Analyse

Nicht die Spielweise, sondern das Resultat zählt

Die Eishockey-Nationalmannschaft wird wohl unter Patrick Fischer auch an die nächsten Turniere reisen. Aber der Trainer muss sich Fragen stellen. Es geht um die sportliche Entwicklung eines Produkts, dessen Verkaufswert zu sinken droht.

Da vergeht allen den Spass, wenn am Ende das Resultat nicht stimmt: Felix Hollenstein (v.l.), Reto von Arx und Patrick Fischer.

Da vergeht allen den Spass, wenn am Ende das Resultat nicht stimmt: Felix Hollenstein (v.l.), Reto von Arx und Patrick Fischer. Bild: Keystone

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Spektakulär in die Niederlage wie im siebten WM-Match gegen die Tschechen. Ein 4:5, das heroisch daherkommt. Aber schon in einigen Tagen spricht niemand mehr über die Art und Weise des Scheiterns. Dann steht unter dem Ergebnisstrich einfach: Platz 11, Ziel verpasst. Dann ist es egal, wie Angestrebtes nicht erreicht wurde. Es kann ja nicht sein, dass man am Ende einer WM davon schwärmt, wie offensiv toll die Schweiz in den Niederlagen ausgesehen hat. Gegen Norwegen, gegen Kasachstan oder beim Punktverlust gegen die Dänen.

Bei einer Weltmeisterschaft zählt das Gleiche wie in den Playoffs: Siege. Die Art und Weise, wie sie erreicht werden, ist bedeutungslos. Gemessen wird eine Mannschaft immer an den Erfolgen. Und die Schweizer sind seit dem 2. Rang von 2013 der Weltspitze nicht näher­gekommen, sondern sie haben von ihr eher Abstand genommen.

So, wie man nach dieser WM endlich Abstand nehmen soll von der Mär, dass die Breite von international tauglichen Spielern im Schweizer Eishockey grösser geworden sei. Auch Moskau hat es gezeigt. Es reicht nicht einmal für 22 taugliche Spieler, sonst hätten Martschini oder Haas nicht nur auf der Tribüne sitzen müssen. Tatsache ist: Die Ausrede mit der Breite wird nur dazu genutzt, um irgendwelche Aufgebote während der Meisterschaft zu rechtfertigen, die so gemacht werden, damit sich einige Klubs nicht beschweren müssen, ihre Spieler würden zu sehr belastet.

Und die nächste Tatsache ist: In den guten europäischen Ligen (in der NHL sowieso) absolvieren die Spieler mehr Partien. Sie sind deshalb offenbar nicht schlechter als die Schweizer, sondern eher noch robuster und taktisch besser geworden. Das müsste doch auch die NLA-Klubs interessieren.

Die Norweger, Dänen und Kasachen punkteten (die Letten hätten es beinahe getan nach einem 0:3-Rückstand) deshalb gegen die Schweiz , weil sie bereit ­waren, sich mit der WM-Realität aus­ein­ander­zu­setzen. Sie spielten Playoff-Eishockey, die Schweizer nicht.

Playoff-Eishockey beginnt immer hinten. Wer keine Tore kassiert, der muss sich nicht darüber ärgern, dass er vorne die Chancen nicht verwertet, der kommt nicht unter Druck, dieses Tor jetzt unbedingt schiessen zu müssen. Das Spiel im eigenen Drittel ohne und mit Scheibe haben die Schweizer ausser Acht gelassen. Sie sprachen stets von den vielen Torschüssen und den verpassten Chancen, aber nie von den Toren, die sie den Gegnern schenkten. Die Swiss Ice Hockey Federation trägt am Verpassen des Ziels Mitschuld. Sie hat in Aktionen von eher bescheidenem Niveau zuerst Glen Hanlon entlassen und Kevin Schläpfer doch nicht bekommen. Zum Glück fand sich das Trio, das sich zur Verfügung – aber auch die Bedingungen – stellte. Die «Swissness» in den Vordergrund zu rücken, hatte durchaus auch finanzielle Aspekte. Schweizer Trainer sind (noch) günstiger als ausländische.

Dass der Anstellung von Fischer, Hollenstein und von Arx noch immer ein Geruch von «Marketingtaktik» anhaftet, dient der Sache nicht. Es muss für die Nationalmannschaft der beste Trainer gefunden werden, nicht in erster Linie ein Schweizer. Die nationale Trainer­kultur ist keine riesengrosse Bewegung, die Auswahl höchst beschränkt.

Selbst die Schweden suchten einst ihr Heil im Ausland. Die Kanadier Ed Reigle (1957 bis 1960) und Bill Harris (1971/72) führten als «Reichstrainer» einst «Tre Kronor». Und die Finnen waren sich nicht zu schade, unter einem Schweden Weltmeister zu werden (1995 mit Curt Lindström) oder später Doug Shedden (2008) zu verpflichten.

Warum das heute nicht mehr so ist? Weil Eishockeytrainer ein gefragter Beruf ist in den Ländern. Alle 15 Vereine der finnischen SM-Liiga werden von einem finnischen Cheftrainer geführt, assistiert von Finnen. Alle 14 Klubs der schwedischen SHL sind – nachdem letztes Jahr das Experiment von MoDo mit Larry Huras kläglich gescheitert ist – in schwedischen Trainerhänden. Dort gibt es Nachwuchs, dort gibt es Konkurrenz.

In der NLA sind – Stand heute – mit Arno Del Curto, Kevin Schläpfer und Gerd Zenhäusern drei Schweizer Trainer engagiert. Dazu sind noch einige wenige auf dem Markt. Aber wie gut sind sie?

Patrick Fischer kann zeigen, dass er ein guter Trainer ist – indem er vor der Vertragsverlängerung klare Signale gibt, am Spielstil der Mannschaft etwas zu ändern. Auch Ralph Krueger wurde einst vom «offensiven Wahn» befallen, nach Rang 6 von St. Petersburg warf er seine Taktik der defensiven Sicherheit über Bord. Er scheiterte in Deutschland (Rang 9) und Schweden (Platz 10). Nachher folgten die von vielen als «langweilig» bewerteten Viertelfinalqualifikationen (fünf von 2003 bis 2009). Krueger brachte die Schweiz in acht von zwölf WM-Turnieren unter die besten acht Teams (es wurden nicht immer Viertelfinals gespielt), das ist eine Erfolgsquote von 66,6 Prozent. In den sieben Jahren danach gabs zwar den Ausschlag nach oben mit Silber, aber nur drei Viertelfinalplätze (42 Prozent).

Das Schweizer Nationalteam muss nach dem Auf und Ab der letzten Jahre endlich wieder festen Boden unter die Füsse kriegen. Eine Einschätzung der Situation nur aus sportlicher Sicht ist dringend nötig. Sonst wird die Landung sehr hart. Die Abstiegsgefahr in Moskau war so klein nämlich nicht.

In der Weltrangliste halten die Schweizer trotz Platz 11 von Moskau ­ihre Position 7. In zwei Jahren aber fällt die WM 2013 mit Platz 2 aus der Rechnung und die Schweiz – wenn sie so weitermacht – aus den besten acht Teams. Und das liesse sich dann wirklich nicht gut verkaufen. ()

Erstellt: 19.05.2016, 11:34 Uhr

Eine Analyse zum Zustand der Schweizer Nationalmannschaft von Roland Jauch, Sportredaktor (Bild: Heinz Diener)

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