Bildung

Der Grundstein wird schon im Babyalter gelegt

Für die sprachliche Bildung sind die ersten Lebensjahre entscheidend. Die Bildungsdirektion leistet nun mit mehrsprachigen Kurzfilmen Starthilfe.

Rituale sind wertvoll für die Sprachförderung. Doch viele Eltern reden oder singen kaum mit ihren Babys.

Rituale sind wertvoll für die Sprachförderung. Doch viele Eltern reden oder singen kaum mit ihren Babys. Bild: PD

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Die zehn Monate alte Carla sitzt mit ihrem Vater und ihrer grösseren Schwester am Mittagstisch. Sie trommeln gemeinsam mit Fingern und Fäusten auf die Platte, der Vater sagt dazu einen Vers auf. Carla kann noch nicht mitsingen, aber sie lacht und fordert den Papa gestenreich immer wieder dazu auf, das Ritual zu wiederholen.

Die Szene stammt aus einem dreiminütigen Videobeitrag mit dem Titel «Tischgetrommel». Er ist einer von 25 neuen Kurzfilmen, die seit gestern auf www.kinder-4.ch aufgeschaltet sind. Sie sollen Eltern und andere Betreuungspersonen dazu anregen, die Kinder schon im frühen Alter sprachlich zu fördern.

Wieso das wichtig ist, erklärte die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP) gestern bei der Präsentation der Filme im Zürcher Kino Kosmos. «Das Gehirn von Kleinkindern verfügt über doppelt so viele Synapsen wie dasjenige von Erwachsenen. 85 Prozent des Gehirnwachstums ist nach den ersten drei Jahren abgeschlossen.» Mit anderen Worten: In den ersten Lebensjahren wird der sprachliche Grundstein gelegt.

Nicht mehr aufzuholen

Silvia Steiner will deshalb mit verschiedenen Massnahmen die frühkindliche Förderung unterstützten – damit der Übertritt in den Kindergarten besser gelingt und die Startchancen von fremdsprachigen Kindern erhöht werden. «Unterschiede, die beim Eintritt in den Kindergarten zwischen den Schülerinnen und Schülern bestehen, können während der Schulzeit nicht mehr ausgeglichen werden, die Schere geht sogar immer weiter auf.»

Kinder lieben Verse, Lieder und Bewegungsspiele - von Anfang an. Was sich wiederholt und gleichbleibt, lädt zum Mitsingen und Mitmachen ein.

Nicht der Erwerb der deutschen Sprache steht zunächst im Vordergrund. Fremdsprachige Eltern sollen nicht in gebrochenem Deutsch, sondern in ihrer stärksten Sprache mit den Kindern kommunizieren. Denn nur so liessen sich Gedanken und Gefühle richtig übermitteln und Geschichten lebendig und anregend erzählen.

Luljeta Krasniqi ist Aufsuchende Sozialarbeiterin in Winterthur und kennt die Unsicherheit vieler fremdsprachiger Mütter und Väter, wenn es um die Sprache geht. «Viele Eltern wissen, wie sie ihre Kinder betreuen oder erziehen müssen, aber sie wissen wenig über den Spracherwerb. Manche sagen, es bringe ja nichts, mit dem Baby zu sprechen, weil es sie ohnehin nicht verstehe.»

Die Folge sei, dass die Kinder auch im Alter von drei Jahren noch keine Sätze formulieren könnten und nur einzelne, manchmal verschiedensprachige Wortfetzen über die Lippen bringen würden.

Umgang mit Smartphone

Die Videos, die in 13 verschiedenen Sprachen erhältlich sind, knüpfen an ein seit 2014 bestehendes Filmprojekt an. Insgesamt sind nun auf der Website über 60 Kurzfilme verfügbar. Sie können nach Thema und Kindesalter sortiert werden. Gerichtet sind sie auch an Fachpersonen im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung.

Der Kurzfilm «Dornen» zeigt schön, wie ein kleines Missgeschick zur sprachlichen Förderung genutzt werden kann. Der dreijährige Moussa ist mit der Spielgruppe im Wald unterwegs, als er in einen Strauch fällt und sich am Finger zwei Dornen einfängt. Seine Betreuerin verarztet den Jungen nicht nur. Sie nutzt die Gelegenheit und erklärt den anderen Kindern am Lagerplatz, was Moussa passiert ist. Mimisch und gestisch unterstützt sie die Erzählung, sodass auch der fremdsprachige Jan der Handlung folgen kann und sich zugehörig fühlt.

Die kleine Senia bringt sich ein und erzählt, wie sie einmal ihre Lippen blau gefärbt hat. Nun wird die Leiterin zur Zuhörerin, ein Gesprächsfaden entsteht. Auch Jan hört aufmerksam mit. «Andere Kinder spielen eine zentrale Rolle», sagt Dieter Isler, Leiter Forschung der beim Projekt mitwirkenden Pädagogischen Hochschule Thurgau. «Kinder sind der stärkste Motor beim Spracherwerb.»

Im Alltag ergeben sich viele Gelegenheiten, die sich zur gezielten Sprachförderung nutzen lassen - wie hier bei einem Kita-Ausflug im Wald.

Isler gibt auch Tipps im Umgang mit dem Handy. Im Kurzfilm «Smartphone» sitzt ein Vater mit dem zweijährigen Davin im Zug, als das Gerät zu surren beginnt. Der Vater erklärt seinem Sohn, dass die Mutter anruft, er sich ihm aber gleich wieder zuwenden wird. Später stellt er den Lautsprecher ein, damit Davin seine Mutter hört und ihr erzählen kann, dass er auf dem Schiff war und mit dem Papa noch einkaufen gehen wird.

«Smartphones sind Teil unseres Alltags», sagt Isler. «Wesentlich ist, dass Erwachsene diese in Gegenwart von Kindern bewusst und begrenzt nutzen. Kinder brauchen das zugewandte Gespräch für ihre sprachliche Entwicklung.»

Digitale Geräte gehören zum Alltag. Wesentlich ist, dass sie im Beisein von Kindern begrenzt und bewusst eingesetzt werden.

Die Kurzfilme, die von der Stiftung Mercator Schweiz und mit Beiträgen aus dem Lotteriefonds finanziert wurden, sind nur ein Teil der Massnahmen zur Stärkung der frühen Sprachbildung im Kanton Zürich. Silvia Steiners Herausforderung wird es sein, diese Instrumente fremdsprachigen Eltern zu vermitteln. «Leute aus fremden Kulturen haben zum Teil einen anderen Zugang zur Sprachförderung und auch ein Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen.»

Wie diese Eltern erreicht werden können und die sprachliche Frühförderung im Kanton Zürich generell verbessert werden kann, soll ein Konzept aufzeigen, das voraussichtlich Anfang 2020 in die Vernehmlassung gehen dürfte. Einfliessen sollen darin auch die Erkenntnisse einer Analyse über die Situation in den Zürcher Kindergärten, die im kommenden September vorliegen wird.

Erstellt: 10.05.2019, 18:19 Uhr

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