Ueli Steck

Der Unverstandene

Er forderte uns heraus. Er verstörte uns. Er inspirierte uns. Dem Berner Oberländer Ex­tremalpinisten Ueli Steck (40), der am Sonntag im Himalaja abstürzte und starb, war am Berg Unmögliches gelungen. Was er nicht schaffte: wirklich verstanden zu werden.

Er suchte Situationen, in denen es auf ihn ankam. Alpinist Ueli Steck, der am Sonntag bei einer Akklimatisierungstour im Himalaja ums Leben kam.

Er suchte Situationen, in denen es auf ihn ankam. Alpinist Ueli Steck, der am Sonntag bei einer Akklimatisierungstour im Himalaja ums Leben kam. Bild: Keystone

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Es war ein lichter Nachmittag im September 2006, die Sonne beschien warm die Bergspitzen entlang des Brienzersees. Ueli Steck, der damals noch in Bönigen in einem kleinen Chalet lebte, stand am Bahnhof Interlaken an der Bar, er hatte den ganzen Tag trainiert, und jetzt bestellte er das Getränk, ohne das er nicht sein konnte: Kaffee. Noch schaute sich niemand nach ihm um, obschon er den ersten Schritt zur umstrittenen öffentlichen Figur, die er in den kommenden zehn Jahren werden sollte, gerade gemacht hatte.

Er war, sich an kleinste Felsgriffe klammernd, ohne Seil­sicherung solo durch die senkrechte Excalibur-Route an den Wendenstöcken im Sustengebiet geklettert. Die nachträglich geschossenen Bilder des ungesicherten Männchens im gelben Pullover, das sich katzenartig Hunderte Meter über dem Abgrund durch die mächtige Felswand bewegte, brachten Steck erstmals gross in die Medien. Und konfrontierten ihn mit den existenziellen Fragen, die er sein Leben lang nie loswurde: Ueli Steck, fordern Sie das Schicksal heraus? Ueli Steck, kokettieren Sie mit dem Tod?

Ueli Steck, suchen Sie den Tod?

Kompromisslos klar

Ueli Steck war immer bereit, sich solchen Fragen zu stellen. Er schrieb Bücher, er absolvierte Vortragstourneen, sogar in den USA, er gab unzählige Interviews, darunter ein halbes Dutzend mit dem Autor dieses Textes. Auf den Punkt gebracht: Der unerbittliche, ehrgeizige Spitzensportler Steck lebte seine hochriskante Obsession, die ihm weltweite Bekanntheit als «Swiss Machine» eintrug, mit buchhalterischer, ja kleinbürgerlicher Strebermentalität und fast unmenschlichem Trainingsaufwand.

«Ich trainiere und analysiere alles, was schiefgehen kann. So hole ich das Irrationale der Angst ins Rationale.»Ueli Steck

«Wenn ich eine Route solo klettere, befasse ich mich vorher über längere Zeit intensiv mit der Wand», sagte er. «Die Wand ist dann auf einmal nicht mehr glatt, sondern voller Tritte und Griffe. Ich trainiere und analysiere alles, was schiefgehen kann, und erarbeite für alles eine Lösung. So hole ich das Irrationale der Angst ins Rationale, in die Beherrschbarkeit.»

Das war die alpinistische Strategie, mit der Steck die Speed­rekorde an den Nordwänden von Eiger, Matterhorn und Grandes Jorasses aufstellte und im Himalaja Meilensteine schuf, indem er solo die Achttausender Shishapangma und Annapurna über zuvor unbegangene Routen bestieg.

Was Steck auch ausmachte, war aber seine kommunikative Kompromisslosigkeit. Um seine seilfreien Extremtouren für das Publikum nachvollziehbar zu machen, stieg er meist noch einmal in die Routen ein und liess sich vom Helikopter aus filmen – natürlich nicht angeseilt. Er dachte aber auch ans Bild, wenn es kritisch wurde, und drückte auf den Selbstauslöser. Legendär sind die TV-Bilder, auf denen er nach seinem Absturz 2007 an der Annapurna zitternd über den spaltenübersäten Himalajagletscher aus der Todeszone zurück ins Leben wankt. Er verbarg nichts.

Fanatisch leistungsorientiert

Damit machte sich der Extremalpinist, der sich wirtschaftlich in der Ueli Steck GmbH organisierte und mit seiner Frau nach Ringgenberg in ein Eigenheim zog, über den Bergsport hinaus verwend- und verwertbar auch bei Leuten, die nicht wissen, was ein Halbmastwurf ist. Steck fand sich wieder im exklusiven Kreis von «Charakterköpfen», die vom Autohersteller Audi unterstützt werden.

«Wenn ich unterwegs bin, ist klar: Ein Fehltritt, und ich bin tot.»

Die Bauzubehörfirma Richner oder vorübergehend auch die Migros engagierten ihn als Markenbotschafter. Man könnte sagen: Steck brachte den Extremalpinismus, der als verschrobenes Himmelfahrtskommando für Lebensmüde galt, in die Mitte der Gesellschaft. Plötzlich referierte er vor Managern, die Leistung und Eigenverantwortung zelebrieren, sich aber mit goldenen Fallschirmen absichern, sollten ihnen Fehler unterlaufen. Was Steck unter Leistung verstand, tönte etwas anders: «Wenn ich unterwegs bin, ist klar: Ein Fehltritt, und ich bin tot. Ich exponiere mich, und es gibt keine Absicherung.» Man rede viel von Eigenverantwortung, so Steck, «aber gleichzeitig verhalten wir uns so, als könnten wir unser Leben versichern, als ginge es ewig weiter wie bisher.»

Gelegentlich drohte das Produkt Ueli Steck dem Menschen Ueli Steck zu entgleiten. Als er 2013 im Everest-Basislager von Sherpas mit Steinen angegriffen wurde, erntete er viel Häme, und seine wohl grösste alpinistische Tat, die Solobesteigung der Annapurna-Südwand 2013, wurde stets angezweifelt, weil er unterwegs den Fotoapparat verlor, als er sich in einer Lawine mit letzter Kraft an seine Pickel klammerte.

Ein paar Monate später sass Steck in einer Bar in Zürich, natürlich bei einem Cappuccino, und er sagte mit seiner leisen Stimme ein paar wenige Sätze, bei denen man merkte, von wie tief innen sie kamen. Er habe, so Steck, bei dieser Expedition jegliche Grenzen überschritten. Er war in die Wand eingestiegen in viel zu leichter Bekleidung, in der er über 8000 Meter kein Biwak überlebt hätte. Er sei unterwegs sicher gewesen, nicht lebend zurückzukehren, und trotzdem sei er wie eine Maschine weitergeklettert, und nach 28 Stunden Dauerstress über dem Abgrund war er zu seinem eigenen Erstaunen wieder da. Die Furcht, sich in diesem unheimlichen Leistungssog zu verlieren, schimmerte auch in den Interviews durch, die Steck vor seiner nun fatalen Lhotse-Everest-Expedition gab.

Stecks Verantwortungsgefühl

Viele verstünden nicht, hatte Steck schon früher gesagt, was er wirklich tue, «und es braucht schon Energie, bestimmte Äusserungen nicht an mich heranzulassen.

«Wir suchen gern die Verantwortung für unser Versagen, für unsere Ängste, für unsere Faulheit bei anderen.»

Ich führe ein Leben, in dem mir etwas passieren kann. Dessen bin ich mir, im Unterschied zu vielen, sehr bewusst. Es ist mein Weg, für den nur ich mich zur Verantwortung ziehen kann.» Das war sein Credo, und man kann von Stecks alpinistischem Extremismus halten, was man will. Der Blick, den er auf das Leben warf, bleibt eine Inspiration.

«Vor der Erdgeschichte sind meine Leistungen klein», sagte Steck 2006 beim zweiten Kaffee in Interlaken. «Aber ich höre viele Leute, die unzufrieden sind, die immer den anderen die Schuld geben, selber keine Fehler machen. Wir suchen gern die Verantwortung für unser Versagen, für unsere Ängste, für unsere Faulheit bei anderen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass die Leute davor am meisten Angst haben: dass sie in Situationen kommen, in denen es auf sie ankommt.»

Solchen Situationen wich Ueli Steck ein kurzes, exponiertes Leben lang nicht aus. (Der Landbote)

Erstellt: 02.05.2017, 09:13 Uhr

Die Familie reist an

Nach dem tödlichen Unfall vom Wochenende sind die Angehörigen von Ueli Steck sofort nach Nepal aufgebrochen. Die Ankunft seiner Frau war für gestern Montagabend, die der Eltern für heute Dienstag angesagt. Das sagte der Vertreter einer Expeditionsagentur gestern gegenüber der «Himalayan Times».
Die Zeitung brachte bereits erste Ideen für die Bestattung des 40-jährigen Extrembergsteigers ins Spiel: Die Familie denke darüber nach, im berühmten Kloster Tengboche im Osten Nepals Abschied von Ueli Steck zu nehmen. Dass der Leichnam nicht in die Schweiz zurückgeführt, sondern vor Ort eingeäschert wird, ist schon seit dem Wochenende bekannt. Ueli Steck stürzte am Wochenende am Fuss des Mount Everest 1000 Meter in die Tiefe und zog sich tödliche Verletzungen zu. Er trainierte für seine neuste Himalaja-Expedition. Keine neuen Informationen gab es gestern zur Abschiedsfeier, die später in der Schweiz geplant ist.

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