Zürich

Glück aus Abfallprodukten

Seit einem Monat läuft die «Reschteglück»-Tour. Das neue Projekt der Sozialwerke Pfarrer Sieber hilft mit, dass weniger Essen verschwendet wird, und ermöglicht gleichzeitig Bedürftigen eine anständige warme Mahlzeit.

Peter Gerber: «Wenn man in einem Tief ist, braucht es nicht mehr viel und man ist auf der Strasse.»

Peter Gerber: «Wenn man in einem Tief ist, braucht es nicht mehr viel und man ist auf der Strasse.» Bild: Marc Dahinden

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Montagmorgen, 7.45 Uhr, der Kleinlaster steckt mitten im Verkehr zwischen Hardbrücke und Albisriederplatz. «Sonst fahren wir früher los», sagt Chauffeur Peter Gerber. Extra für die Presse hat er die Sammeltour nach hinten verlegt. Der Verkehr macht Gerber aber keine Sorgen. Es geht dann auch überraschend flüssig voran. Nach wenigen Minuten rollt der Wagen in die Tiefgarage unter dem Zürcher Engrosmarkt, von wo aus die Lebensmittelhändler ihre Ware verteilen.

Rares wie Artischocken

Gerber steuert den Lastwagen rückwärts an eine Rampe, über dem metallenen Schiebetor steht «Marinello». Der fast 100-jährige Zulieferer von Restaurants in der ganzen Region Zürich hat schon vor knapp zwei Jahren zugesagt, die Produkte, die er nicht mehr verkaufen kann, an die Sozial­werke Pfarrer Sieber (SWS) und deren «Reschteglück»-Tour zu spenden. Jeden Montag holt Gerber hier 150 bis 180 Kilogramm Gemüse und Früchte ab. Darunter ist oft auch Exotisches und Rares, Spezialitäten, für die ­Marinello bekannt ist. Heute gibt es etwa Artischocken, orangerot leuchtende Mangos und Aprikosen, Avocados und Eierschwämme. «Besonders gefragt sind aber Kartoffeln», sagt Gerber. «Eigentlich erstaunlich.»

Auch wenn Marinello sehr genau das einkauft, was die Kunden wollen, bleiben Esswaren übrig. «Nicht alle Restaurants wollen zum Beispiel ein ganzes Gitter Avocados», sagt die Geschäftsführerin Susanne Gantenbein. Und es gebe immer Produkte, die den Ansprüchen der Kunden nicht mehr genügten, gerade Steinfrüchte seien heikel. Die Qualität der Produkte sei für das «Reschteglück»-Projekt aber immer noch besser, als wenn man im Detailhandel einkaufen würde, ist Gantenbein überzeugt. «Hier sind nicht schon 100 Leute vorbeigelaufen und haben an der Avocado herumgedrückt, bis sie, obwohl unreif, weich ist.»

Zu viel Brot, zu wenig Fleisch

«Die 1a-Qualität der Marinello-Produkte ist ein Glück für uns, das kriegen wir sonst nirgendwo», sagt SWS-Mitarbeiterin Ursula Vollenweider, die Gerber heute auf der Tour begleitet. Nachdem der Chauffeur den grünen Marinello-Harass in den Lastwagen gepackt hat, peilt er den nächsten Gastrozulieferer an: Aligro in Schlieren. Neben Obst und Gemüse spendet der Grossist auch Fleisch- und Milchprodukte. «Unser Unternehmen ist sowieso sozial engagiert», sagt Filialleiter Michael Durante. Aligro stelle auch Leute an, die auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum Chancen hätten.

Gerber war selbst für kurze Zeit obdachlos. Ihm sei nach 25 Jahren unter fadenscheinigen Gründen der Job gekündigt worden, erzählt er. «Wenn man in einem Tief ist, braucht es nicht mehr viel und man ist auf der Strasse.» Er sei zweimal vom Sozialamt abgewiesen worden. «Dann ging ich nicht mehr hin.» Das wäre unter seiner Würde gewesen.

