Medikamente

Apotheker streiten um Import von HIV-Pillen

Immer mehr Menschen schützen sich mit dem Medikament Truvada vor einer HIV-Ansteckung. Da die Pillen jedoch sehr teuer sind, plant die Bellevue-Apotheke, Generika zu importieren. Das provoziert einen offenen Streit.

Wenn HIV-negative Menschen HIV-Medikamente nehmen, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen, nennt man das «Prä-Expositionsprophylaxe», kurz PrEP.

Wenn HIV-negative Menschen HIV-Medikamente nehmen, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen, nennt man das «Prä-Expositionsprophylaxe», kurz PrEP. Bild: Marc Bruxelle

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Im Unterschied zur EU sind in der Schweiz HIV-Medikamente zur Prophylaxe noch nicht zugelassen (siehe auch Ausgabe vom Montag). «Ungeachtet dessen verschreiben immer mehr Ärzte sogenannte PrEP-Medikamente», sagt Benjamin Hampel, Infektiologe am Universitätsspital Zürich. Denn sie hätten erkannt, dass der medikamentöse Schutz vor HIV, kurz PrEP genannt, für Menschen mit einem hohen HIV-Risiko eine gute Möglichkeit ist, sich vor einer HIV-Infektion zu schützen. In der Schweiz ist aber bis jetzt nur das teure Originalpräparat in den Apotheken erhältlich. Eine Monatspackung Truvada kostet rund 900 Franken. Die Generika aus dem Ausland sind hingegen für einen Buchteil davon zu haben. Ein Truvada-Generikum vom deutschen Pharmakonzern Ratiopharm kostet beispielsweise in Konstanz rund 70 Euro (Monatspackung).

Roman Schmid, Apotheker und Inhaber der 24-Stunden-Apotheke am Zürcher Bellevue, erachtet die aktuelle Situation in der Schweiz punkto PrEP-Medikamente als unhaltbar. Zwar stellt auch er fest, dass die Nachfrage nach Medikamenten zur HIV-Prohylaxe in den vergangenen Monaten «deutlich angestiegen» ist. Aber da sich das Originalpräparat Truvada viele schlicht nicht leisten könnten, seien die meisten gezwungen, die Generika im Ausland zu bestellen.

Bald Generikum im Angebot?

Hier will Schmid nun Gegensteuer geben. «Da der Patentschutz von Truvada nur in der Europäischen Union, aber nicht in der Schweiz abgelaufen ist, bemühen wir uns derzeit entsprechende Generika von Deutschland in die Schweiz zu importieren.» Die Generika seien deutlich billiger «und somit für viele Menschen erschwinglich». Er hoffe, dass es ihm gelinge, in den kommenden Wochen in seiner Apotheke ein entsprechendes Generikum anzubieten, sagt Schmid.

Auch Benjamin Hampel vom Universitätsspital Zürich erachtet es als problematisch, wenn man Menschen praktisch dazu zwinge, die HIV-Medikamente im Ausland zu beziehen. «Ich bin deshalb sehr froh, dass es einzelne Apotheken gibt, die sich dieser Problematik bewusst sind und nach pragmatischen Lösungen suchen.»

Yves Platel, Apotheker und Mitglied der Geschäftsleitung der Bahnhof-Apotheke im Hauptbahnhof Zürich, hegt allerdings grosse Zweifel, ob das Vorgehen der Bellevue-Apotheke rechtlich in Ordnung ist. Medikamente aus dem Ausland dürfe eine Apotheke nur im Einzelfall importieren, wenn nichts Vergleichbares in der Schweiz erhältlich sei, meint Platel. Für einen Parallelimport müsse eine Bewilligung des Bundesamtes für Gesundheit vorliegen. «Deswegen ist es illegal, wenn Apotheken aufgrund einer Preisvergünstigung das Generikum von Truvada in die Schweiz importieren», sagt Platel. «Wo kämen wir hin, wenn Schweizer Apotheken jedes im Ausland günstigere Medikament in die Schweiz importieren würden?»

«Das sind Apparatschicks»

Leute, die solche Meinungen vertreten, seien nichts anderes als «Apparatschicks», sagt Roman Schmid, angesprochen auf die Aussagen seines Berufskollegen. «Ich bin ein Bündner. Und Bündner gehen manchmal ungewöhnliche Wege, um Menschen helfen zu können.» Er habe auch keine Angst vor allfälligen Sanktionen.

Swissmedic, die Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel, möchte sich zum konkreten Fall noch nicht äussern, da es sich vorerst nur um Absichtserklärungen des Apothekers handle.

(Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 01.05.2018, 18:52 Uhr

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