Urteil bestätigt

Sieben Jahre für den Schachtdeckelwerfer

Heute entschied das Obergericht über den Rekurs des Mannes, der 2017 am Winterthurer HB einen FCZ-Fan mit einem Metallgitter am Kopf verletzte. Wenig überraschend bestätigte es das Urteil der Vorinstanz.

Einen solchen Schachtdeckel soll der Beschuldigte auf die wartenden FCZ-Fans geworfen haben.

Einen solchen Schachtdeckel soll der Beschuldigte auf die wartenden FCZ-Fans geworfen haben. Bild: Bernd Kuhl

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Sieben Jahre sollte der 23-jährige Lehrling B. ins Gefängnis, wenn es nach dem Bezirksgericht Winterthur ging. Das Urteil vom 31. Mai letzten Jahres, das ihn der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig sprach, hat B. angefochten. Vor Obergericht begründete er heute seinen Rekurs so: «Ich bin heute da, weil ich die Strafe zu hoch finde. Ich wollte niemanden schädigen.» Auch die Staatsanwaltschaft hatte das Urteil weitergezogen. Sie forderte eine noch höhere Strafe von neun Jahren.

Im Anschluss an das Fussball-Derby FC Winterthur gegen FC Zürich auf der Schützenwiese am 13. Mai 2017 schleuderte der damals 22-jährige B. vom oberen Parkdeck des Winterthurer Hauptbahnhofs aus eine zwei Kilogramm schwere Schachtabdeckung auf das Perron von Gleis 9, wo FCZ-Fans auf den Zug warteten. Das Metallgitter traf einen 28-Jährigen am Kopf, er erlitt einen Schädelbruch.

In der Einvernahme durch das Richter-Trio des Obergerichts machte B. grosse Gedächtnislücken geltend, bedingt durch starke Trunkenheit. An den Tatverlauf könne er sich nicht mehr erinnern. Nicht daran, wie er aufs Parkdeck stieg, nicht daran, wie er die Abdeckung hochhob und aufs Gleis warf. Auch nicht daran, wie er seiner damaligen Freundin eine Whatsapp-Nachricht schrieb, er habe «en Tolledeckel uf d Zürifäns gschosse», und später: «Si händ mi nonig verwütscht». Er habe, so schilderte er es heute, erst in den darauffolgenden Tagen, als er die Medienberichte las, realisiert, dass er das gewesen sei, der den Deckel geworfen habe.

«Opfer medialen Drucks»

Sein Verteidiger forderte einen Freispruch und eine Entschädigung von 10000 Franken für B. «Wir sind heute hier, weil die Vorinstanz aufgrund des medialen Drucks zu einem falschen Urteil gekommen ist», argumentierte er. B. werde als «dankbares Opfer» besonders hart bestraft, stellvertretend für alle vermummten Fussball-Hooligans, die man nicht erwische.

«Dieser Fall zeigt für mich exemplarisch, dass im Zusammenhang mit der absolut sinnlosen Gewalt nach Fussballspielen irgendwann Todesopfer zu beklagen sein werden.»

Dass sein Mandant den Deckel geworfen hatte, bestritt der Verteidiger nur indirekt. Seine Strategie bestand vielmehr darin, die Schwere des Delikts als leichtfertige Dummheit unter Alkoholeinfluss zu relativieren. Seine Forderung: Der Prozess wegen versuchter vorsätzlicher Tötung sei einzustellen und stattdessen ein Prozess wegen fahrlässiger Körperverletzung einzuleiten.

B. sei ein friedfertiger Mensch, der nie wegen Gewalt aufgefallen sei und, laut Aussage seiner Freunde, «keiner Fliege etwas zuleide tun» könnte. Er sei an diesem Abend unter starkem Alkoholeinfluss nicht Herr seiner Sinne gewesen und habe die Folgen seines Handelns nicht abschätzen können. Die Bezeichnung als «Schachtdeckelwerfer» sei tendenziös und impliziere ein ungleich massiveres Wurfgeschoss. Zwei Kilogramm entspreche einer grossen Milchpackung. Der Verteidiger zog er ein Tetrapack Milch aus seiner Mappe und schwenkte es theatralisch durch den Gerichtssaal.

Das Obergericht beeindruckte diese Argumentation nicht. Es verhängte, wie die Vorinstanz, eine Gesamtstrafe von sieben Jahren wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und einer Vorstrafe wegen Handels mit Betäubungsmitteln. Zudem muss B. dem Opfer, das offenbar vollständig genesen ist, 10000 Franken Genugtuung zahlen.

Das Gericht hob in der Begründung tadelnd hervor, dass B. trotz eindeutiger Beweise die Verantwortung für seine Tat nicht übernommen habe. Sein selektives Erinnern zeuge davon, dass er versuche, die unangenehme Tatsache zu verdrängen. Dass ein Wurf mit einem Metallgegenstand aus elf Metern Höhe auf ein belebtes Perron tödlich enden kann, könne «als selbstverständlich vorausgesetzt werden».

«Irgendwann gibt’s Tote»

Das Delikt sei zwar spontan und nicht geplant passiert, aber der Angriff auf das Zufallsopfer zeuge von «perfidem, feigem und hinterhältigem Handeln». Dass das Opfer nicht schwerer verletzt wurde, sei nur einem glücklichen Zufall zu verdanken.

Als Schlussbemerkung fügte der Richter an: «Dieser Fall zeigt für mich exemplarisch, dass im Zusammenhang mit der absolut sinnlosen Gewalt nach Fussballspielen irgendwann Todesopfer zu beklagen sein werden.»

Erstellt: 22.11.2019, 06:28 Uhr

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