Zürich

Attraktivitätsverlust wie erwünscht

Der Zürcher Stadtrat bewertet seine neue Prostitutionspolitik positiv. Die Beratungsstellen beklagen Verlagerungseffekte.

Die Langstrasse: Sie gilt als Zentrum des Zürcher Rotlichtmilieus – Strassenprostitution ist hier aber verboten.

Die Langstrasse: Sie gilt als Zentrum des Zürcher Rotlichtmilieus – Strassenprostitution ist hier aber verboten. Bild: Keystone

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Ab 2006 geriet der Strich am Zürcher Sihlquai zunehmend in die Schlagzeilen. Mit der erweiterten EU-Personenfreizügigkeit begannen Roma-Frauen aus Ungarn das Geschehen zu dominieren – und ihre Zuhälter. Der Betrieb mit Freiern und Schaulustigen überbordete, die Gewalt nahm zu. Am 26. August 2013 setzte die Stadt dem Treiben ein Ende. Gleichen­tags wurde der Strichplatz Depotweg in Altstetten eröffnet. Es war der spektakulärste Schritt in der Neuausrichtung der Stadtzürcher Prostitutionspolitik. Festgeschrieben ist sie in der seit 2012 geltenden Prostitutionsgewerbeverordnung (PGVO).

Per Postulat hatte das Parlament den Stadtrat verpflichtet, dazu einen Bericht vorzulegen. Das hat er gestern getan. «Zürich ist für ausländische Prostituierte und Freier unattraktiver geworden», umschreibt Polizeidepartementssprecher Robert Soos die Kernaussage des Berichtes. Er umfasst 35 Seiten und ist unter www. stadt-zuerich.ch/strb (Medienmitteilungen) abrufbar.

Weniger Gewalt

Die Situation für die Bevölkerung am Sihlquai habe sich massiv verbessert, schreibt der Stadtrat. Die Frauen seien in Altstetten erheblich weniger Gewalt ausgesetzt. Jedoch haben sie dort auch weniger Kunden. Das lässt sich beziffern, da Strassenprostituierte seit Anfang 2013 vor jedem Einsatz ein Ticket lösen müssen. Zu Sihlquai-Zeiten taten das 33 pro Tag, danach bis Ende 2014 im Schnitt 13. Neuerdings herrsche wieder mehr Betrieb. Nachzulesen ist auch, dass am Depotweg «tendenziell mehr Frauen arbeiten, als ­effektiv Tickets gelöst haben».

Seit 2013 müssen Strassenprostituierte zudem eine Bewilligung beantragen. Das Prozedere umfasst auch ein Gespräch mit der Frauenberatungsstelle Flora Dora. 2013 wurden 461 Bewilligungen vergeben, 2014 noch 304.

Bewilligungspflichtig sind seit 2013 auch Salons, in denen mehr als zwei Personen tätig sind. Die Umsetzung sei aufwendig, steht im Bericht, habe sich aber gut eingespielt. Die Zahl der Salons hat sich von 2012 auf 2013 um 60 reduziert auf noch 220. Indes sind hier auch die Kleinstbetriebe mitgezählt, deren Zahl seit Jahren sinkt. Der Grund dafür ist nicht die PGVO, sondern die Bau- und Zonenordnung (BZO). Sie verbietet Salons in Gebieten mit über 50 Prozent Wohnanteil schon länger. An der Langstrasse sind sie somit illegal – im Prinzip. Die Stadt zeigt sich den Kleinstsalons gegenüber aber nachsichtig, soweit möglich.

Gesamthaft scheinen heute weniger Prostituierte in Zürich zu arbeiten. Die Fachgruppe Milieu- und Sexualdelikte der Stadtpolizei zählt jeweils jene Prostituierten, die sie in Salons und auf der Strasse zum ersten Mal antrifft. 2012 waren das fast 1300 Frauen, 2014 noch knapp über 1000.

Schwerer erreichbar

Von Anfang an einbezogen waren auch Nichtregierungsorganisationen. Sie äussern sich kritischer. Die Sihlquai-Schliessung habe zu einer Verlagerung in die Agglomeration oder ins Internet und in die Salons geführt. Dies beklagen etwa die Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ) sowie die Zürcher Stadtmission in einer Medienmitteilung. So seien die Frauen teils schwerer zu erreichen für sie. Sie fordern, dass ein Abschnitt der Langstrasse als Strassenstrich freigegeben wird. Zudem verlangen sie die Abschaffung der 50-Prozent-Regel in der BZO. Dies, um Druck von den Kleinstsalons wegzunehmen. Als deren Vorteil wird angeführt, dass sie den Frauen autonomes Arbeiten erlauben.

Erstellt: 03.06.2015, 21:39 Uhr

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