Finanzausgleich Kirche

Die Kleinen sind die grossen Verlierer

Am 2. Juli entscheidet die Synode der Reformierten Kirche des Kantons Zürich über den neuen Finanzausgleich. Tritt er in Kraft, könnten kleine Gemeinden nicht mehr alleine existieren.

Die Kirchgemeinde Wildberg hätte nach dem neuen Finanzausgleich viel weniger Geld zur Verfügung, um ihre Kirche zu pflegen.

Die Kirchgemeinde Wildberg hätte nach dem neuen Finanzausgleich viel weniger Geld zur Verfügung, um ihre Kirche zu pflegen. Bild: Moritz Hager

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Ruedi Morf schüttelt den Kopf. Der Finanzvorstand der reformierten Kirche Kyburg hat nachgerechnet, Grafiken und Tabellen erstellt und kommt zum Schluss: «Die Formeln, die dem neuen Finanzausgleich der Landeskirche zugrunde liegen, sind mangelhaft.» Sein Fazit: «Es ist kein Ausgleich, sondern lediglich eine Umverteilung der Gelder.» Morf ist Physiker. Und wenn ein Physiker ein System anschaue und schon im Voraus eine Instabilität voraussagen könne, «dann ist das dumm, wenn man es trotzdem einführt».

Am 2. Juli entscheidet die Synode über den Antrag des Kirchenrates. Bis anhin war es so, dass die Kirchgemeinden einen Antrag auf Finanzausgleich stellen konnten. Voraussetzung dafür war ein Steuerfuss von aktuell mindestens 14 Prozent. Ein Gremium hat die Leistungen nach dem sogenannten Defizitdeckungsverfahren bemessen. Das heisst, es hat die Differenz berechnet zwischen Steuererträgen und dem für den Betrieb benötigten Aufwand.

Computer statt Menschen

Neu soll der Finanzausgleich automatisiert werden. Ein Computerprogramm errechnet gemäss festgelegten Formeln den Betrag, der den Kirchgemeinden mit einem Steuerfuss von 14 Prozent oder mehr zusteht. Die Summe, die von den reicheren Gemeinden in den Ausgleichstopf fliesst, bleibt jedoch die gleiche: Es sind 4,2 Millionen Franken. Der Ausgleich bemisst sich an der Steuerkraft. Neben dem Steuerkraftzuschuss erhält eine Gemeinde ausserdem eine Entschädigung, einen sogenannten Ausstattungszuschuss, falls die Mittel pro Mitglied unter einer bestimmten Grenze liegen. Das Modell soll am 1. Januar 2020 in Kraft treten.

«Es ist dumm, wenn man das Modell trotzdem einführt.»Ruedi Morf, Finanzvorstand reformierte Kirchgemeinde Kyburg

Dieses führt laut dem Kyburger Finanzvorstand Ruedi Morf zu Situationen, die nicht nachvollziehbar sind. Einige Gemeinden würden viel weniger Geld erhalten. Andere aber würden überkompensiert. «Sie erhalten mehr als sie eigentlich benötigen.» Und einige, die Moment noch ohne Probleme über die Runden kommen, erhielten weniger als sie effektiv bräuchten.

Gemäss einer Modellrechnung der Reformierten Landeskirche, die auf den Zahlen aus dem Jahr 2017 basiert, würde in der Region Winterthur die Gemeinde Wildberg zu den grossen Verlierern gehören. Erhielt sie in den Jahren 2015 bis 2017 durchschnittlich 167000 Franken pro Jahr, so würde sie ab 2026, nach der definitiven Einführung, nur noch 9300 Franken erhalten. Kyburg erginge es ähnlich: Von ursprünglich 88000 Franken pro Jahr bekäme die Gemeinde neu nur noch 3100 Franken. Grosse Abstriche müssten auch Marthalen, das Flaachtal oder Turbenthal machen (siehe Tabelle).

Dättlikon gewinnt

Zu den Gewinnern würde etwa Ossingen gehören, das neu 130601 Franken statt 20000 Franken zugesprochen erhielte. Ossingen hat 800 Gemeindemitglieder, Kyburg gut 200. Die Gemeinden Flaachtal, Altikon-Thalheim-Ellikon und Bauma-Sternenberg bekämen ab 2027 gar noch weniger Geld als in der Tabelle angegeben. Dies, weil sie 2026 noch von einem Zusammenschlussbetrag profitieren. Einen solchen erhalten jene Gemeinden, die seit 2010 fusioniert haben oder dies bis 2026 noch vorhaben (Grafik). Um die Umstellung auf den neuen Finanzausgleich etwas abzufedern, soll er stufenweise über die nächsten sechs Jahre eingeführt werden.

«Der neue Finanzausgleich wird kleine Gemeinden sterben lassen.» Manuela Hugi, Präsidentin Kirchgemeinde Wildberg

Manuela Hugi, Präsidentin der Kirchgemeinde Wildberg, fürchtet sich um die Zukunft ihrer Gemeinde: «Der neue Finanzausgleich wird kleine Gemeinden sterben lassen.» Denn diese könnten nicht mehr eigenständig existieren. Die Formel, die dem Ausgleich zugrunde liege, sei zwar ausgeklügelt, aber keinesfalls sinnvoll.

So habe jede Kirchgemeinde fixe Auslagen wie etwa Gottesdienste, Religionsunterricht und den Unterhalt von Gebäuden. In Wildberg wie auch in Kyburg sind die gemeindeeigenen Gebäude denkmalgeschützt und im Unterhalt mindestens so aufwändig wie in anderen, grösseren, Gemeinden.

Alternatives Modell

Der Kyburger Kirchenpfleger Ruedi Morf schlägt deshalb ein Modell vor, bei dem zuerst der Grundbedarf einer Gemeinde berechnet wird. Wie viel also nötig ist, um die kirchlichen Aufgaben erfüllen zu können. «Und dann erst kann man eruieren, wie viel nach den Steuereinnahmen noch fehlt», sagt Morf.

Obwohl die Kirchgemeinde Dägerlen bei den Gewinnern anzusiedeln ist (sie erhält etwas weniger, aber immer noch 101000 Franken), sieht deren Präsident Alexander Flisch den Vorschlag Morfs als eine mögliche Alternative. «Ich würde es begrüssen, wenn die Landeskirche sein Modell anhören würde.» Das hat sie zwar getan, doch vor der Abstimmung am 2. Juli will der Kirchenrat, die Exekutive der Landeskirche, an seinem Antrag nichts mehr ändern. Das neue Modell sei sorgfältig erarbeitet worden, sagt Finanzvorsteherin und FDP-Kantonsrätin Katharina Kull. Es sei transparent, nachvollziehbar und einfach in der Handhabung. Und in der Vernehmlassung sei keine Anregung für einen grundsätzlich anderen Ansatz eingebracht worden.

Morf und Hugi hoffen nun, dass die Synode den Antrag des Kirchenrates ablehnt. «Und sonst müssten halt die guten Steuerzahler aus der Kirchgemeinde austreten», sagt Morf. Im Fall von Kyburg flössen dann 60000 statt nur 3000 Franken.

Erstellt: 11.06.2019, 18:16 Uhr

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