Ernährung

Hormonfleisch auch auf Zürcher Tellern? Aber sicher!

In der Schweiz darf Fleisch nicht mit Hilfe von Hormonen hochgezüchtet werden. Der Import ist dagegen zugelassen. Eine SVP-Kantonsrätin findet das stossend. Sie ist nicht allein.

Etwas über 1000 Tonnen Hormonfleisch werden pro Jahr in die Schweiz importiert. Häufig handelt es sich um «Edelstücke».

Etwas über 1000 Tonnen Hormonfleisch werden pro Jahr in die Schweiz importiert. Häufig handelt es sich um «Edelstücke». Bild: Pixabay

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SVP-Kantonsrätin Sandra Bossert (Wädenswil) hat unter dem Titel «Hormonfleisch auch auf Zürcher Tellern?» eine Anfrage eingereicht. So ahnungslos, wie es im ersten Moment erscheinen mag, ist Bossert allerdings nicht.

Sie weiss, dass die Schweizer Bäuerinnen und Bauern in der Fleischproduktion keine hormonelle Mittel einsetzen dürfen. Hormone werden zur Förderung des Wachstums verwendet. Und es ist der Kantonsrätin auch bewusst, dass solches Fleisch sehr wohl aus dem Ausland in die Schweiz importiert werden darf.

Diese Ungleichbehandlung stört Bossert. Anders läuft es in der EU: Wie in der Schweiz darf dort Fleisch nicht mit hormonellen leistungsfördernden Mitteln produziert werden. Die EU verbietet gleichzeitig den Import von Hormonfleisch. Die Haltung der EU hat zu einem langjährigen Handelsstreit mit den USA geführt. 

Importverbot gescheitert

Bemühungen, den Import von Hormonfleisch in die Schweiz zu verbieten, scheiterten 2016 im Nationalrat. Eine Motion wurde mit 97 zu 83 abgelehnt. 49 der Nein-Stimmen kamen von der SVP, also von den Parteikolleginnen und -kollegen von Sandra Bossert. Die Schweiz importiert jährlich rund 1000 Tonnen Hormonfleisch.

Für Hormonleisch gilt in der Schweiz eine Deklarationspflicht. Sie ist abhängig vom Herkunftsland des Fleisches. Erlaubt das Herkunftsland den Einsatz von hormonellen Mitteln, muss das Fleisch in den Verkaufsregalen und auch auf der Speisekarte im Restaurant grundsätzlich entsprechend deklariert sein.

Da beim importierten Fleisch oftmals nicht nachgewiesen werden kann, ob die Mittel tatsächlich eingesetzt wurden, wird bei der Deklaration eine Kann-Formulierung verwendet. Also: «Kann mit hormonellen Leistungsförderern erzeugt worden sein.»

Deklarationspflicht entfällt

Es gibt allerdings Ausnahmefälle, in denen die Deklarationspflicht entfällt. In Ländern wie den USA – sie erlauben hormonelle Leistungsförderer, gibt es staatliche Programme. Sie garantieren, dass bei der Produktion keine hormonellen Stoffe zur Leistungsförderung eingesetzt wurden. Entsprechend darf solches Fleisch ohne Deklaration betreffend der hormonellen Leistungsförderer verkauft werden.

Der Schweizer Tierschutz (STS) lehnt Haltungssysteme ab, in denen Fleisch mit Leistungsförderern erzeugt wird. Im Vordergrund steht dabei nicht so sehr die Gesundheit der Konsumenten, wie Stefan Flückiger, Geschäftsführer Agrarpolitik beim STS, sagt. Vielmehr geht es der Organisation ums Tierwohl. Laut STS wird solches Fleisch «in industrieller Massentierhaltung und oft unter prekären Bedingungen produziert».

Misstrauen gegenüber Gastro

Grundsätzliche Bedenken hegt auch der Konsumtenschutz (SKS). «Es gibt zweifellos einen Grund, dass das Fleisch in der Schweiz nicht auf diese Weise produziert werden darf», sagt Josiane Walpen, die Leiterin Ernährung beim Konsumentenschutz. Es sei deshalb auch nicht einzusehen, weshalb solche Produkte in der Schweiz doch verkauft würden.

Einerseits sei nicht klar, ob Hormonfleisch gesundheitsschädlich sei, andererseits wolle man diese Art von Landwirtschaft nicht unterstützen. 

Während die Grossverteiler weitgehend  auf Fleisch verzichten würden, welches mit hormonellen Leistungsförderern produziert worden sei, ortet Walpen mögliche Defizite in der Gastronomie. Denn das Fleisch verschwinde vor allem in diesem Kanal und werde erst noch ungenügend deklariert. Da seien die kantonalen Labors in der Pflicht. Sie müssten prüfen, ob die Deklarationspflicht eingehalten wird. 

Zur Frage, wie häufig die Fleischdeklaration im Rahmen der Kontrollen in Gastrobetrieben gerügt wird, kann Kantonschemiker Martin Brunner nichts sagen. «Die Deklaration wird zwar bei jeder Kontrolle überprüft, die Anzahl der Mängel wird aber nicht statistisch ausgewertet.»

Erstellt: 12.02.2020, 14:56 Uhr

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Einzig Migros und Spar haben noch Hormonfleisch im Sortiment

Eine Umfrage bei Detailhändlern und Grossverteilern zeigt, dass kaum mehr Hormonfleisch in den Regalen anzutreffen ist. Einzig Migros gibt an, man biete noch einige Spezialitäten aus den USA und Australien an, die mit hormonellen Leistungsförderern produziert sein könnten.

«Indem wir Karpatenmeat aus Rumänien anstelle von US-Beef lanciert haben, konnten wir die Menge an Hormonfleisch aber deutlich reduzieren», sagt Migros-Sprecher Patrick Stöpper. Gleichzeitig räumt Stöpper ein, man habe die Ziele, die man sich für 2020 gesteckt habe, bezüglich Rindfleisch noch nicht erreicht.

Coop teilt mit, man biete schon seit längerem ausschliesslich Fleisch an, das hormonfrei produziert sei. Für Volg gilt das seit etwa vier Jahren, für Denner seit dem ersten Quartal 2019. Lidl schreibt, man habe im Standardsortiment seit dem Markteintritt 2009 nie Hormonfleisch verkauft. Für die Fleisch-Aktionsartikel gilt, dass Lidl 2015 umgestellt hat und seither auf solche Produkte verzichtet.

Aldi setzt laut eigenen Angaben wenn immer möglich auf Schweizer Fleisch. Ergänzend zum Standardsortiment würden aber «Edelstücke» wie Rindsfilet oder Entrecôte als vorübergehende Aktionsartikel aus dem Ausland importiert. «Diese Edelstücke werden ausnahmslos ohne hormonelle Leistungsförderer produziert», schreibt die Medienstelle von Aldi. Je nach Ursprungsland müssten sie aber aufgrund der Schweizer Gesetzgebung trotzdem mit einem Hinweis auf mögliche hormonelle Leistungsförderer deklariert sein. Aldi verzichte seit 2017 auf Hormonfleisch und lasse sich das von den Lieferanten bestätigen.

Spar hat in den letzten Jahren den Anteil an Hormonfleisch stark reduziert. Lediglich aus Australien biete man noch geringe Mengen an, die mit hormonellen Leistungsförderern produziert sein könnten. Was das US-Beef angeht, verhält es sich wie bei Aldi. Zwar wisse man vom Produzenten, dass er keine Hormone einsetze, die Deklaration müsse man aber trotzdem vornehmen. (pag)

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