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Coronavirus und Wahlkampf in den USATrump, der Mann ohne Maske

Der US-Präsident tourt durch die USA und spricht davon, wie viele Leben er in der Pandemie schon gerettet haben will. Worum es ihm dabei geht, ist vor allem seine Wiederwahl.

Zuerst improvisiertes Gerede, jetzt Fabrikbesuche: US-Präsident Donald Trump.
Zuerst improvisiertes Gerede, jetzt Fabrikbesuche: US-Präsident Donald Trump.
Foto: Jonathan Ernst (Reuters)

Donald Trump geht wieder vor die Tür. Wochenlang sass er wegen der Corona-Pandemie im Weissen Haus fest, doch jetzt ist sein Reisekalender wieder gut gefüllt. Vor einigen Tagen war der US-Präsident in Arizona, um dort eine Fabrik zu besuchen, die Schutzmasken herstellt. Vergangene Woche reiste er nach Pennsylvania und schaute sich ein Lager für medizinische Ausrüstung an. Und an diesem Donnerstag wird Donald Trump in Michigan erwartet, in einer Fabrik von Ford, in der statt Autos derzeit Beatmungsgeräte zusammengebaut werden.

Die Termine sollen den Amerikanern zeigen: Der Präsident führt den Kampf gegen das Coronavirus. Doch Arizona, Pennsylvania und Michigan gehören ganz zufällig auch zu jenen Bundesstaaten, die bei der Präsidentschaftswahl im November besonders wichtig sein werden. 2016 hat Trump in allen drei Staaten gewonnen, und in diesem Jahr muss er dort ebenfalls wenigstens ein oder zwei Siege schaffen, um Präsident zu bleiben. Das Problem: In den Umfragen führt – mal knapper, mal weniger knapp – der Demokrat Joe Biden. Wäre an diesem Sonntag Wahl, würde Donald Trump wohl verlieren.

Die Botschaft geändert

Die Fabrikbesuche des Präsidenten dienen daher weniger dem Zweck, nachzusehen, ob das Land genügend Material hat, um das Virus zu bekämpfen und zu besiegen. In Wahrheit sind es Wahlkampfauftritte, so wie es Trumps tägliche Pressekonferenzen im April waren. Die musste der Präsident allerdings einstellen, weil sein improvisiertes Gerede seine Umfragewerte eher drückte als steigerte.

Mit dem neuen Format hat sich auch die Botschaft geändert, die Trump unters Volk bringt. Bei den Pressekonferenzen im Weissen Haus stand er neben sorgenvoll dreinblickenden Ärzten, die von Infizierten und Toten redeten. Davon spricht Trump jetzt nicht mehr – und wenn, dann nur, um China zu beschuldigen, für die vielen Opfer verantwortlich zu sein.

Ausruhen in Zeiten der Pandemie: Ein Paar im New Yorker Stadtteil Queens.
Ausruhen in Zeiten der Pandemie: Ein Paar im New Yorker Stadtteil Queens.
Foto: Andrew Kelly (Reuters)

Stattdessen hat Trump das Virus für mehr oder weniger besiegt erklärt. Gemessen an früheren Schätzungen, wonach bis zu zwei Millionen Amerikaner sterben könnten, seien die bisher etwa 90’000 Todesopfer doch gar keine so schlechte Bilanz, lautet sein Argument. Er habe «Hunderttausende Leben gerettet», lobte sich Trump kürzlich. «In jeder Generation, bei jeder Herausforderung, Gefahr und Bedrohung hat Amerika getan, was getan werden musste», sagte er. «Jetzt waren wir dran, und wir haben gewonnen.»

