Analyse

Fast alles spricht für Ruedi Noser

Statistische Berechnungen zeigen, dass die grüne Kandidatin Marionna Schlatter nach dem Rückzug von SVP-Kandidat Roger Köppel nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen in den Ständerat gewählt wird.

Nur wenn die grüne Allianz spielt und die SVP-Wähler zu Hause bleiben, wird Marionna Schlatter gewählt. Andernfalls heisst der neue und alte zweite Zürcher Ständerat Ruedi Noser.

Nur wenn die grüne Allianz spielt und die SVP-Wähler zu Hause bleiben, wird Marionna Schlatter gewählt. Andernfalls heisst der neue und alte zweite Zürcher Ständerat Ruedi Noser. Bild: Reto Oeschger / Fabienne Andreoli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Grünen hätten sich zweifellos einen anderen Entscheid gewünscht vom Kantonalvorstand der SVP. Mit Roger Köppel im zweiten Wahlgang vom 17. November würden sich die bürgerlichen Stimmen auf Ruedi Noser und Köppel verteilen. Und die grüne Kandidatin Marionna Schlatter hätte realistische Wahlchancen.

Das ist nun Geschichte. Am 29. Oktober werden die SVP-Delegierten den Entscheid des Kantonalvorstandes absegnen. Offen ist noch die Frage, ob die SVP Stimmfreigabe beschliessen wird oder Ruedi Noser zur Wahl empfiehlt. Nach den ständigen Angriffen Köppels auf den FDP-Kandidaten wäre eine plötzliche Unterstützung nicht ganz einfach zu erklären. Andererseits gilt es aus SVP-Sicht, das grössere Übel zu verhindern.

Und: Man ist von den vergangenen Jahren rhetorische Kurskorrekturen seitens der SVP gegenüber den Freisinnigen ja gewohnt. Einmal tituliert die Volkspartei sie als Weichsinnige und unterstützt sie später trotzdem im Regierungsratswahlkampf als Bündnispartner.

Wie die SVP-Delegierten auch entscheiden werden, eines gilt es im Hinterkopf zu behalten: Was die Partei sagt, ist nicht unbedingt das, was die Wähler tun. Das gilt selbstverständlich für alle Parteien.

Verhalten von SP-, GLP- und SVP-Wählerschaft ist entscheidend

Dass die SVP Roger Köppel aus dem Rennen genommen hat, führt zu einer wesentlichen Klärung im Hinblick auf den zweiten Wahlgang. Man kann nun spekulieren, wie sich die Stimmen der Wähler auf Marionna Schlatter und Ruedi Noser verteilen werden.

Dank dem Politologen Peter Moser vom kantonalen Statistischen Amt braucht man das nicht im luftleeren Raum zu tun. Moser hat herausgefunden, dass auch Ständeratswahlen im Wesentlichen Parteiwahlen sind. Und nicht so sehr Personenwahlen, wie man bisher dachte. Wer die SP-Nationalratsliste einwarf, wählte mit grosser Wahrscheinlichkeit auch Daniel Jositsch in den Ständerat. Und man wird eine zweite Kandidatin aufschreiben, die der ersten Wahl einigermassen nahesteht.

Moser hat aufgrund des ersten Wahlganges geschätzt, wie stark die Wähler einer jeden Partei welchen weiteren Kandidaten unterstützt haben. Ausgehend davon, können verschiedene Szenarien für den zweiten Wahlgang gerechnet werden.

Sie zeigen, dass entscheidend sein wird, wie sich die drei Wählergruppen von SP, GLP und SVP verhalten. Der Einfachheit halber wurde angenommen, dass die SP-Wählerinnen und Wähler grossmehrheitlich Marionna Schlatter unterstützen werden. Mit Jositsch im Trockenen könnten sie finden: Jetzt erst recht. Es muss eine grüne Frau gewählt werden. Ohne deutliche Unterstützung der SP ist Schlatter chancenlos.

Schwieriger ist es mit der GLP. Nach dem Rückzug der eigenen Kandidatin könnte die Devise der GLP-Wähler heissen: Jetzt müssen wir Schlatter zur Wahl verhelfen. Andererseits war die Unterstützung der GLP-Wähler für Schlatter im ersten Wahlgang eher bescheiden, wie die Analyse von Moser zeigt.

Und: Da die GLP in den Nationalratswahlen auch von ehemaligen FDP-Wählern unterstützt wurde, könnten diese nun den FDPler Noser wählen. Teilen sich die Stimmen der GLP-Wähler nur schon halbe-halbe auf, bleibt Schlatter auf der Strecke.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen zeichnet sich dann ab, wenn die grüne Allianz optimal funktioniert – nach den Berechnungen immer noch mit leichtem Vorteil für Ruedi Noser.

Nun kommen die SVP-Wähler ins Spiel. Geben sie Ruedi Noser die Stimme, ist er gewählt, egal was die SP- und GLP-Wähler tun. Bleiben die SVP-Wähler dem zweiten Wahlgang aber in grosser Zahl fern, weil sie den freisinnigen «EU-Turbo» nicht unterstützen wollen, steigen die Chancen von Schlatter deutlich.

Unter dem Strich ist also eine extreme Konstellation nötig, damit die grüne Kandidatin den Sprung in den Ständerat schafft. Ruedi Noser kann dem zweiten Wahlgang einigermassen entspannt entgegenblicken. Bloss: Diesen Frühling hätte wohl kaum jemand sein Geld darauf verwettet, dass das Zürcher Stimmvolk den grünen Martin Neukom aus Winterthur in den Regierungsrat wählt.

Erstellt: 26.10.2019, 14:43 Uhr

Kommentare

Werbung

Branchenbox

Die wöchentliche Seite in der Printausgabe des «Zürcher Unterländer». Ihre Kontaktangaben immer online abrufbar.