ANALYSE

Gutes Lehrmittel unter Ideologieverdacht

SVP und FDP läuten Sturm: Diverse Geschichts-Lehrmittel seien linkslastig und müssten überarbeitet oder aus dem Verkehr gezogen werden. Die Vorwürfe basieren auf aufgebauschten und aus dem Zusammenhang gerissenen Banalitäten.

<b>«Gesellschaften im Wandel»:</b> SVP und FDP halten das neue, mehrbändige Geschichtsbuch für politisch unausgewogen.

«Gesellschaften im Wandel»: SVP und FDP halten das neue, mehrbändige Geschichtsbuch für politisch unausgewogen. Bild: Bernd Kruhl

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Am dicksten trug die SVP auf. An einer Medienkonferenz sagte Parteipräsident Konrad Langhart, ein sonst besonnener Landwirt, es seien Lehrmittel im Umlauf, welche jegliche Ausgewogenheit vermissen liessen und höchst einseitig ideologisch geprägt seien.

Gemeint war vor allem auch das neue Geschichtslehrmittel «Gesellschaften im Wandel» des Zürcher Lehrmittelverlags, das auf die Bedürfnisse des Lehrplans 21 zugeschnitten ist. Das Lehrmittel enthalte ein Loblied auf die Gewerkschaft Unia und müsse sofort zurückgezogen und überarbeitet werden, fordert die SVP.

Auch die FDP hat das Thema aufgegriffen, wenn auch ein wenig zurückhaltender. Eine gemeinsame Medienkonferenz mit der SVP kam nicht zustande, dafür machte ein Freisinniger im Parlament in einer theatralisch vorgetragenen Fraktionserklärung auf drei Vorstösse aufmerksam, welche die beiden Parteien einreichten. Sie fordern, dass der Unterricht und damit auch die Lehrmittel konfessionell und politisch neutral sein müssen.

Beide Parteien räumen zwar ein, dass dieser Grundsatz bereits in der Verfassung und im Gesetz steht, finden aber, im Schulalltag werde ihm nicht nachgelebt. Die FDP hat nebst anderen Lehrmitteln ebenfalls «Gesellschaften im Wandel» auf dem Radar. Warum die beiden Parteien das schon letztes Jahr erschienene Werk erst jetzt angreifen, erklärt sich so: Die NZZ publizierte Ende August einen reisserisch aufgemachten Text mit dem Titel: «Die Unia kämpft für uns - wie in neuen Lehrmitteln politische Werbung verbreitet wird.»

Wer sich einigermassen seriös und unvoreingenommen in die beiden Bände vertieft, dem fällt es schwer, die Kritik nachzuvollziehen.

Was hat es mit dem neuen Lehrmittel auf sich? Zunächst ist festzuhalten, dass es wie die andern linksverdächtigen Lehrbücher fakultativ ist. Kein Lehrer muss das Werk im Unterricht verwenden, sondern kann auf andere Materialien ausweichen. Die Frage ist aber, ob an der Kritik etwas dran ist. Immerhin handelt es sich ja um ein Werk, das gewissermassen das Gütesiegel des Zürcher Lehrmittelverlags trägt. Die Kurzantwort vorweg: Wer sich einigermassen seriös und unvoreingenommen in die beiden Bände vertieft, den Quellenband und das dazugehörige Handbuch für Lehrer hinzuzieht und auch noch die online verfügbare Fülle von Ton- und Filmdokumenten berücksichtigt, dem fällt es schwer, die Kritik nachzuvollziehen. Vielmehr verdichtet sich der Eindruck, dass man es mit einem hochwertigen und vielschichtigem Werk zu tun hat.

Was ist daran auszusetzen, wenn den Schülern die Möglichkeit geboten wird, ein Video mit einer Unia-Demonstration zur Lohngleichheit anzusehen? Es ist doch eine gute Möglichkeit für Lehrer, das Thema mit den Schülern zu diskutieren. Was ist daran falsch, wenn im Schulbuch der Satz steht, dass der Weg zu einer vollkommenen Gleichstellung von Frau und Mann in allen Lebensbereichen noch lang ist? Umso mehr, als im vorangehenden Satz auch steht, dass es hier Fortschritte gibt. Über solche Formulierungen regte sich an der besagten Medienkonferenz SVP-Junglehrer Régis Ecklin auf. Das Buch strotze von «feministischem Agitprop». Er stösst sich auch daran, dass die Uno als «Weltorganisation für den Frieden» betitelt wird.

Ebenso stört ihn der Zwischentitel «Europa für alle und ohne Grenzen». Dabei sind die dazugehörigen Texte korrekt und harmlos. Dass es in einem Geschichtsbuch auch zu Auslassungen kommt, ist logisch. Auf thematischen Doppelseiten lässt sich nun mal nicht alles und jedes ausführlich besprechen. Alles andere wäre eine didaktische Todsünde. Insgesamt ist das Werk sehr wohl ausgewogen. Es gibt Filmdokumente nicht nur über die Unia, sondern auch über SVP-Bundesrat Ueli Maurer. Der gesungene Schweizerpsalm ist ebenfalls im Hör-Angebot.

Dass ausgerechnet jemand mit solch extremen Ansichten auf politisch austarierte Texte pocht, ist speziell.