Trump braucht für den Wahlkampf eine optimistische Botschaft, die nicht nach Rekordarbeitslosigkeit und Depression klingt

Zugleich hat sich Trump fest an die Seite derer gestellt, die eine möglichst rasche Wiederöffnung der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens fordern. Seine medizinischen Berater warnen ihn zwar davor, das Land zu schnell zu öffnen, weil die Pandemie in den USA allenfalls mit Mühe eingedämmt worden, aber längst noch nicht überstanden ist. Doch Trump braucht für den Wahlkampf im Sommer und Herbst eine optimistische Botschaft, die nicht nach Rekordarbeitslosigkeit und Depression klingt. «MACHT UNSER LAND AUF!», twitterte er daher am Montag.

Trump folgt damit zum einen seinem Instinkt. Der Präsident hat von Beginn der Pandemie an dazu geneigt, die Bedrohung durch das Virus eher zu unter- als zu überschätzen. Dass die schlimmsten Szenarien, die den USA vorhergesagt wurden, bisher nicht wahr geworden sind – ausser in New York City – hat Trump in seiner Sicht bestätigt, dass erstens sein Krisenmanagement ganz fabelhaft war und zweitens der weitgehende Stillstand der amerikanischen Wirtschaft mehr Schaden anrichtet als das Virus – zumindest, was seine Wiederwahlchancen betrifft.

Tiefe Kluft

Zum anderen folgt Trump mit seinem neuen Kurs schlicht seinen Wählern. Die Mehrheit der Amerikaner ist zwar immer noch der Ansicht, dass der Schutz vor dem Virus wichtiger ist als die schnelle Wiederbelebung der Wirtschaft. Einer aktuellen Umfrage des Magazins «Politico» zufolge haben 56 Prozent der Bürger vor allem Angst vor einem Wiederaufflammen der Pandemie, nur 34 Prozent halten den ökonomischen Absturz für gefährlicher. Doch die parteipolitischen Unterschiede sind erheblich: Bei den Republikanern sind 55 Prozent der Anhänger der Meinung, die wirtschaftliche Lage sei bedrohlicher als das Virus. Dagegen machen sich 72 Prozent der demokratischen Wähler grössere Sorgen um die öffentliche Gesundheit.

Diese tiefe Kluft zeigt sich in vielen Umfragen zur Pandemie. Insofern ist es nicht überraschend, dass Trump die Krise politisiert – seine Wähler, von denen er im November jeden Einzelnen braucht, motiviert das. Deswegen jubelt der Präsident jedes Mal auf Twitter, wenn sich in demokratisch regierten Bundesstaaten Proteste gegen die Ausgangssperren regen. So feuerte Trump zum Beispiel die bewaffneten Demonstranten an, die in Michigan ins Parlamentsgebäude vordrangen und die demokratische Gouverneurin Gretchen Whitmer als Tyrannin beschimpften. Als das Verfassungsgericht in Wisconsin die dortige Ausgangssperre verwarf, twitterte Trump umgehend seine Zustimmung in die Welt. Auch Michigan und Wisconsin zählen zu den Bundesstaaten, die Trump im Herbst gewinnen muss – und in denen derzeit Biden führt.

Linke Angsthasen tragen Masken

Zuweilen spiegelt sich Trumps grosse Wahlkampfstrategie auch in sehr kleinen Dingen – etwa in der konsequenten Weigerung des Präsidenten, einen Mundschutz zu tragen. Ein Stückchen Stoff, das Mediziner durchaus für geeignet halten, die Ansteckungsgefahr zu senken, ist auf diese Weise zu einem politischen Kampfsymbol geworden: Linke Angsthasen tragen Masken, rechte Patrioten verzichten darauf.

In diese Kategorie fällt auch Trumps absonderliches Eingeständnis, dass er zum Schutz vor dem Coronavirus das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin einnehme. Zwar gibt es keine Belege dafür, dass sich eine Infektion dadurch verhindern lasse. Im Gegenteil: Ärzte warnen vor erheblichen Nebenwirkungen. Aber im rechtskonservativen Lager gilt Hydroxychloroquin als eine Art Wunderheilmittel, das die Demokraten aus politischen Gründen schlechtreden wollen. Immerhin hat Donald Trump das ja so gesagt.