Zürich

«Als Mutter erfahren Frauen eine Aufwertung in der Gesellschaft»

In ihrer Praxis ist die Psychotherapeutin Gaby Gschwend aus Zürich mit gestörten Mutter-Kind-Beziehungen konfrontiert. Als Mutter von zwei Kindern motivierten sie zudem persönliche Erfahrungen zu einem Buch.

Als Psychotherapeutin befasst sich Gaby Gschwend mit schwierigen Mutter-Kind-Beziehungen.

Als Psychotherapeutin befasst sich Gaby Gschwend mit schwierigen Mutter-Kind-Beziehungen. Bild: Moritz Hager

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Treffen Sie in Ihrer Beratung auf Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen?

Gaby Gschwend: Nein, dass sie es ganz grundsätzlich bereuen, erlebe ich selten. Wenn sie es tun, dann zeigt sich das eher indirekt, zum Beispiel, indem über die Kinder nur ablehnend gesprochen wird. Es fällt schwer, das offen einzugestehen, nur schon sich selbst gegenüber.

Wenn Frauen unter der Mutterschaft leiden, kann es ratsam sein, die Kinder häufiger der liebevollen Betreuung durch andere zu überlassen. Das entlastet die Mütter und auch die Kinder.

Die «Regretting motherhood»-Kampagne stellt Mutterschaft in Frage. Ist es heutzutage gesellschaftlich akzeptiert, keine Kinder zu bekommen?

Das kommt darauf an. In wertkonservativen Gegenden wird das anders bewertet als in liberalen. Es wird aber auf jeden Fall eine Begründung erwartet.

Und welche Rolle spielt die eigene Mutter dabei?

Die eigene Mutter kann da schon auch eine Rolle spielen. Man will nicht Mutter werden, kann es gar nicht, weil man keinen positiven Zugang dazu gefunden hat. Zum Beispiel wenn man miterlebt hat, wie frustriert die eigene Mutter war, weil sie sich nicht entfalten konnte. Dann gibt es kein positives Modell.

Wie kamen Sie auf die Idee zum Buch «Mütter ohne Liebe»?

Als Mutter unter Müttern habe ich festgestellt, dass in der Öffentlichkeit und in den Köpfen von Frauen ein idealisiertes Mutterbild besteht. Die Mutterschaft wird einseitig positiv dargestellt. Die negativen Seiten werden nicht thematisiert. Das hat negative Folgen für Mütter und Kinder und kann auch bewirken, dass viele Frauen sagen, «wenn ich gewusst hätte, was da kommt . . .» Zum Beispiel kann Mutterschaft sehr langweilig sein, bei gleichzeitig maximaler Anstrengung.

Aber es gibt die «neuen» Väter, die ihre Frauen unterstützen und für die Familie da sein wollen.

Ich erlebe viele Frauen in meiner Praxis, die sagen: «Ich bin so froh, dass ich meinen Vater als Ausgleich zu Hause hatte.» Hier sind die Dinge sehr im Wandel, aber die verkrusteten Strukturen in der Arbeitswelt spielen da noch nicht mit. Es war auch lange Zeit nicht sexy, wenn der Vater den Haushalt- und Familienjob übernahm. Die Männer wollen aber nicht die 24-Stunden-Bereitschaft. Frauen übrigens auch nicht.

Was ziehen Frauen Positives aus der Mutterrolle?

Abgesehen davon, dass es sehr schön und bereichernd sein kann, Kinder zu haben, erfahren Frauen als Mütter eine Aufwertung in der Gesellschaft. Wenn es aber so ist, dass die Mutter ihren Selbstwert nur über die Kinder bezieht, kann es problematisch werden. Das Kind wird dann zum Vorzeigekind, das überdurchschnittliche Fähigkeiten haben muss.

Sie haben in Ihrem Buch auch destruktive Mutter-Kind-Beziehungen beschrieben.

Das habe ich darum getan, weil es allgemein nicht sehr bewusst ist, dass es so etwas auch gibt. Es gibt Mütter, die ihre Kinder ablehnen und sie als Last empfinden, es gibt die seelische Ausbeutung von Kindern und es gibt auch Mütter, die aktiv Gewalt gegen ihre Kinder ausüben.

Seelische Ausbeutung meint, dass ein Kind nur dann geliebt oder überhaupt akzeptiert wird, wenn es ganz den Erwartungen der Mutter oder der Eltern nachkommt. Es darf also keine autonome Persönlichkeit sein, mit Eigenschaften und Interessen, die auch mal nicht den Bedürfnissen der Eltern entsprechen.

Sollte man als Mutter mit den Kindern, wenn sie ein gewisses Alter haben, über die eigene Problematik sprechen?

Das ist ein heikles Thema und es ist wohl besonders wichtig, sich vorab die Frage zu stellen: Was soll es nützen ? Bringt es etwas Positives mit sich? Wenn es «nur» um ambivalente Gefühle geht, geht es ja noch. Aber wenn die Frau keine Liebe für ihr Kind empfindet, dann ist es für die Betroffenen hart zu hören, «ich konnte noch nie etwas mit dir anfangen». Auf jeden Fall sollte die Mutter die Verantwortung für ihre Gefühle und Einstellungen übernehmen und diese nicht dem Kind anlasten.

Mütter ohne Liebe —Vom Mythos der Mutter und seinen Tabus. Gaby Gschwend. Huber-Verlag. 120 Seiten, circa 26 Fr.

