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Animal Flow als BewegungsvorbildTrainier wie ein Tier

Viele entdeckten während der Corona-Krise das Training zu Hause mit dem eigenen Körpergewicht. Das funktioniert ganz gut – besonders dann, wenn man sich das Tierreich zum Vorbild nimmt.

Marielle Kunz zeigt ihre Lieblingsübung, den Skorpion.
Marielle Kunz zeigt ihre Lieblingsübung, den Skorpion.
Foto: Tamedia AG

Wenn Marielle Kunz trainiert, wird sie zum Tier. Dann krabbelt sie, kriecht und springt. Wird zu einem Skorpion, zu einem Affen oder gar zu einem Biest. So zumindest werden die Körperbewegungen bezeichnet, die im sogenannten Animal-Flow-System trainiert werden.

Beim Skorpion zum Beispiel platziert Kunz beide Hände vor sich auf dem Boden und hebt dabei eines ihrer Beine, das so zum Stachel wird. Beim Affen berührt sie den Boden mit den Händen und den Füssen gleichzeitig. Kunz wechselt zwischen den Figuren dynamisch – und ist so in einem Flow. «Das ist unglaublich anstrengend. Dabei werden Muskeln beansprucht, die man sonst nie braucht.» Mittlerweile trainiert die 42-jährige Mutter von zwei Kindern aus Thun seit drei Jahren nach diesem System und unterrichtet es auch selbst.

Verschiedene Namen

Inzwischen gibt es viele Formen und Namen für ein simples Trainingssystem, bei dem es darum geht, sich wie ein Tier zu bewegen. Animal Moves, Animal Walks oder eben Animal Flow sind aus dem Trend entsprungen, mit nichts anderem als mit seinem eigenen Körpergewicht zu trainieren. Gerade in Zeiten, in denen die Fitnesscenter aufgrund der Corona-Krise geschlossen blieben, entdeckten viele diese Art des Trainings zu Hause.

«Nach etwa drei Minuten läuft dir der Schweiss nur noch so runter. Man kommt schnell an seine Grenzen.»

Marielle Kunz, ehemalige Schwimmerin

Beim Animal Walk hüpft oder kriecht man beispielsweise über eine längere Distanz. Beim Animal Flow geht es darum, am gleichen Ort die Bewegungen verschiedener Tiere fliessend aneinanderzureihen. Das liest sich einfacher, als es ist. «Nach etwa drei Minuten läuft dir der Schweiss nur noch so runter. Man kommt schnell an seine Grenzen», sagt Marielle Kunz, die alles andere als eine Sportanfängerin ist. Die ehemalige Schwimmerin trainiert neben Yoga auch Powerlifting. «Der Animal-Flow hilft mir, flexibel zu bleiben. Das zahlt sich bei den Gewichten aus.» Gerne verwende sie die Tierübungen auch als dynamisches Warm-up.

Sitztier Mensch

Kunz empfiehlt jedem, das Trainingssystem einmal auszuprobieren. Denn durch die Übungen werde nicht nur die Kraft verbessert, sondern auch die Beweglichkeit. Gerade für Menschen, die den ganzen Tag sitzen und dadurch oft verspannt sind und mit Rückenproblemen zu kämpfen haben, könnte das Tier-Training hilfreich sein. «Wer zu mir ins Training kommt, ist meist steif und verspannt. Nach ein paar Wochen fühlen die meisten einen Effekt, und die Verspannungen sind oft weniger geworden.»

Am liebsten übt Marielle Kunz Animal Flow draussen in der Natur. «Man ist bei vielen Übungen nah am Boden. Da fühlt es sich auf Rasen einfach angenehmer an als auf Parkett.» Dass sie dabei manchmal irritierte Blicke erntet, wenn sie sich gerade buchstäblich zum Affen macht, stört sie nicht. Im Gegenteil: «Es ist ein gutes mentales Training. Tiere kümmert es schliesslich auch nicht, was andere von ihnen denken.»

Koordinative Herausforderung

Erfahrung mit dem Tier-Training hat auch der Berner Niklaus Jud, Fitness-Coach und Experte für funktionales Training. Kennen gelernt hat er diese spezielle Trainingsform an einem Workshop vor sechs Jahren. Und war sofort von ihr angetan. «Dieses Training verbessert die Mobilität extrem», sagt er. Was ihm besonders gefällt, sei die koordinative Herausforderung. «Du drehst dich nach vorne, hinten, nach oben, nach unten, die Hand-Augen-Koordination ist sehr gefordert.» Auch Kraft könne mit den Übungen aufgebaut werden. Für den reinen Aufbau von Muskelmasse sei das Training aber weniger geeignet.

