlik sagt: «Heute hat alles gestimmt. Alltag ist so etwas nie.»

Am selben Sonntag bestreitet Glarner sein erstes Bergfest nach langer Pause: Am Schwarzsee bricht er das Pensum nach drei Gängen wegen Schmerzen im Fuss ab. Danach fasst er den Entschluss, den linken Fuss ein zweites Mal operieren zu lassen. Nach dem Eingriff verkündet er auf Facebook: «Never give up!»

8. Februar 2019: Orlik und Glarner stehen zum ersten Mal seit Estavayer miteinander im Sägemehl – oder eher: nebeneinander. Im Rahmen des Spitzensport-WKs fungiert der Berner als Trainingsleiter. Mitschwingen darf er nach seiner zweiten Operation nicht. Glarner zeigt sich skeptisch und sagt: «Den Clown spielen werde ich in Zug sicher nicht. Entweder kann ich meine Rolle als amtierender Schwingerkönig würdig ausfüllen, oder ich lasse es bleiben.» Währenddessen trainiert Orlik intensiv mit den Besten. «Es ist von zentraler Bedeutung, dass du das Verhalten im Zweikampf auf höchstem Level üben kannst», sagt er. «Für mich ist diese Vorbereitung perfekt.»

7. Juli 2019: Orlik beendet das «Innerschweizerische» auf dem dritten Rang. Es handelt sich um das erste Kranzfest des Jahres, an welchem der 24 Jahre alte Maienfelder antritt, es aber nicht als Sieger beendet. Er bleibt 2019 ohne Niederlage – und Glarner voller Zweifel. Er hat zu diesem Zeitpunkt gerade einmal zwei Wettkämpfe bestritten und kommt nicht auf Touren. Der Schwingerkönig lässt offen, ob er in Zug den Titel verteidigen wird.

11. August 2019: Orlik kriegt beim Aufwärmen auf der Schwägalp einen Zwick in den Rücken. Er beendet das Fest nach einem Gang. Die Teilnahme am Saisonhöhepunkt ist nicht in Gefahr. Gleichentags erleben die Zuschauer beim Berner «Kantonalen» die Auferstehung des Königs. Glarner gewinnt fünf Kämpfe, erreicht den Schlussgang, macht aus dem Frage- ein Ausrufezeichen. Er sagt: «Endlich habe ich die Überzeugung, dass ich am ‹Eidgenössischen› konkurrenzfähig sein kann. Cool, ist dieser Tag gekommen.»

24. August 2019: Drei Jahre nach dem Schlussgang von Estavayer wird es zur Revanche kommen, werden Orlik und Glarner am «Eidgenössischen» in Zug im ersten Gang aufeinandertreffen.

Vor dem Kampf sagt Orlik: «Die Ausgangslage ist eine andere. Es gibt Druck.» Glarner sagt: «Ich bin extrem dankbar für diese Chance.»

Erstellt: 23.08.2019, 11:50 Uhr

Umfrage

Wer wird Schwingerkönig am Eidgenössischen in Zug?













Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles