Winterthur

Die Gratwanderin

Maja Ingold hätte morgens gerne mehr Zeit für sich. Doch kaum wach, denkt die Ständeratskandidatin der EVP an ihre Arbeit und legt los.

«An diesem Ort bin ich heimisch»: Maja Ingold in der Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur.

«An diesem Ort bin ich heimisch»: Maja Ingold in der Kirche St. Arbogast in Oberwinterthur. Bild: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In der Kirche St. Arbogast in Winterthur, nur fünf Minuten von ihrem Haus entfernt, gönnt sich Maja Ingold manchmal eine Pause von all ihren Verpflichtungen. Doch jetzt, im Wahlkampf, ist ihr nicht mal dieser Rückzugsort heilig. Zum Interview, Fototermin und gleich noch einem Interview hat sie in die Kirche geladen. «An diesem Ort bin ich heimisch», sagt die EVP-Nationalrätin, die ihre politische Karriere 1986 in der Kirchenpflege Oberwinterthur begann. Unter den mittelalterlichen Wandmalereien hat sie Kammermusik gespielt, gezeichnet – «und viele Gottesdienste erlebt».

Gerne würde sie sich jeden Morgen Zeit nehmen und sich geistig auf den Tag vorbereiten. «Mit dem Lesen eines Bibeltextes oder dem Innewerden meiner Rolle. Aber wenn ich wach bin, kommen mir so viele Dinge in den Sinn, die ich noch erledigen will, dass ich gleich loslege.» Sie sagt es, ohne zu hadern, so sachlich und unaufgeregt, wie sie auf der politischen Bühne auftritt.

Glück und Solidarität

Ihre Rolle hat Maja Ingold schon früh gefunden. «Seit ich erwachsen bin, interessiere ich mich für gesellschaftliche Fragen. Und eine beschäftigt mich besonders: Welche Regeln braucht es, damit Menschen glücklich und solidarisch zusammenleben können?»

Genau dar­um sei es beispielsweise 2000 bis 2002 gegangen, als sie im Verfassungsrat des Kantons Zürich mitwirkte. «Verfassungsrat, das tönt zunächst papierig. Aber die Arbeit hat mich fasziniert, weil sie eine Grundlage dafür geschaffen hat, wie Menschen in den Gemeinden miteinander umgehen sollen.»

«Sonst wird man vergessen»

Doch wenn es etwas gibt, das sie als Schlüsselerlebnis ihres politischen Wirkens nennen müsste, dann ist es die Erkenntnis, dass echte Sozialhilfe nur möglich ist, wenn auch die Wirtschaft über bestmögliche Rahmenbedingungen verfügt.

Mit dieser Position – Maja Ingold bezeichnet sie als die soziale Mitte – steht sie oft unbeachtet zwischen den populistischen Polen. «Dafür bin ich niemandem verpflichtet – ausser mir selber. Und die Wege nach links und rechts sind dadurch kurz.» So sieht sie sich denn als Vermittlerin, als Brückenbauerin – und deshalb prädestiniert als Zürcher Vertreterin im Ständerat. «Das Amt passt gut zu meiner pragmatischen und unideologischen Politik.»

Mit ihrer Kandidatur geht es ihr aber auch darum, Stimmen für ihre Wiederwahl in den Nationalrat zu sammeln. «Im Kanton Zürich laufen die nationalen Wahlen nun mal über die Ständeratswahl. Springt man nicht auf diesen Zug auf, wird man vergessen.» Erst recht als Vertreterin einer Partei, die im Nationalrat nur zwei Sitze besetzt. Unbedeutend sei die EVP aber nicht, sagt Maja Ingold. «In jeder Session gibt es knappe Entscheide, bei denen es auf unsere Stimmen ankommt.»

Gerne im Wind

Diese Position zwischen links und rechts zu behaupten, sei kräftezehrend, sagt Maja Ingold. Weil man nicht einfach einem Programm folge, sondern jedes Geschäft genau studieren und eine eigene Meinung erarbeiten müsse. Ihr komme das manchmal vor wie eine Gratwanderung, sagt sie und meint das durchaus positiv. «Ich bin gerne auf Berggraten, gerne im Wind», sagt sie und ergänzt: «Solange der Untergrund felsig ist.»

Halt findet die 67-Jährige nicht nur in der Natur, sondern auch in ihrer Familie. Nur komme die Zeit für ihre drei Kinder und sieben Enkelkinder etwas zu kurz. Erst recht vor den Wahlen.

«Ich bin leistungsstark»

Als Maja Ingold ihre Termine aufzählt – Podien, Interviews, Auftritt an der Winterthurer Ballnacht, Austausch mit Vertretern der Wirtschaft –, muss sie husten. Die Erkältung hat sie sich während der «Arena»-Sendung zu Flüchtlingspolitik/EU beim Zoll Kreuzlingen eingefangen. Ob ihr manchmal nicht alles zu viel werde? «Das würde ich merken», antwortet sie. «Ich bin gesund, leistungsstark, kann gut verschiedene Dinge gleichzeitig erledigen.»

Handy statt Bibel

Sie sei ein neugieriger Mensch, an vielem interessiert und habe viele Dossiers am Laufen, sagt die ehemalige Lehrerin. Drei Tageszeitungen hat sie abonniert. «Es kann nach Mitternacht werden, bis ich mit allen durch bin.» Um stets informiert zu bleiben, was auf der Welt oder in ihrer Familie passiert, schaltet sie ihr Smartphone nie aus. «Ich gehe selten auf Tauchstation und will erreichbar sein.» Selbst jetzt, während des Gesprächs in der Kirche, bleibt das Smartphone an – allerdings lautlos.

Es ist ihr Handy, das sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde, wenn sie nur einen Gegenstand auswählen dürfte. «Und nicht die Bibel, wie man es von mir erwarten würde. Aber die kann man ja mittlerweile auch auf einer App lesen.»

Erstellt: 06.10.2015, 15:29 Uhr

Zur Person

Aufgewachsen in Winterthur, ar­bei­te­te Maja Ingold als Lehrerin in der Primar- und der Jugendmusikschule. 1986 bis 1997 wirkte sie in der Kirchenpflege Oberwinterthur. 1996 trat sie der EVP bei und schaffte es 1997 in den Grossen Gemeinderat Winterthur. 2002 bis 2010 war sie Stadträtin und rückte 2010 für Ruedi Aeschbacher in den Nationalrat nach. Ingold (67) ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und verheiratet mit dem Arzt Walter Ingold.

Artikel zum Thema

Maja Ingold – Vertreterin der sozialen Mitte

Analyse Geht es um soziale Sicherheit, Gesundheitspolitik und Renten, bringt sich Maja Ingold besonders gerne ein. Weniger behagen ihr Wahlkämpfe – Standaktionen am wenigsten. Mehr...

Ständeratskandidaten

In einer Artikelserie stellt die Redaktion die Kandidierenden vor, die sich für die beiden frei werdenden Sitze im Ständerat bewerben. Wir leuchten in den Alltag der Personen hinein und analysieren deren Wahlchancen.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zuonline.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 854 82 14. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Den Zürcher Unterländer digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 24.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!