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Für Mäntel bis zum Aussterben bejagt

Mit der neuen ­Anlage für Nerze will die Stadt zur Rettung der bedrohten Marderart beitragen. Besucher dürften die Kleintiere weniger anziehen als Braunbären.

Der Bestand des Nerz wird in ganz Europa auf 1000 Tiere geschätzt.
Der Bestand des Nerz wird in ganz Europa auf 1000 Tiere geschätzt.
PD

Der Bär war der Stadt zu teuer: Wegen zu hoher Bau- und Personalkosten kippte der Stadtrat im Sommer das Projekt, im Wildpark ein Braunbärengehege anzulegen. Zudem habe man bereits heute teils ein Verkehrsproblem.

Nun entschied man sich für eine Tierart, die ungleich weniger Platz sowie Tierwärter beansprucht und wohl auch weniger Autoverkehr auslösen wird: den Nerz. Mit der rund 600 Quadratmeter grossen Anlage will man sich am europäischen Erhaltungszuchtprogramm beteiligen, so teilte die Stadt gestern mit.

Betrachtet man die Grösse der Tiere, entspricht die Redimensionierung des Projekts dem Faktor sieben, schaut man auf das Gewicht, gar dem Faktor 850: Braunbären werden bis zu 2,8 Meter lang und 600 Kilogramm schwer, während Nerze gut 40 Zentimeter Körperlänge erreichen und nur bis 700 Gramm wiegen.

«Man wird sie wuseln sehen»

Doch wird man im Park die braunen, nachtaktiven Tiere, die tagsüber in ihren selbst gebauten Gängen schlafen, überhaupt zu Gesicht bekommen? Klar, meint Ruth Werren, Präsidentin des Wildparkvereins, frühere FDP-Gemeinderätin und «Wolfsmutter». Die Aktivität der Tiere mit der weissen Schnauze richte sich auch nach den Fütterungszeiten: «Man wird sie vor ihren Gängen wuseln sehen.» Überdies sei ein Wildpark ja kein Streichelzoo: «Auch den Wolf sieht man nicht immer. Es geht ums Suchen und ums Beobachten.»

Die Anlage soll zwischen dem Mufflongehege und dem Wolf­areal im Westen des Parks zu liegen kommen. Weil Nerze Einzelgänger sind, muss sie in mehrere Gehege unterteilt sein. Bezahlt werde der Bau ausschliesslich durch Dritte, versichert Stadtrat Stefan Fritschi (FDP). Der zulasten der Stadt gehende Personalbedarf für die Fütterung der Tiere und den Unterhalt der Anlage werde nur wenige Stunden pro Woche betragen. Gebaut werden kann erst, wenn rund 200 000 Franken zusammengekommen sind, «ich gebe mir dafür zwei Jahre», sagt Werren. Für den Wolf habe sie innert dreier Jahre 450 000 Franken gesammelt.

Seit 1894 nicht mehr belegt

Zum Verhängnis geworden ist dem in Europa einst weit verbreiteten Nerz sein schönes, dichtes und gleichmässig schokoladebraunes Fell, das zu Wintermänteln verarbeitet und dessentwegen er vor allem früher grossflächig bejagt wurde. Vor rund 100 Jahren erlegten Pelz­jäger westlich des Urals bis zu 75 000 Tiere pro Jahr, in der Schweiz erfolgte die letzte Sichtung bereits 1894. Heute zählt die Art mit einem ­Bestand von rund 1000 Tieren zu den vom Aussterben am stärksten bedrohten Säugetierarten Europas. Etwa 500 Tiere leben in Zoos und Wildparks, in Winterthur will man mit einem einzelnen Paar starten. Angesichts der kurzen Tragzeit könnten es schnell mehr werden, hofft Werren.

Die Nerze aus dem Bruderhaus würden nach den Empfehlungen des Erhaltungszuchtprogramms mit anderen Zoos ausgetauscht und auch für Wiederansiedlungsprojekte abgegeben. Weil Nerze heute den Vertreibungsangriffen des viel stärkeren amerikanischen Minks schutzlos ausgeliefert sind, erfolgen Wiederansiedlungen bisher nur an ausgewählten Orten wie etwa auf Inseln in Estland. Nicht ohne Aufwand verläuft auch die Nachwuchszeugung – weil Nerze bei Sexualpartnern sehr wählerisch sind, werden sie teils in zentralen Zuchtstationen verpaart und die trächtigen Weibchen sodann in ver­schie­dene Zoos verfrachtet.

Der Nerz besiedelt(e) dicht ­bewachsene Ufer von Seen und Flüssen sowie Sümpfe. Auch im Bruderhaus wird es einen Teich brauchen. Mit der Anlage steht man noch ganz am Anfang. Dereinst aber könne vielleicht aus Winterthur, so hofft Werren, der Anstoss kommen für eine Auswilderung in Mitteleuropa, auf dass der Nerz hier wieder heimisch werde.

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