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Sicherung der SozialwerkeTausche Rentenalter 67 gegen zwei Wochen Ferien

Visionär oder zum Scheitern verurteilt? FDP-Mann Ruedi Noser will mit zusätzlichen Ferienwochen und höherem Pensionsalter die Renten retten – und bekommt dabei von unerwarteter Seite Zuspruch.

Mehr Ferien, länger arbeiten: Der brisante Vorschlag stammt aus der Feder von FDP-Ständerat Ruedi Noser.
Mehr Ferien, länger arbeiten: Der brisante Vorschlag stammt aus der Feder von FDP-Ständerat Ruedi Noser.
Reto Oeschger

«Die Rückmeldungen, die ich erhalten habe, reichen von ‹genial› bis ‹so en huere Seich›», sagt Ruedi Noser. Vergangene Woche reichte der Zürcher FDP-Ständerat einen Vorschlag ein, der es in sich hat: Um die Sozialwerke zu reformieren, will er das Rentenalter für Frauen und Männer auf 67 Jahre anheben. Im Gegenzug sollen alle Berufstätigen zwei zusätzliche Ferienwochen erhalten.

Die «NZZ am Sonntag» wuchtete die Idee auf die Frontseite – und überraschte damit manchen politischen Player. Sie habe schon «etwas gestaunt», sagt Ruth Humbel (CVP), Präsidentin der Kommmission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Sie erinnert daran, dass es bisher noch nicht einmal gelungen sei, das Rentenalter von Männern und Frauen auf 65 Jahre anzugleichen. «Jetzt ist nicht die Zeit, um Luftschlösser zu bauen. Vielmehr gilt es, die anstehende Rentenreform in trockene Tücher zu bringen.»

Gerade in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit stehe Nosers Idee quer in der Landschaft, findet Humbel. In einer idealen Welt hätte sie aber einen Reiz: «Es wäre natürlich schön, wenn wir alle etwas mehr Ferien erhielten und das Problem der Altersvorsorge so in den Griff bekommen würden.»

«Wir könnten damit rund die Hälfte der Finanzierungslücke in der AHV decken.»

Ruedi Noser, FDP-Ständerat

Noser betont, dies sei kein Widerspruch. Im Gegenteil: Sein Modell sei deutlich effektiver als die bisher diskutierten Ansätze. «Wir könnten damit rund die Hälfte der Finanzierungslücke in der AHV decken und auch die Renten der beruflichen Vorsorge zu einem guten Teil sichern.» Dies, da länger eingezahlt würde, die Menschen aber weniger lang Renten beziehen würden. Die Wirtschaft kämen zusätzliche Ferien sogar günstiger zu stehen als Lohnprozente oder höhere Mehrwertsteuern, rechnet Noser vor.

Auch wenn er seine eigenen Mitarbeiter anschaue, sei das Bild klar: «Gerade junge Leute wollen häufig nicht mehr Lohn, sondern mehr Ferien.» Frischgebackene Eltern hätten so mehr Zeit mit ihren Kindern, Arbeitnehmer könnten besser abschalten – «in Zeiten der ständigen Erreichbarkeit wäre dies ein wichtiger Beitrag zum Gesundheitsschutz».

Eine Lösung, die jeder versteht

Von einem interessanten Gedankenexperiment spricht Thomas Milic, Abstimmungsforscher an der Universität Zürich. Wie schwierig es sei, Rentenreformen zu zimmern, die an der Urne keinen Schiffbruch erleiden, habe die Vergangenheit gezeigt. «Die letzten Vorlagen waren so komplex, dass sich selbst gut informierte Stimmbürger oft keine abschliessende Meinung bilden konnten.» Ganz anders verhielte sich das bei Nosers Vorschlag. «Jeder kann sich vorstellen, was zwei zusätzliche Ferienwochen bedeuten.»

«Für Berufe, die grössere gesundheitliche Abnutzungserscheinungen mit sich bringen, müsste jedoch eine Ausnahmeregelung gefunden werden.»

