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Britischer RundfunkDie BBC profitiert von der Pandemie

Die Tories planten, den Qualitätssender zu schwächen. Nun hat allein das Fernsehen 70 Prozent mehr Zuschauer.

Boris Johnson verweigerte im Wahlkampf die unbequemen Interviews der BBC. Das machten die Journalisten publik. Ein Machtkampf um Geld und Einfluss folgte.
Boris Johnson verweigerte im Wahlkampf die unbequemen Interviews der BBC. Das machten die Journalisten publik. Ein Machtkampf um Geld und Einfluss folgte.
Foto: Ollie Millington (Getty Images)

Wenige Wochen ist es her, dass die renommierteste und grösste Rundfunkanstalt der Welt im eigenen Land noch um ihre angestammte Rolle und überhaupt um ihre Zukunft fürchten musste. Boris Johnsons Tories hatten der «alten Tante» den Kampf angesagt. Unter anderem wollte sich Johnsons Regierung dafür rächen, dass die BBC zu Brexit-Zeiten nicht gehorsam dem Zug der Befürworter gefolgt war, sondern sich auf Neutralität versteift hatte.

Auch im Wahlkampf suchte die Anstalt, wie es ihr Auftrag ist, vorsichtig auszutarieren. Dass sich Johnson mehreren unbequemen Interviews schlicht nicht stellen wollte, wurde von BBC-Leuten offen kritisiert. Das vergaben die Repräsentanten der Tory-Rechten dem Sender nicht. Im Februar ordnete die damalige Medienministerin Nicky Morgan eine Überprüfung an, ob man die Fernsehgebühren im Vereinigten Königreich abschaffen und sich die BBC künftig durch Abonnemente finanzieren sollte wie Netflix und andere Anbieter auch. Johnsons Chefstratege Dominic Cummings wurde noch deutlicher. «Sunday Times»-Journalisten zitierten ihn mit den Worten, die BBC müsse «in die Pfanne gehauen» werden. Das war gerade erst Mitte Februar.

Die BBC muss in die Pfanne gehauen werden.»

Dominic Cummings, Chefstratege

Dann kam das Coronavirus. Und mit einem Mal fand sich Boris Johnson schlicht auf die Hilfe der BBC angewiesen, denn an der Anstalt vorbei liess sich nicht operieren. Entsprechende ministerielle Versuche, auf andere Quellen auszuweichen, scheiterten kläglich. Tatsächlich wandten sich schon zu Beginn der Krise immer mehr Briten wieder der BBC zu. Kein Wunder: Die alte Vertrauenswürdigkeit des öffentlichen Senders, dessen trotzig bewahrte Unabhängigkeit, das fundierte Urteil seiner Experten und die Bandbreite seiner Berichterstattung erwiesen sich als unverzichtbar in der Krise. Von den Frühstücksprogrammen bis zu den Abendnachrichten, von den Livepressekonferenzen aus Downing Street und deren Kommentierung bis zum Nachrichtenstrom und zu den reichhaltigen Erklärstücken der BBC-Website bot sich einer ins Ungewisse stürzenden Bevölkerung ein verlässlicher Halt.

Von Yoga bis zum virtuellen Gottesdienst

Mit einem Mal sind die BBC-Einschaltquoten an allen Fronten steil nach oben geschossen. Allein der Nachrichtenkanal des BBC-Fernsehens meldet mittlerweile 70 Prozent mehr Zuschauer als zur gleichen Zeit im vorigen Jahr. «Als der nationalen Rundfunkanstalt fällt der BBC in dieser Zeit nationalen Notstands eine besondere Rolle zu», erklärt es BBC-Generaldirektor Sir Tony Hall in einem Ton, der an ferne Kriegszeiten erinnert. «Wir müssen alle zusammenhalten, um das durchzustehen.»

In aller Eile wird das Programm entsprechend angepasst. Zusätzliche Schul- und Bildungsprogramme werden geboten, Extrasendungen für Kinder, Yoga- und Fitnessstunden mit Prominenten. Kochtipps mit bekannten Köchen gibt es, bunt garnierte Gartensendungen, Liveauftritte von Popstars in ihren Wohnzimmern und virtuelle Gottesdienste für Gläubige unterschiedlichster Konfession.

Die Möglichkeit zur zeitweisen Flucht aus einer schaurigen Realität soll, gemäss BBC-Stimmen, nicht zuletzt der «psychischen Gesundheit» der Nation dienen. An Aufmunterung dürfte in den nächsten Wochen, in denen das Virus im Vereinigten Königreich weiter um sich greifen wird, enormer Bedarf bestehen. Solange der gewaltige Apparat der BBC nur am Laufen gehalten werden kann und genügend Mitarbeiter im weiteren Verlauf der Krise zur Verfügung stehen, übernimmt die Anstalt so in der Tat wieder eine Funktion, wie sie sie – via Radio und mit weit bescheideneren Mitteln – zu Weltkriegszeiten versah. Die noch im Februar wegen Geldknappheit vorgesehene Kündigung von fast 500 Journalisten im Nachrichtenbereich ist jedenfalls von Sir Tony Hall erst einmal «aufgeschoben» worden. An finanziellen Mitteln freilich fehlt es weiter. Von den konservativen Regierungen David Camerons, Theresa Mays und Boris Johnsons wurde die BBC seit 2010 schon um fast ein Drittel geschrumpft. Johnson hat der BBC bisher keine zusätzlichen Ressourcen versprochen.

9 Kommentare
    P Dieci

    Wenn 40% Arbeitnehmer infolge der Coronakrise nicht mehr arbeiten und zu Hause sind, hat es automatisch mehr Menschen vor dem Fernseher..das hat aber nichts mit der Qualität der Fernsehprogramme zu tun..auf der ganzen Welt.