Fotografie

Ein Bierbrauer, ein Bier, ein Bild

Der Winterthurer Fotograf Stefan Schaufelberger porträtiert die besten Brauer der europäischen Craft-Bier-Szene. Der Clou: Er entwickelt den Film dazu in ihrem eigenen Bier.

Er hat dem ausgelaugten Begriff Bieridee wieder eine Bedeutung eingehaucht: Fotograf Stefan Schaufelberger, hier im Salzhaus, wo sich sein Atelier befindet, hat Grössen der Craft-Bier-Szene fotografiert. Als Entwicklerflüssigkeit diente ihm ihr eigenes Bier. (Drei Bilder aus der Serie siehe unten.)

Er hat dem ausgelaugten Begriff Bieridee wieder eine Bedeutung eingehaucht: Fotograf Stefan Schaufelberger, hier im Salzhaus, wo sich sein Atelier befindet, hat Grössen der Craft-Bier-Szene fotografiert. Als Entwicklerflüssigkeit diente ihm ihr eigenes Bier. (Drei Bilder aus der Serie siehe unten.) Bild: Madeleine Schoder

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Über das Gesicht von Agostino Arioli, Chefbrauer und Besitzer der italienischen Brauerei Birrificio, laufen kleine Lichtpunkte, als hätte er eine Milchstrasse im Gesicht. Über jenes von Christian Hans Müller, Chefbrauer bei Hanscraft in Deutschland, tänzeln mysteriöse grüne Streifen.

Beide Bilder sind das Werk von Stefan Schaufelberger (33). Der Winterthurer Fotograf hat in den letzten zwei Jahren die Aushängeschilder der internationalen Craft-Bier-Szene aufgesucht und fotografiert. «Ein Bierbrauer, ein Bier, ein Bild» lautet die Formel seines Projekts, das mit «The Face of Beer» einen gewollt doppeldeutigen Namen hat.

«Ich habe pro Person zwei Filme, das sind zweimal zwölf Schuss, und zwei Chancen, das Ergebnis zu entwickeln.»Stefan Schaufelberger, Fotograf

Schaufelberger fotografiert nämlich nicht nur die Brauer, er entwickelt den Film auch in deren Bier, mit je eigenen visuellen Effekten. Brauer und Bier, beide zeigen gleichzeitig ihr Gesicht.

Ein bierseliger Film

Der Prozess sei im Prinzip recht konventionell, sagt Schaufelberger, ausser dass er die Entwicklerflüssigkeit eben durch Bier ersetze und den entwickelten Film digitalisiere. Bis das Verfahren funktionierte, musste er allerdings lange pröbeln. «Die ersten Versuche ­waren furchtbar», sagt er.

Josef Rizmeyer, Inhaber und Chefbrauer bei Rizmeyer in Budapest. Für die Entwicklung verwendetes Bier: Maibock. Stefan Schaufelberger

Der Durchbruch gelang im Frühling 2015 mit einem Schwarz-Weiss-Film, der sich als besonders bierselig herausstellte. Seither hat das Projekt Fahrt aufgenommen. Schaufelberger reiste nach Deutschland, Ungarn, Italien, Belgien, Frankreich, Schweden, Dänemark, Norwegen, in die Niederlande und – ausnahmsweise – auch in die USA. 56 Porträts von ebenso vielen Brauern – re­spektive auch zwei Brauerinnen – sind seither entstanden. Eines fehlt noch bis zum Abschluss der Serie: der Kopf der holländischen Brauerei De Molen – für den Winterthurer Fotografen und Bier­enthu­siasten ein Muss.

Schaufelberger fotografiert die Brauer in ihrem Arbeitsumfeld vor einem möglichst neutralen Hintergrund. Das Setting ist so identisch wie in der Praxis möglich. «Ich habe pro Person zwei Filme, das sind zweimal zwölf Schuss, und zwei Chancen, das Ergebnis zu entwickeln», erzählt er. «Es ist alles in der neuen Sachlichkeit verankert, das heisst sehr strikt, sehr gleich fotografiert.» Die Identität des Brauers und der Effekt des Bieres sollen im Vergleich der Bilder sichtbar werden.

