Splitternackt vors Ärztegremium

Jahrzehntelang wurden im Spitzensport Geschlechterkontrollen durchgeführt, die Fairness garantieren sollten. Tatsächlich bewirkten sie oft das Gegenteil: Sie zerstörten Karrieren.

1932 gewann Stanislawa Walasiewicz (Mitte) Olympiagold im 100-Meter-Sprint. Erst nach ihrem Tod stellte sich heraus: Die polnisch-US-amerikanische Leichtathletin war intersexuell. Bild: GettyImages

1932 gewann Stanislawa Walasiewicz (Mitte) Olympiagold im 100-Meter-Sprint. Erst nach ihrem Tod stellte sich heraus: Die polnisch-US-amerikanische Leichtathletin war intersexuell. Bild: GettyImages

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An Mastferkel fühlte sich die Diskuswerferin Liesel Westermann erinnert. Die Athletinnen hatten sich 1966 vor den Europameisterschaften in Budapest auszuziehen, allesamt. Dann mussten sie splitternackt mit einer Startnummer in der Hand vor einem Ärztegremium hin und her marschieren. «Wie bei der Trichinenschau» sei sie sich vorgekommen, notierte die Weltklasse-Leichtathletin später in ihrer Autobiografie: Der einzige Unterschied bestand darin, dass sie «den Stempel nicht auf den Hintern», sondern auf eine Dateikarte geklatscht bekamen.

Sextest hiess das Prozedere, das der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) damals einführte, weil Gerüchte über männlich aussehende Sportlerinnen aus dem Ostblock die Runde machten. Nach Protesten gegen die erniedrigende Frauen-Fleischbeschau ordnete das Internationale Olympische Komitee für die Sommerspiele 1968 zwar eine diskretere Methode mittels Wangenabstrich, den Barr-Test, später eine DNA-Analyse an, aber erst 2000 wurden die verpflichtenden Reihenuntersuchungen abgeschafft.

Noch 1992 in Barcelona sortierten die IOK-Mediziner eine Mutter zweier Kinder aufgrund ihres Chromosomensatzes aus, wie der damalige Athletensprecher berichtete. Die Geschlechtskontrollen im Sport, vermeintlich dem Fairnessgedanken verpflichtet, um Frauen davor zu bewahren, gegen Männer anzutreten, haben das Gegenteil bewirkt: Sie haben Karrieren zerstört. Das Geringste, das die Verantwortlichen für die Betroffenen noch unternehmen konnten, bestand darin, ihre Anonymität zu schützen. Manchmal blieb ihnen nicht einmal die öffentliche Blossstellung und Demütigung erspart.

Siegerlisten waren jahrelang mit Sternchen versehen – Geschlecht zweifelhaft, sollte das heissen

Die Hochsprung-Weltrekordlerin von 1938 wurde von Wettkämpfen ausgeschlossen; sie hatte angeblich weibliche und männliche Geschlechtsorgane. Als die polnische Sprint-Olympiasiegerin von 1932, Stanislawa Walasiewicz, in Cleveland eines gewaltsamen Todes starb, wurden bei ihrer Autopsie männliche Geschlechtsmerkmale festgestellt. Von der polnischen Staffelläuferin Ewa Klobukowska ist bekannt, dass sie zumindest einen der ominösen Sextests überstand, ehe ihr 1967 nach einer weiteren Kontrolle ein Startverzicht nahegelegt wurde. All ihre Weltrekorde wurden gestrichen. Jahrelang ist es gängige Praxis gewesen, Siegerlisten in den Sportannalen mit Sternchen zu versehen – Geschlechtsstatus zweifelhaft, sollte das heissen. Heute sind all diese Fälle unendlich differenzierter zu sehen.

Nun ist das Unbehagen, mit dem Männer Sportlerinnen betrachten, generell so alt wie die Olympischen Spiele – schon die Griechen führten die ersten Geschlechtskontrollen ein, indem sie nackt antraten, um ihre Maskulinität unter Beweis zu stellen. Aber in den internationalen Sportorganisationen hat sich mittlerweile überall der wissenschaftliche Konsens durchgesetzt, dass zur Feststellung, ob jemand Mann oder Frau ist, mehr Kriterien in Erwägung gezogen werden müssen als nur die Gene.

Leistungskraft ist nicht abhängig vom X-oder Y-Chromosom, und der Anteil des männlichen Sexualhormons Testosteron entscheidet nicht allein darüber, ob jemand als Erster oder Letzter die Ziellinie überquert. Zwischen 0,2 und 0,5 Prozent der Bevölkerung lassen sich nicht nach dem alten biblischen Schema als männlich oder weiblich einordnen, sondern sind biologisch dazwischen angesiedelt und können auf ihr Drittes Geschlecht verweisen. Das Bundesverfassungsgericht hat diesen Status 2017 anerkannt. Der internationale Sport behilft sich bis auf weiteres mit dem Begriff «Athletes with Differences of Sex Development» (DSD). Er umfasst zum Beispiel das «Androgenitale Syndrom», das bei Frauen dazu führen kann, dass mehr männliche Hormone ausgeschüttet werden, obwohl der Chromosomensatz weiblich ist. Es gibt aber auch Varianten, die eine eindeutige Geschlechtszuordnung offen lassen.

Als das IOK letztmals, vor den Olympischen Spielen in Atlanta 1996, Reihenkontrollen durchführen liess, stellte sich heraus: Bei einer von 417 Sportlerinnen wich der Chromosomensatz vom üblichen XX-Schema ab. Die Quote war höher als bei der Normalbevölkerung, in der sie bei 1:1000 liegt. Dieser Befund führt zu einer weiteren Frage, die den Fall von Semenya, aber wohl alle Athleten betrifft. Ob ein Einzelner einen Vorteil vor anderen hat, kann am Training liegen, an der Grösse, der Knochenlänge. Auch Hyperandrogenismus kann ein natürlicher Vorteil sein – so wie die Flossenfüsse des Schwimm-Weltrekordlers Michael Phelps oder die Riesenschrittlänge des Usain Bolt. Weltklasseathleten liegen, am Durchschnitt gemessen, oft ausserhalb der Norm. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 02.05.2019, 10:07 Uhr

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