Zürich

«Der Weg gibt die Themen vor»

Vom Tagespilgern für Anfänger bis zum Pilgern für Trauernde: Michael Schaar steht dem 1996 gegründeten Reformierten Pilgerzentrum St. Jakob in Zürich vor.

Michael Schaar machte 2001 seine erste Pilgerwanderung. Damals hatte er viel zu viel Gepäck dabei und schickte sechs Kilo nach Hause.

Michael Schaar machte 2001 seine erste Pilgerwanderung. Damals hatte er viel zu viel Gepäck dabei und schickte sechs Kilo nach Hause. Bild: Marc Dahinden

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Herr Schaar, Sie sind der neue Pilgerpfarrer von St. Jakob am Stauffacher. Wie gut zu Fuss sind Sie?
Michael Schaar: Ich denke, ich bin recht gut zu Fuss. Aber man kann ja auch als Velofahrer oder Inliner pilgernd unterwegs sein. Wir bieten sogar Pilgern mit dem Bus an, was gerade für Seniorinnen und Senioren geeignet ist. Oft handelt es sich dabei um ehemalige Jakobspilger. Wir fahren so nahe wie möglich entlang der Route.

Es ist also nicht für jüngere Rollstuhlfahrer gedacht?
Nein, aber Inklusion beim Pilgern wäre auch mal ein für mich sehr wichtiges Thema, gerade auch mit Blick auf junge Menschen.

Das Reformierte Pilgerzentrum St. Jakob existiert seit 20 Jahren. Wie hat es sich entwickelt?
Als Gründer hat mein Vor-Vorgänger Pfarrer Theo Bächtold Pionierarbeit geleistet. Pilgern war für Reformierte «exotisch»; manche verbinden es noch heute ausschliesslich mit dem katholischen Glauben. Mein Vorgänger, Pfarrer Andreas Bruderer, ist Ende September in Pension gegangen. Er hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, was Pilgernde auf dem Weg für Wandlungen erleben. Durch die Gemeinschaft auf dem Weg, durch das Unterwegssein und diese Form von «Gottesdienst auf dem Weg» sagen mir einige, wieder neu einen Zugang zur Kirche zu erhalten.

Ab welcher Marschdauer verändert sich etwas in einem ?
Das ist sehr individuell. Langzeitpilgernde brauchen drei Wochen. Aber vorher stellt sich auch etwas ein.

Wie viele Pilger betreuen Sie in Zürich?
Rund 200 Menschen holen jährlich den Pilgerpass bei uns ab, der aber auch beim Verein Jakobsweg erhältlich ist. Unser Adressstamm umfasst 1500 Pilger und Interessenten. Ausserdem bieten wir hier einen Pilgerstamm am ersten Freitag des Monats.

Im kommenden Herbst haben Sie eine einwöchige Pilgerreise für Trauernde im Programm.
Menschen, die trauern, sind meist erstarrt. Es geht darum, auch ganz praktisch wieder in Bewegung zu kommen. Wir bieten das Pilgern für Trauernde an, die einen nahen Menschen verloren haben, wobei es nicht in einer Akutsituation geeignet ist. Tränen sind auf diesem Weg erlaubt, es geht um den Austausch. Das Pilgern hilft, den eigenen Körper neu wahrzunehmen und wieder auf die Füsse zu kommen.

Hatten Sie auch eine persönliche Motivation, diese Tour zu entwickeln?
Das Angebot haben wir im April ersonnen. Unterdessen ist im Juni mein Vater plötzlich mit 67 Jahren verstorben. Ich selbst habe in Dänemark auf dem Heerweg Haervejen die Erfahrung gemacht, wie sich die Trauer um einen nahen Menschen anfühlt und dass der Weg hilft, diese zu verarbeiten. Diese Erfahrung möchten wir anderen weitergeben.

Das Pilgern für Trauernde führen Sie mit Regula Würth, einer katholischen Seelsorgerin.
Wir kennen uns viele Jahre. Im Weinland haben wir exzellent ökumenisch arbeiten können. Ich finde es wichtig, dass wir als Frau und als Mann seelsorgerisch begleitend auf dem Weg sind. Es können Themen kommen, die man nur mit einer Frau oder einem Mann besprechen möchte.

