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Kolumne von Milo RauTrigger-Warnung als Lebensstil

Warum die grösste Sehnsucht des postmodernen Egos endlich real geworden ist.

Coronazeit ist Seherzeit, aber jeder sieht nur, was er gern sehen möchte. Wer den starken Staat schon immer super fand, sah sich in den letzten Wochen bestätigt. Wer seine Familie hasst, spürte ein Zeitalter der autoritären Nähe heraufziehen. Einige dagegen sprachen von Solidarität, wenn ein paar Leute aus dem Fenster klatschten. Andere hinwiederum sahen überall nur noch Klopapier-Hamsterer.

Doch bald schon kam die Entwarnung. Der Kaiser Kapitalismus ist nicht nackt: Er lässt nur mal kurz die Hosen runter, damit wir ihm die Rettungspakete besser in den Arsch schieben können. Weshalb sich bereits schleichend ein Sowohl-als-auch-Narrativ durchsetzt: Neoliberalismus ja, aber bitte mit genug Beatmungsgeräten. Erdölindustrie passt, aber so halb verstaatlicht bitte. Autoritärer Nationalismus ist okay, aber «zivilisiert», wie der Soziologe Heinz Bude kürzlich in einem Interview sagte.

Strukturell ist diese Entwicklung am wahrscheinlichsten, debattentechnisch betrachtet dagegen bedauerlich. Die Entweder-oder-Kriegsrhetorik haute irgendwie mehr rein. Giorgio Agamben etwa sah, in seinem Zimmerchen im Grand Hotel Abgrund sitzend, einen neuen Faschismus heraufziehen, Slavoj Zizek den Kommunismus. Aber ist eine national begrenzte Variante des Sozialstaats, der auf das flexibilisierte Homeoffice setzt, wirklich Sozialismus – oder nur «National-Sozialismus»?

Der narzisstische Wunsch nach Safe Places ist nun epidemiologisch gestützte Staatstheorie.

Nein, meine Lieben, wird nichts mit der Tragik! Denn Corona hat uns in Wahrheit nur noch mehr zu uns selbst gemacht. Der westliche Citoyen, der für ein paar Tage ein hölderlinsches Zeitalter der seelischen Grösse heraufziehen sah, blieb an seine Ängste gefesselt. Zehn Jahre Shitstorms und Achtsamkeitsdebatten haben die beiden Gäule Alarmismus und Moralismus nicht müde geritten, sie kommen erst so richtig in Form. Der narzisstische Wunsch nach Safe Places war zwanzig Jahre lang das Steckenpferd rechter und linker Identitätspolitiker, nun ist es epidemiologisch gestützte Staatsideologie. Corona etabliert die Trigger-Warnung als Lebensstil.

Und es ist ja was dran: Die grösste Sehnsucht des postmodernen Egos, immerhin potenziell Opfer zu sein, ist endlich real geworden. Wenn auch zum Glück nicht ganz so real: Während wir Intellektuellen zu Hause sitzen, zum fünften oder sechsten Mal Camus’ «Pest» online streamen und Solidaritätsaufrufe unterschreiben, hat sich die Globalisierung des Leids noch beschleunigt. Vor allem ist sie noch einseitiger geworden. Denn wer sich die Quarantäne nicht leisten kann – also sagen wir mal zurückhaltend 80 Prozent der Menschheit –, der geht nur noch schneller vor die Hunde als vorher schon.

Was kommt also? «Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie», schrieb der grossartige Thomas Meinecke vor 40 Jahren. «Freiwillige Selbstkontrolle» hiess der ironische Titel seiner Band. Heute klingt das wie ein Epochen-Label. Aber der gute alte Weltgeist mag keine Safe Places. Er wird früher oder später vorbeischauen im Homeoffice, fürchte ich – und zwar ohne Trigger-Warnung.