Es soll sich kein Leichtathlet mehr an Olympia mogeln können

Das neu eingeführte World Ranking soll für Fairness bei den Qualifikationslimiten für Grossanlässe sorgen.

Er verpasste wegen zweifelhafter Resultate der Konkurrenz Olympia 2016: Weitspringer Benjamin Gföhler. (Bild: Ulf Schiller/athletix/freshfocus)

Er verpasste wegen zweifelhafter Resultate der Konkurrenz Olympia 2016: Weitspringer Benjamin Gföhler. (Bild: Ulf Schiller/athletix/freshfocus)

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Doha bildet in dieser Leichtathletiksaison die grosse Klammer: Mit dem ersten von 14 Meetings beginnt am Freitag am Golf die Diamond-League-Saison – da, wo sie im Oktober mit der WM auch endet. Und in Doha soll gefeiert und getestet werden, denn die höchste Wettkampfserie geht in ihr zehntes Jahr. Für die Athleten ist es die willkommene Gelegenheit, das Stadion der WM kennen zu lernen.

Um sich für die diesjährige WM und auch für die Olympischen Spiele in Tokio im nächsten Jahr zu qualifizieren, gelten wie bisher Limitenwerte. Der Internationale Verband aber hat sein Qualifikationssystem reformiert und auf diese Saison hin ein World Ranking eingeführt, das gleichwertig zählt.

Das Ranking soll zwei Zwecke erfüllen: Weil es die besten fünf Resultate der letzten 365 Tage berücksichtigt (Marathon, Gehen und Mehrkampf zwei), werden Ausreisserresultate, die bisher direkt zu einer Qualifikation führen konnten, relativiert. Und zum Zweiten sind die Athletinnen und Athleten durch die fünf bzw. zwei geforderten Leistungen gezwungen, vermehrt an Wettkämpfen präsent zu sein, und nicht erst an Titelkämpfen aufzutauchen und abzuräumen. Solches war in den vergangenen Jahren oder gar Jahrzehnten oft zu beobachten gewesen.

Ein Anti-Doping-Approach

Andreas Hediger, Co-Direktor von «Weltklasse Zürich», sagt: «Das ist auch ein Anti-Doping-Approach und einer, der Fake-Resultaten den Riegel schieben soll. Es reicht nicht mehr, irgendwo ein sehr gutes Resultat zu erzielen, sich damit für die WM oder die Spiele zu qualifizieren und dann wieder abzutauchen.» Hediger war an der Ausarbeitung des neuen Systems beratend beteiligt und kennt die bisherigen Auswüchse aus eigener Erfahrung. Er trainiert den Weitspringer Benjamin Gföhler vom LCZ, der 2016 versuchte, einen der 32 Olympiastartplätze in Rio zu ergattern.

Die Limite lag bei 8,15 m, und hinter jenen, welche diese erfüllten, lag Gföhler zwei Wochen vor Qualifikationsschluss mit einer Weite von 8,13 m an 23. und damit aussichtsreicher Position. An den Spielen war er schliesslich dennoch nicht. In der letzten Woche schoben sich noch elf Athleten mit einem besseren Resultat vor ihn. Letztlich lag auch ein Jamaikaner vor ihm, der an einem Meeting in Florida mit 2,0 m Rückenwind 8,20 m gesprungen sein soll. An den Landesmeisterschaften hatte er es nicht unter die Top 8 geschafft, seine zweitbeste Weite lag in dieser Saison bei 7,34 m.

«Das war sehr bitter und enttäuschend, daran nagte ich lange», sagt Gföhler, der im Qualifikationsranking plötzlich Athleten vor sich hatte, deren Namen er nie gehört hatte. «Als ich dann noch sah, was sie in Rio schafften, war es erst recht ein Frust.» Der Jamaikaner beispielsweise reiste mit drei Nullern aus Brasilien ab. Wie effektiv das neue World Ranking diesbezüglich sei, müsse sich erst zeigen, sagt Gföhler, «jedenfalls bin ich positiv eingestellt».

Weiter eine Jahresbestenliste

Die IAAF hat auf solch extreme Ausreisserresultate reagiert und sie entweder ganz aus den Statistiken gestrichen oder zumindest mit «irregular» gekennzeichnet. Auch deswegen will der Verband nun zur Bekämpfung solcher Unsitten sein World Ranking etablieren. Es hat nichts mit der Jahresweltbestenliste zu tun, die weiterhin besteht. Für diese ist – wie bisher – nur das nackte Resultat relevant.

Fürs World Ranking hingegen zählen Leistung, Rang und Meetinglevel. Sprintet beispielsweise Sarah Atcho, die heute in Doha im Rahmen der Diamond League als einzige Schweizerin startet, die 200 m in 22,81 Sekunden und wird Sechste, ergeben Zeit und Rang entsprechende Punkte. Sprintet Atcho die 200 m an den Schweizer Meisterschaften in der gleichen Zeit und wird ebenfalls Sechste, ergibt die Zeit gleich viele Punkte, der Rang aber deutlich weniger, weil die Konkurrenz auch kleiner ist.

Die Übersicht zu behalten, ist mit der neuen Rangliste weder für Athleten noch Zuschauer einfacher geworden. Allerdings ist Hediger überzeugt, dass nur jene Athleten sie genau im Auge behalten müssen, die schon bisher um die Limitenwerte kämpften, «jene, die immer auf der Kippe sind». Zu erwarten ist, dass die Startfelder an Titelkämpfen zu einer Hälfte aus solchen bestehen, die den Wert erfüllten, und zur anderen Hälfte aus den Nächstbesten. Wer diese sind, verrät neu das World Ranking. Ob man den Moglern den Riegel schieben kann, wird sich dann erstmals im Herbst weisen. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.05.2019, 11:10 Uhr

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