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Schmutzkampagne gegen BidenTrumps absurde Vorwürfe

Joe Biden wolle die Polizei und Gefängnisse abschaffen, in Häusern wolle er «im Grunde keine Fenster mehr»: Der US-Präsident kämpft mit ausgefahrenen Ellenbogen gegen seinen Herausforderer.

Umfragen zeigen US-Präsident Donald Trump  in einem Loch, in nahezu allen wahlentscheidenden Bundesstaaten führt sein demokratischer Rivale. Nun versucht er diesen mit allen Mitteln schlecht zu reden.
Umfragen zeigen US-Präsident Donald Trump in einem Loch, in nahezu allen wahlentscheidenden Bundesstaaten führt sein demokratischer Rivale. Nun versucht er diesen mit allen Mitteln schlecht zu reden.
KEYSTONE

2016 lenkte er die Digital-Strategie Donald Trumps und war massgeblich an dessen Sensationssieg beteiligt. Am Mittwoch aber wurde Brad Parscale, bis dahin Wahlkampfmanager des Präsidenten, seines Postens enthoben und degradiert.

Das Revirement widerspiegelt die missliche Situation, in der sich Donald Trump dreieinhalb Monate vor den US-Präsidentschafts- und Kongresswahlen befindet: Umfragen zeigen ihn in einem Loch, in nahezu allen wahlentscheidenden Bundesstaaten führt sein demokratischer Rivale Joe Biden. «Ich freue mich auf einen grossen und sehr wichtigen zweiten Sieg», machte der Präsident sich und seinen Fans am Mittwoch zwar Mut, doch würde jetzt und nicht erst im November gewählt, wäre er der sichere Verlierer.

Parscale hatte Trumps Unmut nach dem Debakel im Juni in Tulsa erregt, als der Präsident in einer halbleeren Halle aufgetreten war. Ihn zu entlassen, wäre indes gefährlich: Der Digital-Stratege weiss zuviel, er arbeitete 2016 in brisanten Bereichen von Trumps Wahlkampf. Parscales Nachfolger Bill Stepien ist vom Zuschnitt her konventioneller, die Fäden in der Hand aber hat nach wie vor Schwiegersohn Jared Kushner.

Doch auch ihm ist bisher nicht gelungen, Donald Trump auf Linie zu halten und den Kandidaten gelegentlich vor sich selbst zu bewahren. Ein Erfolg im November ist gleichwohl noch möglich: Falls der derzeitige Corona-Ausbruch eingedämmt werden kann und sich die Wirtschaft im Herbst spürbar erholt, stünde der Präsident besser da.

Kushner und Trumps Wahlkampfteam wissen, dass der Urnengang nicht zu einem Referendum über den Amtsinhaber werden darf. Ihre Strategie zielt deshalb darauf ab, Joe Biden in den Schmutz zu ziehen und den Demokraten als Marionette der «radikalen Linken» zu zeichnen.

Absurde Vorwürfe

Am Dienstag lieferte der Präsident während eines bemerkenswerten Monologs vor Reportern dazu einen Vorgeschmack: Biden wolle «unsere Polizei» mitsamt den «Gefängnissen abschaffen» und «Anreize bieten für illegales Schmuggeln ausländischer Kinder». Die Einwanderungsbestimmungen wolle der Demokrat aussetzen, sein Plan zu Energieeinsparungen bedeute «im Grunde keine Fenster mehr», so Trump. Und überhaupt wolle Biden «Suburbia abschaffen».

Ob damit jene Wähler in den Vorstädten gewonnen werden, die 2016 für Trump stimmten, inzwischen aber die Seite gewechselt haben, ist fraglich. Doch ohne sie kann Donald Trump nicht siegen, sie möchte er mit seinen Beschwörungen von «Recht und Ordung» erreichen.

Keine Hassgefühle wie bei Clinton

Joe Biden würde ihm diese Aufgabe erleichtern, falls er bei den geplanten drei TV-Debatten mit dem Präsidenten einbricht und sich dessen absurder Vorwürfe nicht erwehren kann. Die Darbietungen des demokratischen Kandidaten bei den TV-Debatten im Rahmen der demokratischen Vorwahlen im Herbst 2019 waren nicht sonderlich überzeugend: Stockend und begleitet von mentalen Aussetzern mühte sich der ehemalige Vizepräsident durch manche Rededuelle mit seinen Konkurrenten.

Bislang aber ist es Donald Trump nicht gelungen, seinen demokratischen Konkurrenten wirklich unter Druck zu setzen. Auch hat der Präsident kaum Kontrolle über den Verlauf der Corona-Pandemie. Aus dem Rennen aber ist er nicht, zumal drei Monate eine Ewigkeit in der Politik sind. Im Gegensatz zu 2016 ist Trump jedoch eine bekannte Grösse – und Joe Biden entfacht überdies nicht ähnliche Hassgefühle wie Hillary Clinton. Auch deshalb befindet sich der Präsident in diesem Sommer keineswegs dort, wo er sein möchte.