Erstellt: 09.04.2016, 11:27 Uhr

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Wenn Frauen ihre Mutterschaft bereuen

Die Journalistin Esther Göbel hat mit einer Debatte über bereuende Mütter auf ein Thema hingewiesen, über das «man nicht spricht». Sie fragt, ob man als Frau Kinder haben sollte – oder ob es manche als Fehler im Leben betrachten.

«Du wirst es später bereuen, wenn du keine Kinder bekommst»,sagen Angehörige, schwangere Freundinnen oder das eigene Gewissen. Was aber, wenn man die Mutterschaft später bereut? Die Berliner Journalistin Esther Göbel, 31, hat nicht nur sich diese Frage gestellt, sondern auch anderen Frauen im gebärfähigen Alter. Unter dem Twitter-Hashtag (Schlagwort) #regrettingmotherhood (Mutterschaft bereuen) hat sie eine kontroverse Debatte im Internet ausgelöst.

Ihr soeben erschienenes Buch «Die falsche Wahl» geht von einer Untersuchung aus, die die Soziologin Orna Donath in Israel durchgeführt hat. Diese gilt nach wie vor als einzige wissenschaftliche Studie zu diesem Thema. Donath befragte 23 Mütter, welche ihre Entscheidung fürs Kind bereuten. Die Palette der Gefühle reicht von Scham, Schuld, Ratlosigkeit bis zu Ärger gegenüber der eigenen Entscheidung und manchmal sogar Selbsthass.

Esther Göbel (Foto) reist nach Tel Aviv, um israelische Frauen kennen zu lernen. Sie trifft orthodoxe Frauen, von denen erwartet wird, jung zu heiraten und jedes Jahr ein Kind zur Welt zu bringen. Eine andere hat dafür gekämpft, zum Rabbi geweiht zu werden, und wendet sich dann von ihrer Berufung ab, als sie feststellt, dass sie in ihrer Gemeinde nichts verändern kann. Göbel trifft eine religiöse Mama-Bloggerin und eine kinderlose Vertreterin des «childfree movement». Nach diesem spannenden ethnologischen Ausflug versucht Göbel, bereuende Mütter in Deutschland zu finden.

Keine Frau will sich «outen»

Nur drei Frauen wollen sich anonymisiert «outen». Die Erfahrungen sind sehr unterschiedlich: Mal wurde die Geburt als traumatisierend empfunden, sodass keine Beziehung zum Baby aufgebaut werden konnte. Eine andere Frau bereut, als die Berliner Mauer fällt, dass sie ein kleines Kind hat und in ihrer Freiheit gehemmt ist. Eine dritte entfremdet sich erst mit dem zweiten Sohn von ihren Kindern – weil sich diese ständig streiten und keine Ruhe mehr herrscht im Haus. Ein roter Faden ist bei den bereuenden Müttern nicht zu erkennen.

Egotrip und Selbstmitleid?

So wurde auch Göbels Twitter-Kampagne #regrettingmotherhood mit Kommentaren wie «Egotrip» und «Selbstmitleid in Perfektion» bedacht. Die Journalistin zieht die Recherche weiter und beleuchtet den Müttermythos. Und dieser beginnt bereits vor 250 Jahren, nach Zeitaltern mit hoher Geburtenrate und grosser Kindersterblichkeit, in denen sich Mütter emotional nicht so stark wie heute an ihren Nachwuchs binden konnten. Während in Paris 95 Prozent der Babys in die Obhut von Ammen gegeben werden, schreibt Rousseau in seinem Klassiker «Emile oder Über die Erziehung» (1762) die Rollenverteilung der Geschlechter fest. Pestalozzi führt die Vorstellung von der liebevollen Mutterfrau im trauten Heim um 1800 weiter.

Der Lohn ist die Aufwertung

Die moderne Familie wird eine Gefühlsgemeinschaft mit der Mutter als Haupterziehungsverantwortlichen im Zentrum. Der Lohn dafür ist eine Aufwertung ihrer Person, wie Gaby Gschwend (siehe Interview) schreibt. Und diese Anerkennung hält sich – trotz Emanzipation – bis heute, so der Befund. Mütter untereinander seien oft die schärfsten Konkurrentinnen, heisst es. Die Autorin führt ihre Beobachtungen weiter, zum Beispiel über das verbreitete «attachment parenting», das eine besonders enge Beziehung zum Kind demonstriert, indem der Säugling im Tragetuch getragen wird oder das Babyfon stets in Reichweite ist. Esther Göbel stellt fest, dass berufstätige Frauen gegenüber den Vätern weiterhin sehr unter Druck sind.

Wut spüren Mütter aber nicht nur, weil sie durch das Kind fremdbestimmt sind, sondern vor allem durch das Rollenbild der selbstlosen aufopfernden Mutter, das die Gesellschaft an sie heranträgt. Göbels Fazit: Mutterglück ist kein Naturgesetz. Das Sprechen über ambivalente oder sogar ablehnende Gefühle dem eigenen Kind gegenüber darf kein Tabu mehr sein. Denn auch die bereuenden Mütter lieben in aller Regel ihr Kind, sind jedoch todunglücklich in der Rolle.

Die falsche Wahl. Wenn Frauen ihre Entscheidung für Kinder bereuen. Esther Göbel, Droemer-Verlag, 224 Seiten, circa 27 Fr.

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