Heidi auf Speed

Die Urnerin Heidi Ulrich will in diesem Jahr als erste Frau drei Weltrekorde im Speed-Windsurfen brechen. Dafür muss sie über 86 km/h schnell sein.

Heidi Ulrich fliegt über den Urnersee. Vor ihrer Haustür bieten sich der Innerschweizerin beste Bedingungen, um für ihr grosses Ziel zu trainieren. (Video: YouTube/skyeye)

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Früh reisst sie der Wecker aus dem Schlaf. Um 4.30 Uhr ist die Nacht beendet. Eine halbe Stunde später sitzt sie in ihrem Auto, eine weitere Stunde später beginnt für die Urnerin der Arbeitstag als Personalleiterin eines Energiedienstleisters. Diese Mühen nimmt die 34-Jährige nur zu gern auf sich.

Denn wenn immer möglich beginnt am Nachmittag für sie die der wichtigste Teil des Tages: das Training auf dem Urnersee. Den Neoprenanzug auf der Haut, das Surfbrett unter den Füssen und den Gabelbaum in den Händen, gleitet sie bei thermischen Winden, Föhn oder Sturm bis in den Abend über das blaue Nass. Dreimal pro Woche, Januar bis Dezember.


Bildstrecke: Heidi Ulrich, die Rekordjägerin


Heidi Ulrich ist Speed-Windsurferin. Und sie hat sich etwas vorgenommen: Als erste Frau überhaupt will sie in einem Jahr drei Weltrekorde brechen. Wer ist diese Frau, die mit Geschwindigkeiten von über 70 Kilometern pro Stunde übers Wasser rast?

Sie fing als Boje an

Es ist ein kühler Freitagmorgen im April. Der Wind lässt noch auf sich warten. Nur wenige Schritte vom Ufer des Urnersees ­entfernt, erzählt Ulrich bei einer warmen Tasse Tee, wie sie vor sieben Jahren rein zufällig über ihren damaligen Freund zum Windsurfen kam.

«Anfangs sass ich nur am Strand und habe den anderen zugeschaut. Schnell habe ich mich genervt, dass ich nicht mithalten kann, nur das fünfte Rad am Wagen bin», sagt sie. «Brett- und Segelgrösse, Windstärken – ich hatte null Plan. Ich wollte mitreden.» Also bekam die frühere Volleyballspielerin eine uralte pinkfarbene Schwimmweste umgeschnallt und tauschte Ball gegen Brett. «Sie haben mich als Boje ins Wasser geschmissen, sind um mich herumgehalst», erzählt sie aus ihrer Anfangszeit.

«Das Surf-Feeling, wie man es aus den Filmen kennt, gibt es nicht. Es ist eine total andere Welt.»Heidi Ulrich

Getrieben von ihrem Ehrgeiz, wollte Ulrich mehr als bloss mitreden. «Ich will nicht nur etwas machen. Ich will es können.» Und als sie über ihre Passion spricht, leuchten ihre Augen. Sie stellt klar: «Surfen, wie ich es mache, ist nicht das Surf-Feeling, wie man es aus den Filmen kennt. Die braun gebrannten Sonnyboys gibt es zwar, aber die laufen bei den stürmischen Winden mit Skibrille herum. Es ist eine total andere Welt – ohne türkisblaues Wasser und Caipirinhas.»

Inzwischen ist Ulrich auf den Geschmack von Adrenalin gekommen und tauscht gerne Slalom- gegen Speedboard. Speed ist ihre Disziplin, hier hat sie letzten Sommer ihren ersten Welt­rekord aufgestellt. «Wir waren in Frankreich in den Ferien und haben gesehen, dass gerade der ‹Prince of Speed›-Wettbewerb ausgetragen wurde. Am Start war auch Zara Davis. Ich hätte nie ­gedacht, dass ich gegen das ­Aushängeschild des Sports eine Chance habe», erzählt Ulrich.

Doch sie hatte. Im Rennen über eine nautische Meile gelang es ihr, den über zwölf Jahre alten Rekord der Britin mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 37,16 Knoten (68,82 km/h) zu brechen. Eine Woche Tage später holte sich Davis ihren Rekord um 0,1 Knoten zurück. «Seitdem redet Davis nicht mehr so gern mit mir», sagt die Urnerin mit einem Lachen.

Video: Eine Urnerin im Geschwindigkeitsrausch

So sieht es aus, wenn Ulrich über das flache Wasser rast. (Video: Heidi Ulrich)

Und sie hat Lust auf mehr ­bekommen. «Es ist ein schönes Gefühl, die Beste zu sein. Und noch schöner, dieses Gefühl mit jemandem teilen zu können.» Keine Nebensache – bei jährlich vier bis fünf Monaten auf Achse und 220 Tagen im letzten Jahr auf dem Wasser. Mit Christian ­Arnold, ihrer grossen Liebe und ebenfalls Surfer, war sie heuer schon wieder 40 Tage auf dem Urnersee, um für ihr grosses Ziel zu trainieren.

Im Kanal zur Weltspitze

Für ihre Rekordjagd reist Ulrich Ende Mai nach Frankreich und im Oktober nach Namibia. In Afrika trifft sich in einem am Südatlantik gelegenen Hafenstädtchen während sechs Wochen im Herbst die Weltelite des Speed-Windsurfens zur Lüderitz Speed Challenge. Macht ihr der Extremsport keine Angst? «Natürlich spielt Mut mit, und es braucht Überwindung. Aber das gehört dazu. Ich geniesse die Freiheit, das Zusammenspiel mit den Elementen, auch wenn ich mit Skibrille in der Wüste stehe, ohne Strandbar und Toilette.»

Nach zwei Vorbereitungen 2015 und 2017 unter suboptimalen Voraussetzungen hofft sie, dass diesmal alles zusammenpasst, der Kanal bereit ist, der Wind bläst, das Material die lange Reise übersteht und die Physis stimmt. «Dann wird vieles möglich sein», sagt sie selbstbewusst.

Erstellt: 07.05.2019, 13:48 Uhr

3 Kategorien – 3 Rekorde

Für das Aufstellen eines Welt­rekords im Speed-Windsurfen wird die durchschnittliche Geschwindigkeit über eine bestimmte Distanz oder Zeit per GPS gemessen.

Ulrich will dieses Jahr die Weltrekorde über die nautische Meile und 500 Meter brechen. Der Weltrekord über die nautische Meile (1852 Meter) liegt bei 37,72 Knoten (69,86 km/h) und wurde 2018 von Zara Davis aufgestellt. Den Rekord über 500 Meter wird die Urnerin im Oktober in Namibia bei der Lüderitz Speed Challenge angreifen, wo ein Kanal für optimale Bedingungen sorgt. Auch dieser Rekord gehört der Britin – mit 46,82 Knoten (85,19 km/h).

Seit letzter Woche hält Ulrich den Weltrekord als «schnellste Frau über 1 Stunde». In dieser Disziplin geht es darum, während einer Stunde so schnell wie möglich zu sein, was durch Geschwindigkeitsverlust beim Halsen (Richtungsänderung) erschwert wird. Sie war 23,82 Knoten (44,11 km/h) schnell. (erh)

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