«Auf dem Court kennt Rafa keine Freunde»

Francisco Roig (51), der Rafael Nadal in Wimbledon betreut, spricht vor dem Halbfinal gegen Roger Federer über die grösste Stärke seines Schützlings.

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Ist Rafael Nadal bereit, zum dritten Mal Wimbledon zu gewinnen?
Francisco Roig: Ihm fehlen nur noch zwei Siege, aber es ist noch ein langer Weg. Vor allem, wenn man sieht, wer noch dabei ist. Sein Niveau stimmt. Aber das reicht nicht. Man braucht auch etwas Glück. Schon letztes Jahr spielte er sehr gut, war er nahe dran. Hätte er diesen unglaublichen Halbfinal gegen Djokovic gewonnen, ich hätte ihm im Endspiel eine sehr gute Chance gegeben. Denn Anderson hatte einen kräfteraubenden Halbfinal in den Beinen.

Was gefällt Ihnen bei Nadal derzeit am besten?
Dass er Spass hat auf dem Court. Wenn er sich wohlfühlt auf Rasen, spielt er sehr gerne hier. Er weiss, dass er auf dieser Unterlage vom ersten Schlag an attackieren muss. Dafür musst du die richtige Einstellung mitbringen. Auf Sand oder auch auf vielen Hartplätzen kann er die Punkte anders aufbauen als hier. Mir gefällt sein Spiel. Er schlägt gut auf, retourniert stark. Gegen Querrey, der ja ein exzellenter Aufschläger ist, brachte Rafa fast jeden Return zurück ins Feld, wenn er den Ball berührte. Er spielt gut mit Slice, die Rückhand gefällt mir auch. Rafa ist happy, und dann bin ich auch happy.

Roger Federer sagte, Nadal habe sein Spiel auf Rasen mit den Jahren stark verändert. Inwiefern?
Nicht nur auf Rasen, überall. Auch auf Sand. Im Paris-Final wollte er keine langen Ballwechsel spielen. Thiem ist jung und kraftvoll, er kann diese Ballwechsel gut mitgehen …

(Federer-Manager Tony Godsick läuft vorbei.)

Roig: Nehmt euch vor diesem Mann in Acht!

Godsick (lacht): Mein Sohn Nicolas trainiert bei Francisco in der Akademie in Barcelona.

Roig: Ja, leider ... (Godsick schmunzelt und läuft weiter.) Wo waren wir? Ach ja, beim Paris-­Final. Wir haben das Spiel analysiert und sahen: Thiem gewann mehr der langen Ballwechsel, ­Rafa dafür die meisten kurzen. Er verfügt heute über ein grösseres Repertoire als früher. Er spielt weniger schematisch, baut mehr Richtungswechsel ein. Vor allem mit der Rückhand. So öffnet er den Court, bringt seine Vorhand in Position. Diese Veränderungen sind der Grund, wieso er immer noch so erfolgreich ist. Ich sage nicht, dass er ein besserer Spieler ist als 2005. Damals war er körperlich in einer besseren Verfassung. Aber heute hat er mehr Möglichkeiten.

«Ich sage nicht, dass er ein besserer Spieler ist als 2005.»

Wie kann man einen Spieler wie Nadal verändern, der so erfolgreich war mit seiner alten Spielweise?
Zuerst einmal muss er es selbst wollen. Er hat von Anfang an akzeptiert, dass er sich entwickeln muss, weil er körperlich abgebaut hat. Als er 21 war, zum dritten Mal das French Open gewonnen hatte, fragte ich ihn in Queen’s: Was denkst du, bis wann wirst du Tennis spielen? Er sagte: maximal bis 27, 28. Jetzt ist er 33 und geniesst es immer noch in vollen Zügen.

Wie erklären Sie sich das?
Natürlich ist die körperliche Verfassung wichtig. Aber noch viel wichtiger ist der Kopf. Darin spielt sich so viel ab. Was diese drei machen, Rafa, Roger und Novak, das ist unglaublich. Wenn du nicht geniesst, was du täglich tust, geht das auf diesem Niveau nicht. Wenn du die Leidenschaft verlierst, ist es vorbei. Und man darf auch nicht zu weit vorausdenken. Nur schon das US Open ist weit weg. Diese Jungs nehmen Tag für Tag, und es geht einfach immer weiter.