Wie sieht der typische Pilger aus?
Den gibt es nicht! Aber es ist jemand, dem die Schöpfung und die Natur wichtig sind; auch Gastfreundschaft zu geben und anzunehmen. Das trifft häufig auf Menschen ab 40, 50 Jahren zu. Und natürlich motiviert manche der Eintritt ins Pensionsalter. Bei den Jüngeren, die allein pilgern, geht es auch um Abenteuerlust.

Wann wurden Sie zum Pilger?
Ich bin 2001 durch einen Studienfreund auf meine erste Pilgerwanderung gekommen. Damals studierte ich an der Ostsee, und wir sind die Via Baltica von Swinemünde in Polen bis Lübeck gegangen. Damals hatte ich viel zu viel Gepäck dabei. Als wir an das erste deutsche Postamt gekommen sind, habe ich sechs Kilo an mein Studienwohnheim zurückgeschickt.

Nun sind Sie zu 50 Stellenprozent Leiter des Pilgerzentrums und zu 30 Prozent gewählter Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Zürich-Aussersihl.
Die Kombination finde ich spannend: Ich bin als Ausländer Pfarrer in diesem Quartier, das sich sehr verändert hat, seit ich 2005 als Lernvikar hier arbeitete. Inzwischen ist es «in», im Kreis 4 zu wohnen. Es gibt neben den verschiedenen Nationalitäten auch viele junge Familien.

Und die kommen in Ihren Gottesdienst?
Leider noch nicht. In meinen elf Pfarramtsjahren hatte ich bisher immer einen Schwerpunkt in der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien. Zwischen 24 und 30 Konfirmanden konnte ich in Laufen am Rheinfall jährlich konfirmieren. Das sieht hier anders aus. Es sind drei, vier – zu wenige für eine Konfirmandenklasse. Das beruht aber auch auf der Zusammensetzung des Quartiers.

Warum haben Sie die Tätigkeit in Laufen aufgegeben?
Nach elf Jahren Pfarramt bot sich mir diese Gelegenheit, mich einem speziellen Thema zu widmen. Ich habe gemerkt, dass mich die christliche Spiritualität, Kontemplation und Achtsamkeit auch persönlich mehr und mehr interessieren. Im März beginne ich zudem eine Ausbildung zum Kontemplationslehrer. Diese Kompetenzen möchte ich in die Pilgerreisen einbringen. Es war für mich erstaunlich, wie oft gewünscht wird, dass während des Gehens geschwiegen wird.

Am Pilgerzentrum werden sogar Pilgerbegleiter ausgebildet.
Ja, 2018 startet ein neuer Kurs mit drei Modulen, von Mai bis September. Er richtet sich an Laien, die das Thema Pilgern in ihre Kirchgemeinde einbringen wollen. Man lernt den Unterschied zwischen Wandern und Pilgern, und man lernt das Sprechen im Wald, das ein anderes als in der Kirche ist. Ein Nothelferkurs ist übrigens Voraussetzung für die Teilnahme.

Sie haben aber auch Angebote für absolute Beginner.
Zum Beispiel ein Generationenpilgern im Schaffhauser Land an einem Wochenende im Herbst. Der Einstieg ist das Tagespilgern, das wir ab Januar alle 14 Tage veranstalten. 2017 möchten wir nicht den Jakobsweg begehen, sondern den Hugenottenweg durch die Schweiz. Dieser wird mit Beginn des Reformationsjubiläums auch unser Weg sein. Zudem gibt es einen aktuellen Bezug mit dem Thema Flucht. Es ist der Weg, der Themen vorgibt – nicht umgekehrt.


www.jakobspilger.ch (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 29.12.2016, 18:00 Uhr

Zur Person

Michael Schaar wurde 1977 in Hannover geboren. Er studierte Evangelische Theologie, Anglistik und Pädagogik in Göttingen und Greifswald. Diplomabschluss in Theologie. Anschliessend Lernvikariat in der Kirchgemeinde Zürich-Aussersihl, 2006 Ordination. Schaar wird Pfarrer in Buch am Irchel und 2009 – 2016 in Laufen am Rheinfall. Ausserdem ist er Fachlehrkraft für Religionsunterricht in der Sekundarstufe. Er ist verheiratet mit Eva Ebel, Dozentin für Religion und Kultur am Institut Unterstrass an der PHZH. gsp

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