Thurauen

Mehr Natur für weniger Geld erhalten

Die Auenlandschaft im untersten Flussabschnitt der Thur ist fertig «gebaut». Die Bauarbeiten konnten deutlich günstiger ausgeführt werden. Und auch seltene Pflanzen- und Tierarten sind bereits in die Thurauen zurückgekehrt.

Die zweite und letzte Bauetappe des Projekts «Hochwasserschutz und Auenlandschaft Thurmündung» ist abgeschlossen.

Die zweite und letzte Bauetappe des Projekts «Hochwasserschutz und Auenlandschaft Thurmündung» ist abgeschlossen. Bild: Bauamt

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Fast 20 Jahre lang plante und baute der Kanton an der Renaturierung des untersten Thurabschnitts. Nun sei das «einzigartige Vorhaben» vollendet. An der gestrigen Medienkonferenz im Naturzentrum Thurauen bei Flaach haben die Verantwortlichen deshalb Bilanz gezogen zum Projekt Hochwasserschutz und Auenlandschaft Thurmündung. Am Samstag findet die offizielle Einweihungsfeier statt.

Ohne Gegenstimme genehmigte der Kantonsrat 2005 den notwendigen Kredit von knapp 54 Millionen Franken. Und am Mittwoch gab Walter Meier, Delegierter des Regierungsrates für das Thurauenprojekt, bekannt, dass die Schlussabrechnung circa 40 Millionen Franken betragen wird. «Wir sind froh, dass wir weit unter dem Budgetrahmen abschliessen können», sagte Meier. Auch den Zeitplan habe man einhalten «und alle Ziele umsetzen können». Die Konkurrenzsituation im Baugewerbe «ist uns entgegengekommen», indem die Angebote günstiger wurden.

Zielkonflikte vorprogrammiert

Bereits der Slogan «Mehr Sicherheit, mehr Natur, mehr Erholung» weist auf die vielen Interessen hin, die im Projekt berücksichtigt werden mussten. Als Delegierter der Kantonsregierung war Meier für den Ausgleich ebendieser Interessen zuständig. Ob Naturschutz, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Grundwasser, Fischerei, Jagd, Erholung oder Elektrizitätswirtschaft: In den Hauptzielen Hochwasserschutz, Natur- und Auenschutz seien diese verschiedenen Unterziele «in sich selber und untereinander konfliktträchtig» gewesen, sagte Meier. Dabei hätten Kompromisse gesucht werden müssen. Als Beispiel eines in sich widersprüchlichen Zieles nannte er die Erholung. So verstehen die einen Menschen darunter die Ruhe und das Beobachten der Natur, die anderen hingegen das Feiern mit Grill und Musik am Thurufer über Pfingsten.

«Wir sind froh, dass wir weit unter dem Budgetrahmen abschliessen können.»Walter Meier, Delegierter des Regierungsrates

Oder da ist auf der einen Seite die Forst- und Landwirtschaft, die den Wald nutzen und das fruchtbare Schwemmland entlang der Thur bewirtschaften möchte. Auf der anderen Seite der Auenschutz, der wie folgt funktioniert: Wälder und Wiesen werden regelmässig überschwemmt, wodurch sich seltene Tier- und Pflanzen ansiedeln.

Strategie geändert

Im August 1978 gab es an der Thur «massivste Überschwemmungen», so Meier. Dieses sehr «markante Ereignis» sei gleichsam der Ausgangspunkt des Projekts gewesen. Denn damals wurde deutlich: Trotz massiver Uferverbauungen aus dem 19. Jahrhundert waren diese nicht hochwassersicher, und der schnurgerade, fast kanalartige Verlauf der Thur war in Sachen Artenvielfalt uninteressant. Der Wasserbau heute verfolgt eine andere Strategie: Je mehr Platz der Fluss seitlich bekommt, desto mehr Wasser kann er abführen, wodurch das Hochwasser weniger hoch ausfällt. Dies geht allerdings nur auf Kosten von Land entlang des Flusses.

Die erste Bauetappe dauerte von 2008 bis 2011, die zweite von 2012 bis 2017. Dabei wurden nicht nur diese Verbauungen entfernt, die Thur also aus ihrem Korsett befreit. Zusätzlich wurde der Hochwasserschutz an mehreren Stellen wie etwa in Ellikon am Rhein verbessert. Denn wenn die Thur viel Wasser führt, wird der Rhein bis nach Ellikon zurückgestaut, sodass es im kleinen Dorf zu Überschwemmungen kommt. Auch entlang der Thur wurde dieser Schutz erhöht, um wertvolles Ackerland zu schützen.

Kein «Spiel ohne Grenzen»

Für das Ziel Auen- und Naturschutz war ein Schritt ganz entscheidend: Der Verkauf von über 200 Hektaren Wald an den Kanton im Jahr 2006 durch die Gemeindeversammlung Flaach. Das sei eine «grosse Erleichterung» gewesen, sagte Meier an der gestrigen Medienkonferenz. Diese Fläche allein macht gut 50 Prozent des Auenschutzgebietes aus.

Die Bagger entfernten aber nicht nur die Uferverbauungen der Thur. An einigen Stellen gruben sie sogenannte Aufweitungen ins Ufer. Damit soll die Thur künstlich angeregt werden, wieder zu mäandern, also in Schlingen zu fliessen wie vor der Verbauung des Ufers. Doch dies sollte kein «Spiel ohne Grenzen» sein, wie Meier sich ausdrückte. So wurden vor Beginn der Bauarbeiten quasi rote Linien im Gelände festgelegt: Erreicht die seitliche Erosion der Thur diese Linien, muss neu entschieden werden. Entweder wird die Erosion mit baulichen Massnahmen gestoppt oder man lässt der Thur weiter freien Lauf. Das von den Baggern abgetragene Schwemmmaterial wurde etwa dafür verwendet, im Flaacherfeld weniger gutes Ackerland mit Aufschüttungen aufzuwerten.

