«Plötzlich fühle ich mich nicht mehr sicher in Zürich»

Nick Hintermann und sein Partner wurden nach der Zurich Pride attackiert. Was der Vorfall in ihm ausgelöst hat und warum er es wichtig findet, darüber zu reden.

Wurden in der Nacht auf Sonntag angegriffen: Nick Hintermann (rechts) und sein Partner Micha Finkelstein.

Wurden in der Nacht auf Sonntag angegriffen: Nick Hintermann (rechts) und sein Partner Micha Finkelstein. Bild: ZVG

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Herr Hintermann, wie geht es Ihnen heute, zwei Tage nach dem Überfall?
Die physischen Schmerzen verschwinden langsam, aber die Bilder des Angriffs sind mir noch sehr präsent. Ich bin aufgewühlt, wütend und fassungslos. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr sicher in Zürich. Ich dachte früher immer, wenn ich die einschlägigen Orte umgehe, setzte ich mich keiner Gefahr aus. Scheinbar müssen wir uns aber selbst in unserem Wohnquartier vor Übergriffen fürchten. Dabei leben wir in einer so tollen Stadt, in der es doch Platz für alle hat. Vielleicht haben diese Menschen das Gefühl, zu kurz zu kommen, und sind deshalb auf uns losgegangen.

Sie machen sich Gedanken darüber, wie sich Ihre Angreifer fühlen?
Ich versuche einfach, meine Umwelt zu verstehen. Ich bin ein Menschenfreund und will meinen Glauben an das Gute nicht aufgeben. Es darf nicht so weit kommen, dass Menschen eine solche Aggression aufbauen und auf Leute losgehen, die gar nichts getan haben.

Was ist in jener Nacht genau vorgefallen?
Wir waren gerade auf dem Heimweg, als jemand uns von hinten zurief: «Seid ihr Schwuchteln?» Ich habe mich gar nicht erst umgedreht. So was höre ich mehrmals pro Jahr. Üblicherweise passiert nichts, dieses Mal aber habe ich plötzlich einen Faustschlag auf meinen Kopf bekommen und ging zu Boden. Mein Partner wurde am Kiefer getroffen und brach ebenfalls zusammen. Die Kollegin, die uns begleitete, versuchte zu schlichten. Als mein Partner und ich wieder auf den Beinen waren, sind die Angreifer schon wieder weg gewesen. Wir haben daraufhin sofort der Polizei angerufen.

Und haben Anzeige erstattet?
Ja, heute Morgen. Wir haben wenig Hoffnung, dass man die Täter finden wird. Aber wir hoffen, dass wir durch unseren Gang an die Öffentlichkeit anderen Mut machen, ähnliche Übergriffe ebenfalls zu melden. Denn alles, was nicht rapportiert wird, ist auch nicht passiert. Das ist nur einer von vielen Übergriffen, die überall passieren – und es betrifft längst nicht nur schwule Männer.

Wird in Zürich zu wenig gemacht zum Schutz der LGBTQ-Community?
Ich denke, dass während einer Veranstaltung wie der Zurich Pride mehr Polizeipräsenz nötig ist. Vor allem, wenn sich zeigt, dass in gewissen Gebieten schon mehr als einmal Angriffe stattfanden – wie beispielsweise beim Lochergut.

Ihr Partner Micha Finkelstein hat in einem Post auf Facebook von dem Vorfall erzählt. Wie waren die Reaktionen darauf?
Die Reaktionen waren bisher ausschliesslich positiv. Das bestärkt uns darin, diesen Weg weiterzugehen. Es hat auch gezeigt, dass es rund um die Zurich Pride noch zu weiteren Vorfällen gekommen ist und dass es auch sonst längst kein Einzelfall in Zürich war.

Werden Sie sich künftig in der Stadt anders bewegen als bisher?
Wir werden wohl erst in den kommenden Tagen realisieren, was dieser Vorfall mit uns gemacht hat. Es wird nicht einfach sein, das wieder abzustreifen. Umso mehr sind wir jetzt davon überzeugt, dass es eine Gay Pride und mehr Aufklärung braucht – auch an den Schulen. Am schönsten wäre es, wenn Eltern ihren Kindern beibringen würden, dass Homosexualität normal ist und dass man generell keine Menschen angreift. Wut darf nicht in Gewalt ausarten. Es muss einen anderen Weg geben, damit umzugehen.

Erstellt: 17.06.2019, 17:37 Uhr

Weitere Übergriffe an der Zurich Pride

Polizei bestätigt Eingang der Anzeige

Zurich-Pride-Präsidentin Lea Herzig sagt auf Anfrage, dass es weitere «hassmotivierte Übergriffe» auf Mitglieder der LGBTQ-Community gab (die Abkürzung steht für die englische Bezeichnung Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer also Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und queere Bevölkerungsgruppen). Für Herzig zeigen die Vorfälle, dass die Aufklärung über die Community und deren Schutz verbessert werden muss. «Wichtig ist auch eine statistische Erfassung solcher vorurteilsmotivierter Übergriffe. Es können keine gezielten Massnahmen ergriffen werden, wenn diese Hate Crimes nicht ausgewiesen werden und es keine gesicherte Daten gibt.»

Marco Cortesi, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, bestätigt den Eingang der Anzeige der beiden Männer. «Im Moment liegen allerdings keine konkreten Beweise vor, dass dieser Vorfall im Zusammenhang mit der Zurich Pride stattgefunden hat. Aber wir prüfen das selbstverständlich auch», sagt er. Die Zurich Pride selbst verlief laut Polizeimeldung problemlos und friedlich. (tif)

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