Thomas Milic, Abstimmungsforscher an der Universität Zürich

Nachbefragungen zeigten, dass rund die Hälfte der Bevölkerung das Rentenalters 67 mittelfristig für nötig hält. Auch gehe aus Studien hervor, dass Bürger gerade im Rentenbereich stark auf den eigenen Nutzen schauten. «Zu erwarten wäre deshalb, dass der Vorschlag insbesondere in einer jungen, urbanen Wählerschaft gut ankäme.»

Während die Work-Life-Balance in dieser Gruppe einen hohen Stellenwert habe, sei in akademischen Berufen tendenziell auch eher die Bereitschaft vorhanden, über das Rentenalter 65 hinaus zu arbeiten. «Für Berufe, die grössere gesundheitliche Abnutzungserscheinungen mit sich bringen, müsste jedoch eine Ausnahmeregelung gefunden werden – sonst ist der Vorschlag wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.»

Schweizer zögern bei Zusatzferien

Eine Voraussetzung wäre zudem, dass die Wirtschaftsverbände die Lösung nicht bekämpfen. «Bei der Initiative für sechs Wochen Ferien haben wir gesehen, dass sich das Stimmvolk davor scheut, sich gegen den Willen der Wirtschaft mehr Freizeit zu verschaffen.» Dienten die Zusatzferien hingegen der Sicherung der Sozialwerke, wären sie eher mit dem protestantischen Arbeitsethos im Land vereinbar, glaubt Milic.

Beim Arbeitgeberverband wurde Nosers Vorschlag mit Interesse registriert. «Wenn eine Erhöhung auf 67 Jahre dank diesem Zückerli im Parlament mehrheitsfähig wäre, müsste man sich diese Option sicher genau anschauen», sagt Lukas Müller-Brunner, Leiter des Ressorts Sozialversicherungen beim Verband. Allerdings erwarte er dies derzeit eher nicht.

Klar sei, dass zwei zusätzliche Wochen Ferien für die Unternehmen mit hohen Kosten verbunden wären. «Aber am Ende ist alles eine Frage der Alternativen.» Fragen stellten sich auch bei einer allfälligen Umsetzung. «So würde das Rentenalter bei den Frauen um drei Jahre angehoben, bei den Männern um zwei das gälte es zu berücksichtigen.»

Wir haben immer länger frei

Adrian Wüthrich, Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travailsuisse, kann dem Vorschlag «prima vista» ebenfalls etwas abgewinnen. Es sei erfreulich, dass mit Ruedi Noser ein Vertreter der Wirtschaftspartei FDP anerkenne, dass die Arbeitnehmenden mehr Ferien brauchen.

2012 hatte Travailsuisse per Volksinitiative vergeblich «6 Wochen Ferien für alle» verlangt. Wüthrich sagt, die Forderung sei nach wie vor hochaktuell. Allerdings habe sich in der Zwischenzeit auch einiges getan: So geht aus der am Dienstag veröffentlichten Arbeitskräfteerhebung des Bundes hervor, dass die Anzahl der jährlichen Ferien im Schnitt auf 5,2 Wochen gestiegen ist. Dies dank einer konstanten Optimierung von Gesamtarbeitsverträgen, so Wüthrich.

Und hier komme der Haken: Der Zugewinn an Ferientagen durch Nosers Vorschlag wäre – verglichen mit den realen Verhältnissen – relativ klein, so Wüthrich. «Und sicher ist der Zusatznutzen zu gering, um dafür ein höheres Rentenalter für alle in Kauf zu nehmen.»

Noser will seine Motion als Gedankenanstoss verstanden wissen. Vielleicht, meint er, wäre die Idee ja ein tauglicher Gegenvorschlag zur Initiative der Jungfreisinnigen: Diese fordert ebenfalls eine Erhöhung des Rentenalters – ohne Gegenleistung.