Seltene Rückkehrer

Um das Nebeneinander von Erholung und Naturschutz zu verwirklichen, wurden Gebiete mit und ohne Zutrittsberechtigung geschaffen. Für Erholungssuchende wurden bestimmte Gebiete attraktiver gemacht. So etwa der Eggrank Richtung Andelfingen, wo eine grosse Kiesbank für Badende geschaffen wurde.

Obschon die Thurauen erst seit Kurzem fertig «gebaut» sind, zeigen sich erste Erfolge aus Sicht des Naturschutzes. So hat etwa die Zahl der typischen Auenbewohner Biber und Eisvogel zugenommen. Auch seltene Libellen- und Orchideenarten sind an die Thur zurückgekehrt. Die Gemeine Keiljungfer etwa, eine Libellenart, ist neu in den Thurauen aufgetaucht. Auch die Uferschwalbe wurde dort zum ersten Mal überhaupt gesichtet. Es sind die steilen, sandigen Uferhänge, welche die Schwalbe wie der Eisvogel schätzt. Diese Hänge konnten aber nur entstehen, weil die Uferverbauungen entfernt worden sind. Aber auch zum Teil seltene Zugvögel haben die Thurauen als Rastplatz für sich entdeckt. Und kürzlich wurde sogar ein Fischadler gesichtet. (Landbote)

Erstellt: 20.09.2017, 17:13 Uhr

Einweihungsfeier

Offizielle Einweihung der Thurauen

Am Samstag, zwischen 11 und 17 Uhr, erfolgt die offizielle Einweihung des Projekts «Hochwasserschutz und Auenlandschaft Thurmündung». Die Feier für die Bevölkerung und geladene Gäste findet bei der Altener Brücke statt. Das ist die gedeckte Holzbrücke zwischen Andelfingen und Alten, nicht jene zwischen Andelfingen und Kleinandelfingen.

An der Einweihung sprechen Peter Stoll, Gemeindepräsident in Kleinandelfingen, Marc Chardonnens, Direktor Bundesamt für Umwelt (Bafu) sowie Regierungspräsident und Baudirektor Markus Kägi. Für musikalische Unterhaltung sorgt die Brass Band Posaunenchor Flaach. Zudem gibt es einen Apéro und ein einfaches Mittagessen für die Bevölkerung und die geladenen Gäste. Die Festwirtschaft ist von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Von 13 bis 16 Uhr haben die Besucher die Möglichkeit, auf einen Parcours zu gehen. Dort erfahren sie Wissenswertes über die Themen Hochwasserschutz, Auenschutz, lichter Wald, Flora und Fauna in Magerwiesen und Teichen, Verbesserung landwirtschaftlicher Böden, Flussmorphologie und so weiter.(mab)

Postauto

Streitpunkt ÖV-Erschliessung

Immer wieder kritisieren die Anrainergemeinden der Thurauen, dass es keine ÖV-Verbindung ins Herzen der Thurauen gibt. «Die Gemeinderäte von Marthalen, Kleinandelfingen und Flaach halten gemeinsam mit stetigem Druck daran fest, die Thurauen an das ÖV-Netz anzubinden», schreibt Walter Staub, Gemeindepräsident von Flaach, im aktuellen Mitteilungsblatt. Kleinandelfingen und Marthalen hoffen ausserdem darauf, dass damit gleichzeitig auch ihre Dörfer Alten und Ellikon am Rhein endlich an den öffentlichen Verkehr angeschlossen werden könnten.

Walter Staub schreibt weiter, dass die Postauto Schweiz AG «alternative, nicht-konventionelle Varianten für eine sporadische Erschliessung des Auengebietes» prüfe.

Ein Postauto auf Abruf?

Vielleicht also ein Postauto auf Abruf, ein Rufbus also? «Die unbefriedigende Erschliessung der Thurauen durch den öffentlichen Verkehr ist auch bei Postauto schon seit Längerem ein Thema», schreibt Mediensprecher Simon Glauser auf Anfrage. Und man erkenne das Bedürfnis der Betroffenen, «hier eine gute Lösung zu finden». Es seien bereits mehrere Postautolinien geprüft worden. Doch bis jetzt sei die Realisierung an der Finanzierung gescheitert. Weil es hier keine ÖV-Erschliessungspflicht gebe, wäre die Linie als touristisch zu behandeln. Glauser bestätigt allerdings, dass man kürzlich abermals eine Auslegeordnung vorgenommen habe. Doch konkrete Ideen gebe es noch keine. Im Spätherbst sei jedoch ein Treffen «mit dem Partner vor Ort» geplant, schreibt Glauser. (mab)

Mücken im Ellikerfeld

Auch wenn Ellikon am Rhein von einem verbesserten Hochwasserschutz profitiert, gärt dort seit Jahren ein ungelöster Konflikt. Der Rheindamm südlich des Dorfes wurde entfernt und ein Flachufer geschaffen. Wegen des fehlenden Dammes wird das Ellikerfeld dahinter ab und zu überschwemmt. Seitdem die Landwirte Ersatzland erhalten haben, ist das Feld fast ausschliesslich im Besitz des Kantons. Dieser will nur noch eine naturnahe Bewirtschaftung. Doch der Marthaler Gemeinderat will das Konzept dazu nicht unterzeichnen. Er befürchtet, dass es mit neuen Wasserflächen mehr Stechmücken gibt.(mab)

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