Herrliberg

«Meine Sammlung ist handgestrickt»

Ab dem 6. Dezember zeigt Alt-Bundesrat Christoph Blocher ein weiteres Mal seine Kunstsammlung. Vorab verrät er, was mit seinen Bildern dereinst geschieht und welche Rolle dabei Herrliberg spielt.

127 seiner Bilder stellt Kunstsammler und alt Bundesrat Christoph Blocher während einem Jahr der Fondation Pierre Gianadda in Martigny zur Verfügung. Der Zürichsee-Zeitung gewährte Blocher einen exklusiven Einblick.
Video: Martin Steinegger

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Christoph Blocher hängt an seinen Bildern. «Es ist, als ob man ein Kind weggeben würde», sagt der Alt-Bundesrat. Das Treffen mit ihm findet in einem Zwischenlager im Grossraum Zürich statt. Dort wird gerade ein Teil seiner Sammlung zum Weitertransport in die Fondation Pierre Gianadda bereitgestellt.

Dort, in Martigny, werden ab dem 6. Dezember 127 Bilder Blochers zu sehen sein. Wobei der Schwerpunkt, wie schon an der ersten Ausstellung im Winterthurer Kunstmuseum Oskar Reinhart vor vier Jahren, auf Albert Anker und Ferdinand Hodler liegen wird. 60000 Besucher sahen sich damals die Ausstellung an – ein grosser Erfolg. Inzwischen wird der Herrliberger mit Anfragen überhäuft, von Museen, aber auch von Vereinen und Clubs. «Ich kann doch die Leute nicht alle durch unsere Wohnräume führen», sagt er. Deshalb habe er zu einer Gesamtschau in Martigny Ja gesagt.

Albert Ankers «Bildnis eines Mädchens» von 1886 hängt seit 20 Jahren im Wohnzimmer von Christoph Blocher. Nun geht es für sechs Monate nach Martigny.

Blochers Leidenschaft gilt vor allem Albert Anker, dem Schweizer Realisten aus dem 19. Jahrhundert. Dessen Werk hing schon als Kunstdrucke an den Wänden seines Elternhauses. 1979 kaufte er die erste Zeichnung des Berner Seeländers. Diese gab er auch nicht aus den Händen, als er 1983 seinen ganzen Besitz verkaufte, um die Ems zu erwerben. Inzwischen nennt er 135 Ölbilder, 121 Aquarelle und 86 Zeichnungen allein von Anker sein Eigen. Die Zahl könnte weiter steigen, denn Blocher hat mindestens zwei weitere Bilder auf dem Radar, die er gerne in seine Sammlung aufnehmen würde.

Seit 20 Jahren im Wohnzimmer

Albert Ankers Universum liegt in der Vergangenheit: Die Mädchen tragen Schürzen, die Buben sind barfüssig, die Alten haben eine Zipfelmütze auf dem Kopf, und die Szenerie ist ländlich geprägt. Ist Anker nicht etwas antiquiert? «Nein», sagt Blocher, «er ist zeitlos», und er kommt in Fahrt: «Wer das Gegenteil sagt, hat ihn einfach nicht angeschaut.» Er erzählt, wie Anker sich in Paris in den 1850er-Jahren mit den damals gelehrten Strömungen Impressionismus und Realismus auseinandersetzte und sich schliesslich für Letzteren entschied, weil dieser ihm für Porträts geeigneter schien.

Christoph Blocher vor Giovanni Giacomettis ‹Maternità, Mutter mit Kindern›, 1908.

Was macht Anker zeitlos? Der Maler zeige das Allgemeingültige der Welt, sagt Blocher. Sein Blick fällt auf das «Bildnis eines Mädchens» von 1886, das er lachend als seine «Mona Lisa» bezeichnet. Das Bild hängt seit 20 Jahren in seinem Wohnzimmer und zählt mit dem «Schulspaziergang» zu seinen Lieblingsbildern. Ist es ihm nie verleidet? «Nein», sagt er mit Nachdruck. Er entdecke im Bild immer Neues. «Anker hat nicht interessiert, wie das Mädchen heisst, sondern was es ist. Er beobachtet ganz genau.» Das Besondere sei, dass der Maler seine Beobachtung mit seiner eigenen Empfindung für die Porträtierten gemalt habe. Jedes Porträt stehe für die ganze Menschheit, darum seien die Betrachter so unglaublich berührt. Eine Feststellung, die Blocher schon lange macht und die kürzlich auch in Japan bestätigt wurde, wo eine Ausstellung des Malers verlängert werden musste. «Sie waren so begeistert, dass sie um die Erlaubnis baten, Anker auf Schürzen drucken zu dürfen.»