Agostino Arioli, Inhaber und Chefbrauer bei Birrificio Italiano. Für die Filmentwicklung verwendetes Bier: Tipopils. Stefan Schaufelberger

Als Entwickler wählt er jeweils das Bier des Brauers, das für diesen typisch ist – «das Bier, das er zu einem Abendessen trinkt». «Du wirst nie einen Brauer finden, der sagt: ‹Das ist mein Lieblingsbier›», sagt Schaufelberger. Er selbst hält es nicht anders. Er bevorzuge saure Biere, sagt er. Ein Lieblingsbier hat er nicht.

Weil Wein zu teuer war

Er habe generell ein Interesse am Geschmack, sagt Schaufelberger. Aufs Bier sei er gekommen, weil er sich den Wein, den er trinken wollte, nicht leisten konnte. Die Idee für seine Porträtserie wuchs organisch aus einem Vorgängerprojekt, bei dem es auch darum ging, Geschmäcker sichtbar zu machen. Er habe zuerst einfach über das Thema Bier nach­gedacht, erst später hatte er die Idee, es im Prozess einzusetzen. «Es hat einen Moment gedauert, bis ich eins und eins zusammengezählt hatte.»

«Du wirst nie einen Brauer finden, der sagt: ‹Das ist mein Lieblingsbier.›»Stefan Schaufelberger, Fotograf

Das Projekt hat Schaufelberger, der als Fotograf für Werbeagenturen und Banken arbeitet, aus der eigenen Tasche finanziert. Aufwendig waren vor allem die vielen Reisen, die er fast alle mit seinem Auto zurücklegte, «dooferweise», wie er sagt. Viel Zeit vor Ort sei ihm jeweils nicht geblieben. «Alles war sehr eng getaktet.» Natürlich sei er mit den Bierbrauern manchmal auch um die Häuser gezogen, sagt er – die Details behält er für sich. Auch wenn es um Bier geht: Schaufelberger betreibt sein Projekt mit einer grossen Ernsthaftigkeit.

Christian Hans Müller, Inhaber und Chefbrauer bei Hanscraft. Für die Filmentwicklung verwendetes Bier: Mahoni Marina. Stefan Schaufelberger

Mit dem Abschluss seiner Por­trätserie wendet er sich nun auch der Vermarktung zu, die bisher etwas zu kurz gekommen ist. Die meisten Bilder seien noch zu haben, sagt er. Je drei Stück von jedem Porträt gibt es im Originalformat (1,06 mal 1,06 Meter, auf Aluminium aufgezogen, zum Preis von 1600 Franken), dazu 25 günstige, kleinformatige Abzüge.

Eine Tournee durch Europa

Auch ein Buch sei in Diskussion, sagt Schaufelberger. Und er plant eine Europatournee. In Lau­sanne, Berlin, Leipzig, Budapest und Winterthur hat er seine Bilder schon gezeigt. Jetzt sollen weitere Lokalitäten dazukommen. Nicht Galerien, sondern Orte, die mit der Kultur rund ums Craft-Bier in Verbindung stehen. Weisse Galeriewände würden ohne­hin nicht zu seinem Projekt passen, sagt Schaufelberger. «Es ist eine ziemlich rohe Arbeit, die Erfahrung ist echter, wenn man sie in Offspaces zeigt.»

Bereits hat der Winterthurer auch ein neues Projekt im Sinn. Er würde das Verfahren gerne für Wein adaptieren, sagt er. «Die Verbindung von Individualität, Tradition und Terroir könnte spannend werden.»

Erstellt: 08.06.2017, 08:32 Uhr

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