Nachdem die Aligro-Resten im Wagen verstaut worden sind, sagt Durante: «Ihr könnt künftig gerne auch Brot mitnehmen, das ist am zweiten Tag immer noch sehr gut.» Vollenweider hebt entschuldigend die Hände. «Wir können leider nicht mehr Brot gebrauchen und im Tiefkühler ist auch nicht genug Platz.» Dafür weiss sie von einem Caritas-Flüchtlingsheim, das auf Lebensmittelspenden angewiesen ist. Rasch ist der Kontakt vermittelt.

Weiter gehts: Gerber fährt zum Christuszentrum, einer von Pfarrer Sieber gegründeten Institution, die psychisch Beeinträchtigten einen Wohn- und Arbeitsplatz bietet. Hier wird mit den gesammelten Resten gekocht.

Nur 20 Prozent gekauft

Gerber steht im Lastwagen und reicht die Produkte kistenweise an die Köchin weiter. Sie begutachtet alles genau und sortiert Lebensmittel mit Ablaufdatum aus. «Auch wenn dieser Salami bestimmt noch gut ist, dürfen wir ihn in der Küche nicht verwenden», sagt Matthias Roth vom Christuszentrum. «Immer tabu sind Poulet und Fisch.» Zum Glück seien die Lieferanten aber grosszügig und würden die Ware nicht «erst auf den letzten Drücker» abgeben. «Dann haben wir auch noch einen oder zwei Tage Zeit, bis wir die Produkte verwenden müssen.» Nur knapp 20 Prozent Lebensmittel muss die Köchin dazukaufen, um täglich rund 80 Mahlzeiten zu kochen. Heute stehen Bratwurst, Fleischkäse und Nüdeli an Kräuterjus auf dem Menü.

Mit den übrig gebliebenen Esswaren fährt Gerber jetzt zum Brot-Egge in Seebach. Dort können Bedürftige die Lebensmittel gratis mitnehmen. Spätestens um 11.10 Uhr muss Gerber dann zurück im Christuszentrum sein. Er nimmt 30 Essensportionen mit und bringt sie zur Sunestube, der SWS-Anlaufstelle an der Ecke Militär-/Langstrasse.

Keine Option: Migros und Coop

Warum aber geht Gerber erst am Montagmorgen und nicht etwa am Samstag nach Ladenschluss auf Tour? Die Lebensmittel bleiben dann unter Umständen zwei Tage unverkauft liegen, bevor sie in die Christuszentrum-Küche kommen. «Wir könnten sieben Tage die Woche Esswaren abholen», sagt Vollenweider. «Aber dafür haben wir kein Personal.» Wie viel Spendengelder die SWS erhalten, bestimmt darüber, wie gross die einzelnen Projekte werden können. Sie habe auch schon Anfragen abgewiesen, sagt Vol­lenweider, etwa von einer Metzgerei. «Sie machten zur Bedingung, dass wir auch sonst alle Fleischprodukte bei ihr beziehen.» Das liege finanziell natürlich nicht drin. «Andererseits haben wir am ehesten zu wenig Fleisch», sagt Vollenweider. Die Migros komme da auch nicht ­infrage. «Die haben zu wenig Fleischreste, um sie weiterzugeben.» Zudem arbeiteten Migros und Coop bereits mit anderen Institutionen zusammen, wie zum Beispiel der Schweizer Tafel.

Finanziell lohnt sich die Sammeltour für die SWS nicht, laut Vollenweider wäre es billiger, alles günstig einzukaufen. Aber mit «Reschteglück» möchten sie auch ein Zeichen gegen die Lebensmittelverschwendung setzen.

Auf einen Deal, den Vollenweider abschliessen konnte, ist sie besonders stolz. Eine Knödelfabrik aus der Region Zürich fabriziert einmal im Monat 150 bis 300 Knödel zu viel und schenkt diesen Überschuss dem «Reschte­glück».

Gerber selbst isst keines der Menüs, die er serviert. Am Nachmittag fährt er nach Kriens und Regensdorf, um auch dort Esswaren abzuholen. Danach schreibt er für die SWS Dankesbriefe an Spender. Sein Arbeitstag endet etwa um 16 Uhr.


Mehr Infos:www.reschteglueck.ch.

Erstellt: 29.05.2017, 10:42 Uhr

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