Winterthur

Der Ex-Fifa-Mann mit den Antithesen

Die Drahtzieher der WM-Vergaben nach Katar und Russland sitzen in Europa, und Sepp Blatter wird Unrecht getan: Ex-Fifa-Sprecher Walter de Gregorio stellte im Winterthurer Stadtalk verbreitete Ansichten auf den Kopf. Auch dass ihn ein Witz den Job gekostet habe.

PR-Mann ohne Socken: Ex-Fifa-Sprecher Walter de Gregorio brachte seinen legeren Stil und seinen flapsigen Humor in die Coalmine. Auf dem Lederfauteuil angekommen, sagte er: «Da sinkt man ja noch tiefer als die Fifa.»

PR-Mann ohne Socken: Ex-Fifa-Sprecher Walter de Gregorio brachte seinen legeren Stil und seinen flapsigen Humor in die Coalmine. Auf dem Lederfauteuil angekommen, sagte er: «Da sinkt man ja noch tiefer als die Fifa.» Bild: Marc Dahinden

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Walter de Gregorio will es wieder wissen: Ein Jahr nach seinem Rücktritt als Pressesprecher der Fifa hat der frühere «Welt­woche»-Journalist unter dem Namen Greg and Grey eine Kommunikationsagentur gegründet. «Greg», das sei ein Übername von früher, verriet der 51-Jährige kürzlich. «Grey» spiele auf seine Haare an und signalisiere «Erfahrung, Weisheit, ­Seriosität». Offen­bar liest de Gregorio keine erotischen Romane. Am Donnerstag war de Gregorio im Stadtalk zu Gast und übte sich dort vor allem im Relativieren. Was er wirklich denkt, blieb einigermassen im Dunkeln, obschon ihn Moderatorin Karin Landolt nicht schonte. Zwei Dinge über diesen Mann, der als Pressechef mitten im Fifa-Skandal stand, wurden aber deutlich: Er ist nie um eine Antwort verlegen, und am liebsten ist ihm die Antithese.

«Sie hätten ihn grilliert»

«Für die Fifa ist das ein guter Tag», hatte de Gregorio im Mai 2015 gesagt, kurz nachdem im Zürcher Hotel Baur au Lac sieben hochrangige Fussballfunktionäre verhaftet worden waren – und verblüffte damit die Weltpresse. In Winterthur erklärte er, warum damals er und nicht Blatter vor die Medien getreten war: «Mir war klar: Würde Blatter raus­gehen, würden sie ihn grillieren.» Ausserdem hätte es Eskalationsstufen gebraucht. Will meinen: Kommt der Auftritt des Pressesprechers nicht an, bessert der Generalsekretär vor den Medien nach, und erst dann der Präsident.

De Gregorio hielt es in der Coalmine-Bar über weite Strecken mit der Antithese. Auf die Frage, ob sich Russland und Katar ihre Weltmeisterschaften gekauft hätten, sagte er, auch der Westen habe ein Interesse an diesen Turnieren. «Man muss sich nur mal anschauen, wer dort die Infrastruktur baut.» Und er zeichnete ein Bild von Firmen, die über die Politik auf die Fifa Einfluss nehmen. Ob Schmiergeld fliesst, liess er ­offen. Nur so viel sagte er: Was bislang an Korruptionszahlungen bekannt wurde, sei erst «die Spitze des Eisbergs».

Skandalös günstiger Smoking

Sepp Blatter, seinen früheren Chef, nahm de Gregorio in Schutz. Blatter habe ihm damals, als er ihn geholt habe, gesagt, er solle ihm noch eine Amtszeit ermöglichen. «Er wollte durch die Vordertüre raus», so Gregorio. Dazu ist es dann nicht gekommen. In seiner letzten Amtszeit sei Blatter das erste Mal überhaupt frei gewesen, weil er nicht auf eine nächste Wahl Rücksicht nehmen musste. So habe er Reformen anstossen können und gegen alle Widerstände die Ethikkommission eingesetzt, die ihn ironischerweise später stürzte.

Blatter, findet de Gregorio, werde in den Medien Unrecht getan. «Erst posthum wird man ihn richtig einordnen.» Aus einem globalen Dorfverein habe Blatter ein Milliardenimperium gemacht mit vielen guten Projekten. «Die Fifa investiert täglich 600 000 Dollar in soziale Projekte.» Doch das sei den Medien egal.

Überhaupt zweifelt de Gregorio an der Journalistenzunft. Die Aufregung über Spesenausgaben des neuen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino tat er als symptomatisch und übertrieben ab. Infantino hatte sich unter anderem einen Smoking auf Rechnung der Fifa gekauft – für 1400 Franken. Für de Gregorio ist diese Geschichte Material für einen Witz: «Der wirkliche Skandal ist doch, dass der Fifa-Präsident einen Smoking kauft für nur 1400 Franken.»

Auch in der Sendung von Roger Schawinski hatte de Gregorio einen Witz gemacht: «Der Fifa-Präsident, der Generalsekretär und der Kommunikationschef sitzen im Auto. Wer fährt? Die Polizei!» Später hiess es, dieser Witz habe seinen Abgang bei der Fifa besiegelt – eine Auslegung, die de Gregorio in der Coalmine bestritt. Es hätten wohl noch andere Fragen hineingespielt.

Kritisch gegenüber der Fifa ­äusserte sich de Gregorio da, wo ohnehin keine Zweifel bestehen. Die Strukturen seien das Problem. Dass alle Länder ihre eigenen Delegierten stellen und jedes Land, egal wie klein, dieselbe Stimme habe. «Stellen Sie sich einen Verwaltungsrat vor, in dem der Präsident kein einziges Mitglied selber ausgewählt hat», sagte de Gregorio. So sei es Blatter ergangen. Er zeichnete ein Bild der Fifa als ein Vehikel, mit dem jeder seinen eigenen Vorteil sucht.

Für den Pressesprecher sei das eine Albtraumsituation. Die offizielle Kommunikation wurde von den Fifa-Mitgliedern systematisch unterlaufen. Noch bevor eine Pressekonferenz stattgefunden habe, hätten Funktionäre ihre Version der Dinge vertwittert.

Heuchelei ist überall

Auf die Frage, warum er einen solchen Job überhaupt angenommen ­habe, holte de Gregorio weit aus, redete über die Heuchelei in der Gesellschaft, über Doppelmoral. Die Korruption habe in Grossfirmen andere Ausmasse als in der Fifa – Stichwort Siemens-Affäre. Und mit einer Allegorie schilderte er die Absurdität der Empörungskultur: Ein alter Mann, ein kleiner Bub und ein Esel liefen durch ein Dorf. Sitze der alte Mann auf dem Esel, schrien die Leute: Skandal, der arme Junge! Im umgekehrten Fall: Skandal, der arme alte Mann! Und wenn beide auf dem Esel sässen: Skandal, der arme Esel! Dass die beiden auch zu Fuss gehen und den Esel das Gepäck tragen lassen könnten, liess de Gregorio wie vieles andere aus.

Erstellt: 30.09.2016, 17:17 Uhr

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