Industriekultur

Die letzte Reise der «Steckdosenlok»

Weil der Industriearchäologe Hans-Peter Bärtschi pensioniert wird, muss die Lok Ee2/2 die Stadt verlassen. Sie war die Attraktion auf Führungen durch das Lokdepot.

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Es war ein emotionaler Abschied. Am Montagmorgen wurde die Lok Ee2/2 von Winterthur nach Neuhausen am Rheinfall transportiert. 18 Jahre hatte sie auf dem Lokdepot zwischen den fünfzig Gleisen an der Lindstrasse gestanden und war fester Bestandteil der Führungen durch die historischen SBB-Gebäude. Der Industriearchäologe Hans-Peter Bärtschi hatte sie einst vom Museumsverein Neuhausen geschenkt bekommen. Sie wäre sonst auf dem Schrott gelandet. Die kleine Lokomotive war 1920 von der Schweizerischen Industriegesellschaft (SIG) und der Maschinenfabrik Oerlikon gebaut worden und sie hatte während gut 60 Jahren Material vom Fabrikareal der SIG in Neuhausen zum Bahnhof Neuhausen transportiert. «Steckdosenlok» wird die Ee2/2 auch liebevoll genannt, und zwar weil sie «nur» einen Tramantrieb mit 250 Volt hat. Zum Vergleich: Trolleybusse fahren heute mit 600 Volt. «Von der Fabrik zum Bahnhof ging es bergab, dort musste sie vor allem bremsen», sagt Bärtschi. «Deshalb hat der Tramantrieb gereicht.»

Es bleibt ein wenig Traurigkeit

Damit die Lok im Lokdepot wie in echt an der Fahrleitung hängen kann, hat Bärtschi diese wieder aufhängen lassen und bei den SBB erwirkt, dass die Masten dafür stehen bleiben. Ein bisschen wehmütig schaut er schon drein, während die kleine Lokomotive von einem 100-Tonnen-Pneukran von den Schienen und auf einen Tiefleger gehoben wird. Drei Toggenburger-Mitarbeiter haben die Ketten vorne und hinten sorgfältig um die 20 Tonnen schwere Lok gelegt. So sinkt sie sanft und präzis auf den Anhänger, ohne Schaden zu nehmen. «Es ist sicher die beste Lösung, die wir für sie gefunden haben», sagt Bärtschi, wie um sich selbst davon zu überzeugen.

Ein Ehrenplatz undein Facelift

Die Lokomotive kehrt zurück zum Museumsverein Neuhausen, der sie vor 18 Jahren an Bärtschi vermacht hatte. Neben einem «Ehrenplatz» wartet dort auch ein Facelift auf die alte Dame. Eine Lehrlingsgruppe der SIG wird sie renovieren.

Bärtschi selbst geht Ende Jahr in Pension, mit 68 Jahren. Sein Büro auf dem Lokdepot-Areal gibt er dann auf. «Jede Woche fülle ich den Container dort mit Papier», sagt er und zeigt auf einen gängigen Container auf Rädern an der Hausmauer. Genauso, wie es ihn beruhigt, dass die Ee2/2 in gute Hände kommt, ist er froh, dass seine 380 000 Fotos, Dokumente der Schweizer Industriekultur, sicher im Archiv der ETH versorgt sind.

Erstellt: 28.08.2017, 11:49 Uhr

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