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Warum jetzt auch die Ski-Frauen siegen

Die jüngsten Schweizer Erfolge sind das Resultat neuer Wege: Der Trainer gewährt Freiräume, der Alpinchef schlägt Brücken.

Getragen vom ganzen Team: Abfahrts-Weltcupsiegerin Corinne Suter (oben links) und Lara Gut-Behrami, die zweifache Siegerin des Wochenendes.
Getragen vom ganzen Team: Abfahrts-Weltcupsiegerin Corinne Suter (oben links) und Lara Gut-Behrami, die zweifache Siegerin des Wochenendes.
Michel Cottin/Getty Images

Das Loch, in dem sich die Schweizer Alpinen 2005 befanden, hätte man kaum tiefer graben können. Die WM in Bormio hatte im medaillenlosen Debakel geendet, die Männer waren ohne Saisonsieg und die Frauen gar ohne Podestplatz geblieben. Zwischen Swiss-Ski und dem möglichen Partner Raiffeisen standen Vertragsgespräche an, die Verhandlungen verliefen zäh, weil sich die Bank wegen des Niedergangs der Skifahrer die Sinnfrage stellte.

Vor Monatsfrist wurde die Partnerschaft wiederholt verlängert, aber nicht deshalb schwelgten Direktbeteiligte in Crans-Montana in Erinnerungen. Anlass war der Kontrast, der nicht grösser sein könnte. Hatten Firmen damals für die Zusammenarbeit mit dem Skiverband Spott geerntet, werden sie nun für ihre Engagements beneidet.

Zurück auf der Erfolgsspur

Swiss-Ski steht endlich wieder dort, wo es hingehört mit seiner riesigen Belegschaft und den gewaltigen Investitionen. 120 Betreuer kümmern sich um 90 Athleten vom Nationalteam bis zum C-Kader, pro Fahrer wird ein mittlerer sechsstelliger Betrag aufgewendet.

43 Podestplätze haben die Schweizer in dieser Saison schon herausgefahren, der erste Triumph im Nationencup seit 1989 steht bevor. Im Wallis erlebten die Einheimischen bei zehn Grad Frühlingsgefühle. In der Kombination fuhren deren fünf unter die ersten 13, in den beiden Abfahrten hatten Lara Gut-Behrami und Corinne Suter für Doppelsiege gesorgt. Suter sicherte sich den Gewinn der Disziplinenwertung, im Super-G könnte sie nachdoppeln. Die Schweizerinnen mögen zwischen Januar 2018 und Januar 2020 während 60 Rennen sieglos geblieben sein. Und doch handelt es sich um einen Aufschwung mit Ansage.

Der Cheftrainer geht auf die Athletinnen ein

Die Aufbauarbeit seines Vorgängers Hans Flatscher hat Beat Tschuor fortgeführt. Der Chefcoach gibt den Disziplinentrainern viel Verantwortung, den Athletinnen gewährt er Freiräume, lässt individuelle Betreuung zu. Bei der Zusammensetzung der Trainingsgruppen nimmt er immer wieder Retuschen vor, er schafft ein Reizklima, in dem sich die Fahrerinnen antreiben. Alpinchef Walter Reusser sagt, es beschwere sich keine mehr, weil sie sich unwohl fühle oder mit dieser oder jener nicht trainieren wolle.

Vor allem versteht es Tschuor, seinen Athleten Vertrauen zu vermitteln, auf sie einzugehen. Im Falle Gut-Behramis hat er die Anstellung von Athletik­coach José Luis Alejo Hervas durchgesetzt, der sich primär aber nicht ausschliesslich um die Tessinerin kümmert. Der Spanier ist besser ins Team integriert als seine Vorgänger. Weshalb auch Gut-Behrami so intensiv in die Verbandsstrukturen eingebunden ist wie lange nicht mehr, zuletzt häufig mit der Equipe trainierte.

Tschuor erntete Kritik für die Anstellung, erst recht, nachdem sich Gut-Behrami Anfang Saison öffentlich über die angeblich ungenügende medizinische Betreuung beklagt hatte. Unter Hervas hat sie nun erstmals auch während des Winters konditionelle Fortschritte gemacht. Er sagt: «Lara arbeitet wie ein Tier.»

Gut-Behrami als Ratgeberin der Jungen

Seinen Anteil an der Annäherung zum Verband und indirekt am Aufschwung Gut-Behramis hat Alpinchef Reusser. Der 44-Jährige ist ein gewiefter Kommunikator, während seiner Zeit bei der Skifirma Stöckli betreute er Tina Maze, weshalb er Erfahrung besitzt im Umgang mit starken, aber auch schwierigen Persönlichkeiten.

Reusser ist neu bei Swiss-Ski und daher unbelastet, was ihn zum idealen Vermittler macht zwischen den verhärteten Fronten. Er spricht viel mit Gut-Behrami, die Diskussionen sind nicht immer einfach, aber Reusser ist es gelungen, der Athletin die Vorteile von Trainings innerhalb eines grösseren Teams mit besseren Ressourcen darzulegen.

Es wurden auch Brücken geschlagen zum Ausrüster Head, die zuletzt angespannte Beziehung soll wieder enger sein. Es heisst, Gut-Behrami sei gelassener geworden, ein wenig offener auch, sie stehe gar den jungen Schweizerinnen als Ratgeberin zur Seite. «Lara hat realisiert, dass es ein Geben und Nehmen ist», sagt Reusser.

In der Breite mangelt es

Gut-Behrami ist wie Joana Hählen 28, Michelle Gisin und Holdener sind zwei, Suter gar drei Jahre jünger – die Perspektiven daher verheissungsvoll. Und doch gilt es, Dinge zu optimieren. Viele Schweizerinnen müssen pausieren, vorab junge Fahrerinnen wie Aline Danioth, Mélanie Meillard, Nathalie Gröbli, Camille Rast. Die Blessuren sind teils gravierend, und nicht nur Reusser fragt sich, ob der eine oder andere Unfall hätte vermieden werden können. «Wir werden analysieren, ob einigen zu viel zugemutet wurde. Und wir müssen Wege finden, Verletzte schnellstmöglich zurück in den Schnee zu bringen.»

Swiss-Ski kann es sich nicht leisten, Talente zu verlieren. Erfolg hin oder her – das Frauenteam ist nach wie vor zu wenig breit aufgestellt. Häufig werden an den Weltcuprennen nicht alle Startplätze besetzt.

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