Bei den vorgebrachten Kritikpunkten handelt es sich durchwegs um Kleinigkeiten, die aus dem Zusammenhang gerissen und massiv aufgebauscht werden. Dass dem SVP-Junglehrer harmlose Textstellen zum Thema Lohngleichheit und Geschlechter sauer aufstossen, ist verständlich, wenn man dessen Welt- und Frauenbild kennt. Dieses breitete er Ende letzten Jahres in einem Artikel der «RePHlex» aus, der Studierendenzeitung der Pädagogischen Hochschule Zürich (PH): «Männer sind fasziniert von Formen, Frauen von Charakteren. Darum hat die Frau in erster Linie schön zu sein, um als begehrenswert zu gelten, während Männer durch Charakterstärke bestechen müssen.»

Der Artikel, der auch andere Monströsitäten enthält, rief einen Proteststurm an der PH hervor. Unterdessen schreibt Ecklin, Vorstandsmitgliede der SVP Zollikon, nicht mehr für die Zeitschrift, da er seinen Master gemacht hat. Dass ausgerechnet jemand mit solch extremen Ansichten auf politisch austarierte Texte pocht, ist speziell. Der Artikel löste übrigens eine Unterschriftensammlung an der PH aus. Und manch einer fragte sich in Onlineforen bange, wie politisch neutral Junglehrer Ecklin im Schulzimmer wohl agiert.

Dass die SVP Geschichtsbücher attackiert, ist nichts Neues. Als 2006 das Lehrmittel «Hinschauen und Nachfragen» erschien, erhob sie ebenfalls Einspruch. Beim Lehrmittel, das auf den Erkenntnissen der Historikerkommission unter Jean-François Bergier basiert, handle sich um ein linkes, unausgewogenes Werk. Dies obwohl der Lehrmittelverlag extra eine Begleitkommission gebildet hatte, zuständig für die Ausgewogenheit. Einige Monate nach dessen Präsentation zeichnete eine renommierte Jury das Lehrmittel aus.

Wegen des Wirbels entwickelte es sich zum Verkaufsschlager des Lehrmittelverlags. Besagter Junglehrer konnte es vor den Medien nicht lassen, die alte Kritik auch an diesem Buch wieder aufzuwärmen. Und machte dabei auch Anleihen bei Ulrich Schlüer, abgewählter SVP-Nationalrat, Vater der Minarettinitiative und Redaktor der «Schweizerzeit».

Es versteht sich von selbst, dass Nationalkonservative rasch Einwände erheben, wenn unliebsame Genderfragen in Geschichtsbüchern behandelt werden. Speziell ist in diesem Fall jedoch, dass die in solchen Fragen offenere FDP auf den Zug aufspringt.

Die CVP hingegen schloss sich nur ein bisschen an. Sie unterschrieb einen von drei Vorstössen: Eine harmlose Interpellation. «Die beiden anderen Vorstösse gehen uns zu weit», sagt CVP-Mitunterzeichnerin Kathrin Wydler, «denn wir wollen keine Bildungspolizei». Mit der Interpellation wolle man «sensibilisieren». Bleibt die Frage, ob die CVP auch so zurückhaltend gewesen wäre, wenn die in der Verantwortung stehende Bildungsdirektorin (Silvia Steiner) nicht der CVP angehören würde.

(Der Landbote)

Erstellt: 19.09.2018, 19:03 Uhr

Mehrfach geprüfte Texte von Fachleuten

Im Geschichtsbuch «Gesellschaften im Wandel» sollen die unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Akteure deutlich werden.

Der Leiter des Zürcher Lehrmittelverlags, Beat Schaller, versteht den Wirbel um das neueste Geschichtsbuch «Gesellschaften im Wandel» nicht. Man habe die Eigenproduktion in Auftrag gegeben, weil im Hinblick auf den Lehrplan 21 ein neues Unterrichtswerk nötig geworden sei. Beim Lehrplan 21 steht kompetenzorientiertes Lernen im Vordergrund. Die Schüler sollen lernen, wie man sich Wissen aneignet und wie man verschiedene Sichtweisen von gesellschaftlichen Akteuren einordnet.
Für die Produktion des Schulbuchs zog der Lehrmittelverlag laut Schaller Experten – Historiker und Pädagogen – von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, der Pädagogischen Hochschule Zürich sowie der Uni Basel bei. Die Texte stammten von einem Autorenteam, bestehend aus solchen Experten. Sämtliche Artikel seien vor dem Druck mehrfach gegengelesen worden, sagt Schaller, unter anderem von hauseigenen Lektoren unter dem Aspekt der Ausgewogenheit.
Der Realisierung ging ein Konzept voran, das der kantonalen Lehrmittelkommission vorgelegt wurde. Die Lehrmittelkommission wird von Bildungsrat Martin Lampert präsidiert. An der Spitze des Bildungsrates steht Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP). Die Lehrmittelkommission sei nur für obligatorische Lehrmittel zuständig, sagt Präsident Lampert. Würde sich aber in der Kommission der Eindruck durchsetzen, das nicht obligatorische Lehrmittel «Gesellschaften im Wandel» sei ideologisch gefärbt, könnte die Kommission Einspruch erheben. Diesen Eindruck habe er aber nicht. Auch für Verlagsleiter Schaller ist der Fall klar: «Ich stehe voll hinter diesem Lehrmittel.» tsc

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