In Paris sprach Nadal darüber, dass er nach der neuerlichen Verletzung in Indian Wells Motivationsprobleme gehabt habe. Wie erlebten Sie dies?
Nach Indian Wells hatte er in der Tat für längere Zeit keine Energie. Und Rafa muss voll bei der Sache sein, sonst fällt sein Level stark ab. Das ist bei ihm im ganzen Leben so. Er kann die Dinge nicht mit 80-prozentiger Hin­gabe tun. Es braucht immer 100 Prozent. Er ist einfach ein geborener Wettkämpfer.

«Zum Glück spielen wir nie um Geld.»

Sie spielen ja oft Golf mit ihm. Wie ist er da?
Das können Sie sich nicht vorstellen. (lacht) Genau gleich. Und er hat ein exzellentes Ballgefühl. Er hat ein Handicap von 1, ich bin bei 10. Er gibt mir jeweils zehn Schläge Vorsprung und gewinnt trotzdem immer. Zum Glück spielen wir nie um Geld.

Verblüfft es Sie, wie schnell er nach Verletzungen stets auf sein Topniveau zurückkehrt?
Ich erlebe ihn ja täglich im Training. Ich weiss, welch unglaubliche Fähigkeiten er hat. Wenn dann noch das Selbstvertrauen dazukommt, geht es sehr schnell. Ich erwarte nicht, dass er das erste Turnier nach einer Pause gewinnt. Er braucht ein paar Matchs. Wie in dieser Sandsaison, als er in Monte Carlo überhaupt nicht bereit war und in Barcelona litt. Gegen Thiem fühlte er sich da erstmals wieder besser. Obschon er verlor. Er ­sagte: Jetzt weiss ich wieder, was ich tun muss. Und natürlich hat Paris sein Vertrauen weiter ­gestärkt.

Wie ist es für Sie, im Schatten zu stehen von Carlos Moya und früher von Toni Nadal?
Ich arbeite bald 15 Jahre mit Rafa. Das ist eine lange Zeit. Toni machte jeweils alle Grand Slams, ab und zu war ich da auch dabei. Und ich betreute Rafa an anderen Turnieren. Mit Carlos ist es anders. Wir machen jeweils zu Beginn des Jahres den Plan, wer wo dabei ist. Er ist in Australien und Paris, ich in Wimbledon, und am US Open sind wir zusammen.

«Wir müssen uns schon einiges überlegen gegen Federer.»

Und wie schätzen Sie Federers Form in Wimbledon ein?
Wenn er sich körperlich gut fühlt, spielt er gut auf Rasen. Und das tut er. Er hat in den letzten Matchs gegen Rafa immer stark ­gespielt. Auch in Paris. Das war trotz des extremen Windes noch ein guter Match. Wir müssen uns schon einiges überlegen gegen Federer. Aber mehr verrate ich natürlich nicht. (lacht)

Wer ist der Favorit?
Es ist offen.

Nadal scheint sich besser zu verstehen mit Federer als mit Djokovic. Hat das auch einen Einfluss auf dem Court?
Nein. Auf dem Court kennt Rafa keine Freunde. Er und Federer haben eine gute Beziehung, aber wenn sie auf den Platz schreiten, wissen beide, wie viel auf dem Spiel steht. Und was das für die Tenniswelt bedeutet. Für mich ist das die grösste Rivalität im Sport überhaupt.

Wo waren Sie 2008, bei ihrem letzten Duell in Wimbledon?
Ich war zu Hause, habe den Match am Fernsehen genossen. Ach, ist das lange her! Rafa schaut sich das Video von jenem Spiel immer gerne an.

Nun auch wieder, vor diesem Halbfinalduell?
(schmunzelt) Wahrscheinlich schon. Die beiden haben sich zwar stark verändert, was ihr Spiel betrifft. Aber jene Bilder zu sehen, gibt Rafa ein gutes Gefühl.

Erstellt: 11.07.2019, 20:15 Uhr

Francisco Roig

Als Spieler schaffte es Francisco Roig (51) auf Rang 60 im Einzel und gewann neun Doppeltitel. Der Spanier ist seit 2005 der zweite Coach von Rafael Nadal und nimmt nun neben Carlos Moya eine prominentere Rolle ein. So betreut er Nadal in Wimbledon allein. Roig ist technischer Leiter der BTT-Akademie in Barcelona, in der João Sousa (ATP 69) gross wurde. In Wimbledon spielte sich der Portugiese in den Achtelfinal, scheiterte aber an … Nadal. (sg.)

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