Eine Tochter hat weisse Wände

Die Sammlung des Herrliberger Milliardärs ist inzwischen auf über 600 Ölgemälde, Aquarelle und Zeichnungen angewachsen. Ihr Schwerpunkt liegt auf Schweizer Kunst um 1900. Neben Anker umfasst sie weitere illustre Namen wie Ferdinand Hodler, Giovanni und Alberto Giacometti, Giovanni Segantini, Adolf Dietrich, Felix Vallotton und andere mehr. Das Kriterium für einen Erwerb ist simpel: «Ich kaufe, was mir gefällt. Meine Sammlung ist handgestrickt.» Dass er eine besitzt, ist ihm erst bewusst geworden, als er für die Ausstellung im Reinhart-Museum angefragt wurde. Wobei er mit der kunsthistorischen Definition einer Sammlung nichts anfangen konnte. Besser bringt es für ihn die volkstümliche Definition des damaligen Reinhart-Direktors auf den Punkt: «‹Eine Sammlung hat man dann, wenn man mehr Bilder hat als Wände.› Da konnte ich sagen, das trifft bei mir zu, also habe ich eine Sammlung!»

«Er sagte: ‹Eine Sammlung hat man dann, wenn man mehr Bilder hat als Wände.› Da konnte ich sagen: Das trifft bei mir zu.»

Christoph Blocher gibt gut gelaunt Auskunft, die Begeisterung für seine Bilder ist unüberhörbar. Er hat sich viel Hintergrundwissen angeeignet, stellt Bezüge zwischen Anker, Van Gogh und Hodler her. Erzählt von der eigenwilligen Bestimmung des Sammlers Oskar Reinhart, der verfügte, dass kein Bild seinen Platz im Museum verlassen dürfe. «Da steht man in Rügen am Kreidefelsen an jener Stelle, an der Caspar David Friedrich sein berühmtes Bild gemalt hat, und liest auf einer Tafel: ‹Das Original hängt in Winterthur.›»

Teilen seine Frau Silvia und die vier erwachsenen Kinder eigentlich seine Freude an der Kunst, an seiner Sammlung? Er bejaht, seine Frau bevorzuge die Gemälde von Ferdinand Hodler. Eine weitere Tochter und der Sohn hätten ebenfalls sehr viel Freude an der Sammlung. «Aber mit sieben kleinen Kindern hängen Sie keine solchen Bilder im Wohnzimmer auf», sagt Blocher mit Anspielung auf die familiäre Situation des Sohnes. Eine Tochter hingegen sehe es komplett anders: «Sie hat nur weisse Wände und findet Bilder komisch.» Dagegen hat Blocher nichts einzuwenden – nur dass ihm Anker zu gut gefällt, als dass die Wände bei ihm zu Hause leer bleiben könnten.

Ein Schaulager für die Kunstwerke

Während 127 Bilder aus der Sammlung Blocher als «Chefs-d’œuvre suisses» in Martigny zu sehen sind, wird in Herrliberg ein stattlicher, aber unsichtbarer Neubau fertiggestellt: Auf einem zusätzlich erworbenen Grundstück entsteht derzeit als Anbau zu seiner Villa ein unterirdisches Schaulager. Also ein Bilderbunker, ein Museum für Christoph Blocher allein? «Wenn man wie ich 80 Jahre alt wird, muss man überlegen, was mit einer solchen Sammlung weiter passiert», sagt er.

Einige der Gemälde warten darauf für die Reise ins Wallis eingepackt zu werden. Bild: Moritz Hager.

Die Gründung einer Stiftung war für den 79-Jährigen aus verschiedenen Gründen keine Lösung. Hier zeigt sich der Unternehmer und SVP-Politiker: Blocher will keine Schenkung machen und so letztlich dem Steuerzahler Kosten für den Bau und Betrieb eines Museums überwälzen, dessen Besucherzahlen nach der ersten Euphorie einbrechen. Der Neubau ist seine Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Sammlung. Dort sind die Bilder künftig untergebracht, und von dort aus sollen sie für Ausstellungen grosszügig ausgeliehen werden. «Ich verlange nichts dafür. Aber die Ausstellungsmacher müssen die Verantwortung und sämtliche Kosten übernehmen, sobald ein Bild mein Haus verlässt.»

Die Zukunft der Sammlung Blocher, die offiziell erst seit 2015 existiert, ist also gesichert. Neben dem Schaulager zieht auch das Büro der blocherschen Firma Robinvest, die von der jüngsten Tochter Rahel geführt wird, in den Neubau. Sie wird die Sammlung im Sinne ihres Vaters weiterführen. «Das haben wir in der Familie so bestimmt», sagt Christoph Blocher. Ihm geht es vor allem um eines: «Ich möchte, dass die Bilder gut betreut werden. Mit dieser Kunstsammlung soll kein Schabernack betrieben werden.»

Schweizer Meisterwerke aus der Sammlung von Christoph Blocher, Fondation Pierre Gianadda, Martigny VS. Ausstellung vom 6. Dezember bis 14. Juni, täglich von 10 bis 18 Uhr. www.gianadda.ch.





Erstellt: 22.11.2019, 15:52 Uhr

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