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Die Schulgemeinden verschmähen die zusätzlichen Lehrerstellen

Seit bald zwei Jahren können Schulgemeinden zusätzliche Stellenprozente für Lehrer anfordern. Die Nachfrage ist aber schwach, obwohl Lehrkräfte Bedarf für Entlastung anmelden.

Der Zürcher Lehrerverband peilt weiterhin kleinere Klassen an, weil der aufgestockte Stellenpool nicht die gewünschte Wirkung entfaltet. Keystone
Der Zürcher Lehrerverband peilt weiterhin kleinere Klassen an, weil der aufgestockte Stellenpool nicht die gewünschte Wirkung entfaltet. Keystone
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Ende 2014 befürwortete das Volk im Kanton Zürich mit 53 Prozent Ja-Stimmen, dass der kantonale Stellenpool für grosse und schwierige Klassen um 100 auf 260 Stellen aufgestockt wird. Die Kosten bezifferte der Kanton auf 15 Millionen Franken. Das ist wenig im Vergleich zur Klassengrösseninitiative der Lehrer, die mit 120 Millionen Franken zu Buche geschlagen hätte. Die Initiative verlangte, dass die maximale Klassengrösse 20 Schüler nicht übersteigt. Das Volk lehnte sie ab und gab dem Gegenvorschlag mit dem Stellenpool den Vorzug.Die 100 zusätzlichen Stellen stehen seit Anfang 2016 zur Verfügung. Das Angebot ist bisher aber bei weitem nicht ausgeschöpft worden. Von den maximal vorhandenen 260 Stellen sind bis Ende Oktober nur deren 178 vergeben worden. Im Juli waren es noch 172. Diese Zahlen hat das Volksschulamt auf Anfrage bekannt gegeben.

«Das ist sehr ärgerlich», kommentiert Christian Hugi die Situation. Ärgerlich findet dies der Präsident des kantonalen Lehrerverbandes, weil die Belastung der Lehrer durch fremdsprachige oder verhaltensauffällige Kinder seit der Abstimmung nicht kleiner geworden ist. Das spüre er in der eigenen Berufspraxis als Lehrer in Zürich. «Von Eltern und Kollegen erhalte ich ebenfalls die Rückmeldung, dass mehr zusätzliche Stellenprozente dringend nötig wären.» Hugi vermutet, dass die Schulgemeinden jeweils auf die Bremse treten, wenn es darum geht, zusätzliche Stellenprozente beim Kanton zu beantragen. Sie bezahlen 80 Prozent an die Lehrerlöhne, der Kanton nur 20 Prozent.

Kanton nicht restriktiv

Beim kantonalen Volksschulamt kennt man die Gründe der geringen Nachfrage nicht im Detail. Über die bewilligten oder abgelehnten Gesuche werde keine Statistik geführt, heisst es auf Anfrage. Marion Völger, Chefin des Volksschulamtes, vermutet ebenfalls, dass die Kostenfrage die Gemeinden bremst. Der Kanton hingegen betreibe keine restriktive Bewilligungspolitik. «Es gibt klare Kriterien für die Stellenvergabe. Sind diese erfüllt, erhalten die Gemeinden die Stellenprozente.» Da das Volk der Aufstockung zugestimmt habe, stehe der Kanton hier nicht unter besonderem Spardruck. «Aber wir müssen darauf achten, dass wir alle Gesuche nach denselben Massstäben beurteilen», sagt Völger.

Nebst der finanziellen Zurückhaltung der Gemeinden nennt sie noch andere mögliche Gründe für die schwache Nachfrage. Dazu zählen etwa organisatorische Verbesserungen. Bereits bei der regulären Zuteilung der Lehrerstellen Anfang Jahr könne absehbaren Spitzenbelastungen in Schulzimmern Rechnung getragen werden. Auch die Möglichkeit der Gemeinden, Klassenassistenten einzusetzen, dämpfe die Nachfrage. Klassenassistenten sind in der Regel pädagogische Laien – beispielsweise Eltern oder Studenten –, die den Lehrkräften im Unterricht zur Seite stehen. Die Gemeinden müssen sie aber alleine finanzieren. Seit Anfang 2016 sind an Schulen auch Einsätze von Zivildienstleistenden möglich.

Zu wenig bekannter Pool?

Sara Knüsel bestätigt Völgers Einschätzung. Die Präsidentin des Verbandes der Schulleiter im Kanton Zürich sagt: «Mit einer besseren Organisation bei der Zuteilung der Lehrerstellen lassen sich erfahrungsgemäss 80 bis 90 Prozent der Engpässe lösen.» Dass die Gemeinden aus Kostengründen zögern, bevor sie beim Kanton mehr Stellen beantragen, treffe zwar zu. Sie wertet es aber als gutes Zeichen für kostenbewusstes Verhalten. «Den Pool nur auszuschöpfen, damit er ausgeschöpft ist, macht keinen Sinn», sagt sie. «Der Pool ist wahrscheinlich auch noch zu wenig bekannt», vermutet Knüsel, die selber als Schulleiterin im Flaachtal arbeitet.

Entpuppt sich die damals heftig umstrittene Aufstockung des Stellenpools angesichts der schwachen Nachfrage als unnötig? Knüsel verneint: «Für schwierige Klassensituationen, die nicht planbar sind, ist der Pool sehr wichtig.» Nicht immer voraussehbar sind beispielsweise Neuzuzüge oder Rückkehrer aus Gymnasien. Auch die Chefin des Volksschulamtes mag die zusätzlichen Stellen nicht als überflüssiges Angebot taxieren. «Dass es diese Möglichkeit gibt, entlastet Schulen, die in einen Engpass geraten.» Die Regierung hatte sich im Abstimmungskampf sowohl gegen den Stellenpool als auch die Klassengrösseninitiative ausgesprochen.

Ziel: Kleinere Klassen

Der Präsident des Lehrerverbandes sieht sich darin bestätigt, dass der Stellenpool nicht ausreicht, um die steigenden Belastung der Lehrpersonen aufzufangen. «Die Klassengrösseninitiative wäre die richtige Antwort gewesen», sagt er. Und: «Wir werden unsere Mitglieder nun vorerst dazu aufrufen, mehr Unterstützung aus dem Stellenpool einzufordern, damit diese wie versprochen in den Klassenzimmer ankommt.» Kleinere Klassen bleiben laut Hugi aber das Verbandsziel. Diese Forderung habe durch neuere Untersuchungen noch an Brisanz gewonnen.

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