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Präsidiale LügenTwitter und Facebook kommen mit Trump an ihre Grenzen

Einen Tweet Trumps über die angeblich «gestohlene Wahl» markiert Twitter als irreführend, ein Video mit dem gleichen Inhalt bleibt aber unangetastet. Die sozialen Netzwerke stecken in einem Dilemma.

US-Wahl 2020: Es kommt auf jede Stimme an – erst recht, nachdem sich der amtierende Präsident bereits zum Wahlsieger erklärt hat.
US-Wahl 2020: Es kommt auf jede Stimme an – erst recht, nachdem sich der amtierende Präsident bereits zum Wahlsieger erklärt hat.
Foto: Keystone

Es ist 6.49 Uhr Schweizer Zeit, als der amtierende US-Präsident zum Telefon greift und einen Tweet absetzt, der wohl den Auftakt zu einer Schlacht um den Ausgang der Präsidentschaftswahlen 2020 markiert. «Wir liegen WEIT vorn, aber sie versuchen die Wahl zu STEHLEN, wir werden das nicht zulassen. Niemand darf wählen, nachdem die Wahllokale geschlossen sind!», schrieb Donald Trump seinen über 87 Millionen Followern auf Twitter.

Innerhalb weniger Minuten sammelte der Tweet Tausende Retweets. Dann schritt Twitter ein und verbarg den Inhalt des Posts hinter einer Warnung.

Weiterverbreiten konnte man den Tweet ab diesem Zeitpunkt nur noch mit Kommentar. Doch auch dann wurde der Originaltext den Nutzern zunächst nicht angezeigt. Stattdessen war zu lesen: «Teile dieses Tweets sind irreführend und enthalten möglicherweise Fehlinformationen über die Wahl oder einen anderen zivilen Vorgang.» Auf Twitter gab es sofort Vorwürfe, das Netzwerk würde den US-Präsidenten zensieren oder die Wahl zugunsten dessen Herausforderers Joe Biden beeinflussen wollen.

Schon seit Wochen wird unter anderem auf Twitter das Narrativ genährt, die Demokraten planten, die Wahl zu manipulieren.

Doch Twitter behandelt den US-Präsidenten genau so, wie es das Netzwerk zuvor angekündigt hatte zu handeln. Es war zudem nicht das erste Mal, dass Twitter die Sichtbarkeit eines Trump-Tweets einschränkte, erst am Vortag hatte Twitter das Gleiche mit einer Nachricht Trumps über die Zulässigkeit der Briefwahl getan. Schon seit Wochen wird unter anderem auf Twitter das Narrativ genährt, die Demokraten planten, die Wahl zu manipulieren. Auch der Präsident selbst hatte immer wieder ohne konkreten Anlass und entgegen der Meinung von Experten behauptet, es drohten Manipulationen bei der Briefwahl.

Dass Twitter nun auch in der Wahlnacht irreführende Tweets des US-Präsidenten verbirgt und mit Warnhinweisen versieht, ist einerseits konsequent. Andererseits liess das Unternehmen einen genauso irreführenden Video-Retweet Donald Trumps wenig später zunächst ohne entsprechende Hinweise stehen.

Eine Frau filmt mit ihrem Smartphone eine Rede Trumps bei dessen Wahlkampf vor vier Jahren.
Eine Frau filmt mit ihrem Smartphone eine Rede Trumps bei dessen Wahlkampf vor vier Jahren.
Foto: Keystone

Es handelte sich um eine Aufzeichnung des Live-Videos von Trumps Rede im Weissen Haus, in der dieser dieselben Vorwürfe erneut wiederholte, nun lediglich eingebettet in einen zehn Minuten langen Vortrag. Nach knapp acht Minuten in dem Video erklärt sich Trump kurzerhand zum Wahlsieger. Er geht sogar noch weiter und kündigt an, den Supreme Court einzuschalten, also den Obersten Gerichtshof der USA, um die Abgabe weiterer Stimmen zu stoppen. Tatsächlich werden seit dem frühen Morgen deutscher Zeit keine Stimmen mehr abgegeben, sondern nur noch gezählt. Diese Auszählung kann im Extremfall noch mehrere Wochen dauern.

Republikaner kritisieren seit Jahren eine angebliche Bevorzugung von Liberalen auf den Plattformen.

Auch auf Facebook verbreitete Trump seinen Auftritt aus dem Weissen Haus. Das Netzwerk versah im Gegensatz zu Twitter auch dieses Video mit einem Warnhinweis: Es werde weiterhin ausgezählt, und die Ergebnisse stünden noch nicht fest.

Die sozialen Netzwerke stehen bei dieser Wahl unter besonderer Beobachtung: Republikaner kritisieren seit Jahren eine angebliche Bevorzugung von Liberalen auf den Plattformen – obwohl Statistiken immer wieder zeigen, dass es konservative Influencer sind, deren Postings am meisten gelesen und geteilt werden. Von der anderen Seite wird den Netzwerken vorgehalten, Lügen und Falschinformationen von rechten und extrem rechten Akteuren zu mehr Reichweite zu verhelfen und so dazu beizutragen, den Diskurs zu vergiften.

Der unterschiedliche Umgang der Netzwerke mit diesen zwei Posts – Trumps eigener Nachricht und dem Video seiner Rede – zeigt, wie schwer es für die Netzwerke ist, einen nachvollziehbaren Umgang mit den vielen Unwahrheiten zu finden, die der aktuelle Präsident der USA verbreitet.

Doch selbst wenn die Netzwerke jede Falschaussage des Präsidenten von ihren Plattformen gelöscht hätten, am Wahltag hätte das nur wenig genützt: Die meisten klassischen Medien hatten sehr schnell über den Inhalt der Posts berichtet – und die Fernsehsender waren selbst auch live mit ihren Kameras dabei, als Trump sich schon zum Sieger kürte, bevor alle Stimmen ausgezählt waren.