Der Fitness-Coach kann diese Trainingsform allen empfehlen. In seinem Gym trainieren neben den Gesundheitssportlern vor allem auch Kampfsportler, Kletterer oder Tänzer gerne tierisch. «Sie erhalten sich damit ihre Beweglichkeit. Muskeln, Sehnen und Gelenke werden geschmeidiger.» Anfängern rät er allerdings, langsam anzufangen. Denn bei vielen Übungen stütze man sich auf den Händen. «Das kann zu Beginn die Handgelenke reizen, wenn man sich das nicht gewohnt ist.»

Sonst sei das Verletzungsrisiko aber sehr klein. «Man trainiert ja lediglich mit seinem Körpergewicht. Im Gegensatz zum Training mit Gewichten läuft man weniger Gefahr, sich zu viel zuzumuten.»

Eine Bewegungsphilosophie

Die Animal Moves sind Teil einer Bewegungsphilosophie, die sich Movement nennt. Weltweit bekannt wurde sie durch den Israeli Ido Portal, der unter anderen den irischen Vollkontaktsportler Conor McGregor damit auf seine Kämpfe vorbereitete. Auch beim Movement geht es darum, den eigenen Körper als Gewicht zu benutzen und durch Dynamik und Fluss ein besonderes Körpergefühl zu entwickeln.

«Wenn du einem Baby zuschaust, wie es krabbelt, sich dreht, wie es sich hinsetzt und aufrichtet. Das sieht alles sehr natürlich und fliessend aus.»

Abi Chakraborty von Flowvillage in Zürich

Ein Trainer im Movement-System ist Abi Chakraborty von Flowvillage in Zürich. Bei seinem Training werden die Tierbewegungen mit Elementen aus dynamischem Yoga, Capoeira und Modern Dance vermischt. Dies alles zusammengesetzt ergebe eine Bewegungs-Choreografie, einen Flow, bei dem man sich komplett in die Bewegungsmuster fallen lassen und so den Kopf abschalten könne. «Das Schöne ist, dass dies jeder lernen kann», sagt Chakraborty. Das Training helfe aber durchaus auch, athletischer zu werden.

Die Philosophie hinter dem System sei, die natürlichen Bewegungen wieder zu erlernen, die wir als Babys von allein und fast in Perfektion schon konnten. «Wenn du einem Baby zuschaust, wie es krabbelt, sich dreht, wie es sich hinsetzt und aufrichtet. Das sieht alles sehr natürlich und fliessend aus.» Leider hätten wir Erwachsenen solche Bewegungen verlernt. «Dadurch kommt es zu Blockaden, die wir aber mit dem Flow lockern und lösen können.»

Anfänger aufgepasst

Dass Menschen sich beim Training wie Tiere bewegen, findet Nicolas Mathieu, Präsident des Schweizerischen Verbands für Sportphysiotherapie, erst mal gut. «Damit bewegt man sich dreidimensional im gesamten Raum, was die Koordination deutlich verbessern kann.» Und die Koordination bilde eine wichtige Grundlage beispielsweise auch beim Kraft- oder dem Ausdauertraining. Sportanfängern rät er aber bei diesem Training klar zur Vorsicht. «Im Gegensatz zum Training mit Gewichten lässt sich die Belastung mit dem Körpergewicht nicht gut anpassen.» Das heisst, man müsse in der Lage sein, gleich sein gesamtes Körpergewicht bewegen zu können. «Für Anfänger ist diese Belastung sicher zu hoch», sagt Mathieu. Deshalb solle man sich zuerst eine Grundkraft aneignen, bevor man mit dem Körpergewicht trainiere.

Der Sportphysiotherapeut sieht das Tier-Training als Ergänzung zu anderen sportlichen Aktivitäten. «Ich würde nicht jeden Tag nach diesem System trainieren», sagt er. Denn der menschliche Körper sei im Jahr 2020 kein Vierfüssler mehr. Besonders unsere Gelenke und Sehnen seien es nicht mehr gewohnt, auf allen vieren zu sein. «Übertreibt man es damit, kann es zu Verletzungen kommen.»