Winterthur

«Das Gesundheitswesen könnte mehr profitieren von unseren Absolventen»

Das Departement Gesundheit der ZHAW wird zehn Jahre alt. Doch nur zum Feiern ist Heidi Longerich, der stellvertretenden Direktorin, nicht zumute.

Blick in die Kantine beim Departement Gesundheit der ZHAW.

Blick in die Kantine beim Departement Gesundheit der ZHAW. Bild: Marc Dahinden

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Die Akademisierung der Gesundheitsberufe in den letzten zehn Jahren hat vieles verändert, auch den Sprachgebrauch. So ist es heute verpönt, Krankenschwester zu sagen. Warum eigentlich?
Heidi Longerich: Zunächst einmal, weil es dafür keinen Titelschutz gibt: Krankenschwester kann sich jeder nennen, der etwas mit Patienten zu tun hat. Pflegefachpersonen dagegen sind die Leute, die ein entsprechendes Diplom haben – und nur die. Die Professionalisierung der Berufsfelder schwingt in den Bezeichnungen mit. Und nicht zu Letzt schliesst der Begriff Pflegefachperson ein, dass auch Männer diesen Beruf ergreifen.

Wenn Sie zurückblicken, was hat die Ansiedlung der Berufe an den Fachhochschulen gebracht?
Ich glaube, wir haben selbstbewusstere Frauen und auch einige Männer rekrutieren können, die sich klar für ihren Beruf entschieden haben. Es sind Leute, die einen engen Kontakt zum Patienten wollen, wie ihn ein Medizinstudium später nicht unbedingt bietet. Wir mussten in den zehn Jahren auch viel Bewusstseinsbildung machen. Also erklären, dass die Tatsache, dass man eine Hochschulausbildung macht, nicht bedeutet, dass man nicht ebenso fürs Patientenbett ausgebildet ist.

Hat die Schweiz in der Pflege, in der Physio- und Ergotherapie und in der Geburtshilfe heute besseres medizinische Personal?
Das würde ich sagen, aber unter dem Vorbehalt, dass wir die kritische Grösse noch nicht erreicht haben. Vor allem in der Pflege noch nicht, wo es noch viele verschiedene Ausbildungen gibt. Was man auch festhalten kann: In der Westschweiz, wo es nur den Weg über eine Hochschule gibt, sieht es besser aus als in der Deutschschweiz. Alle, die dort in den letzten zehn Jahren in die Pflege kamen, haben einen Bachelor.

Drückt die Verschiebung der Ausbildung an die Hochschulen nicht auf das Interesse?
Im Gegenteil. Die Fachhochschulen haben einen immensen Zulauf, sodass sie gar nicht alle Bewerber nehmen können. Für die Gesundheitsberufe gibt es eine Zulassungsbeschränkung, wie sonst nur für ganz wenige Berufe. Und das, obwohl wir wissen, dass wir zu wenig Berufsangehörige im Pflegebereich, in der Geburtshilfe und den Therapieberufen haben.

Die Politik ist auf dem Holzweg.
Ich meine schon. In der Politik dominiert die Idee, wenn man genügend Leute hat, die genügend Hände haben, dann gibt es keinen Notstand. Man hat nicht realisiert, dass es gescheiter ist, Leute im System zu haben, die anders, sprich kompetenter an Probleme herangehen. Unsere Absolventinnen sind ein Gewinn für die Qualität. Es gibt Studien, die zeigen, dass die Mortalität in einem Spital sinkt, je mehr Bachelor-Absolventen dort arbeiten. Das Schweizer Gesundheitswesen könnte als mehr profitieren von den Fachhochschul-Absolventen.

Gerade in der Pflege braucht es doch nicht für alles einen Hochschulabschluss, etwa um ein Laken zu wechseln oder das Frühstück zu servieren.
Untersuchungen zeigen aber, dass dort wo man viele kritische Kranke hat – etwa im Universitätsspital oder in gewissen Abteilungen des KSW – eine Mischung oder Stufung der Qualifikationen mehr Nachteile als Vorteile bringt. Zu gewährleisten, dass man in jeder Schicht aus jeder Qualifikationsgruppe Personal hat, kommt teuerer, als wenn man nur hochkompetente Leute hat. Das trifft aber nicht auf alle Abteilungen gleichermassen zu.

Es braucht also nicht jede in der Pflege ein Hochschuldiplom?
Nein, aber es würde etwas bringen, wenn wir mehr gut qualifiziertes Personal hätten. Heute ist es im Spital so, dass wenn man den Rufknopf drückt, die am schlechtesten qualifizierte Person vorbeischaut. Ist es etwas Schlimmes, muss sie erst jemand anderen holen. Das kostet wertvolle Zeit. In den USA und in Kanada haben die Spitäler nur noch Personal mit Bachelor, und pro diplomierte Mitarbeiterin gibt es nur vier bis fünf Patienten. In der Schweiz fehlen solche Qualitätsstandards für Spitäler.

Die Bachelorabschlüsse schlagen sich in den Kosten, also auch in den Löhnen nieder. Was halten Sie vom Lohngefüge?
Der Unterschied zwischen einer Absolventin einer höheren Fachschule und der einer Fachhochschule liegt bei etwa 500 Franken im Monat. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Unterschied grösser sein muss, es geht darum, den Unterschied in der Ausbildung zu anerkennen. Ausserdem muss man honorieren, was die Leute für eine Funktion haben. Das ist in einigen Kantonen schon so, im Kanton Zürich aber noch nicht umgesetzt.

Der kürzlich in den Ruhestand getretene Direktor Ihres Departements warf die Idee eines Bachelor-Medizinstudiums auf Fachhochschulstufe auf. Ist das die Zukunft der Medizin, eine Abstufung von Kompetenzen und grössere Arbeitsteilung?
Vorwegnehmen möchte ich: Die ZHAW verfolgt die Idee eines solchen Medizinstudiums auf Fachhochschulstufe nicht. Eine solche Arbeitsteilung ist aber eine Tendenz, die man ins Auge fassen kann. Wenn man sich auf die Seite das Patienten stellt, muss man dem aber entgegen halten, dass die Arbeitsteilung dann auch beim Patienten grösser wird. Der Patient wird also noch mehr medizinisches Personal bei sich aufkreuzen sehen. Ich habe da meine Vorbehalte. Irgendwann wird man jemanden brauchen, der einem hilft, sich im medizinischen System noch zurechtzufinden. Aber ich glaube, dass es gescheit ist, die Leute, die eine gute Ausbildung haben, die Arbeit machen zu lassen, für die sie qualifiziert sind, und sie nicht zurückzubindet.

Sie meinen, Ihre Fachhochschulabsolventinnen sollten grössere Handlungsspielräume erhalten.
Dort, wo das geht, ja. Es gibt zum Beispiel ein neues Projekt, in dem Masterstudierende in Arztpraxen arbeiten und dort Patienten in der Nachbetreuung übernehmen, sodass sich der Arzt schneller neuen Patienten zuwenden kann. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von der «Advanced Practice Nurse». Mit dem Projekt will man herausfinden, ob ein solches Modell Kosten spart, ob es zur Zufriedenheit der Patienten beiträgt und ob weniger Leute hospitalisiert werden müssen.

Erstellt: 30.06.2016, 11:56 Uhr

Heidi Longerich, stellvertretende Direktorin des Departements Gesundheit der ZHAW (Bild: ZHAW)

Infobox

Das Departement Gesundheit der ZHAW feiert am Samstag, 2. Juli, sein zehnjähriges Bestehen mit einem Tag der offenen Tür im Gebäude an der Technikumstrasse 71 (von 11.00 bis 16.00 Uhr). Zum Programm gehören unter anderem ein Parcours, um die eigene Beweglichkeit zu testen, ein Improvisationstheater mit Szenen aus dem Therapiealltag - und eine Führung durch das Innere des Gebäudes. Für alle angebotenen Studienrichtungen – Pflege, Physio- und Ergotherapie, Hebamme, Gesundheitswissenschaften– gibt es eine Laufbahnberatung. Auch eine Kinderecke, ein Streetfood-Markt und ein Wettbewerb finden sich zudem im Programm. Alle Infos auf: www.zhaw.ch

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