Circus Knie

Ein Gast mit Wallungen, ein Hauch Erotik und ein Kamel mit Föhnfrisur

Wenn sich Lamas verbeugen, Akrobaten verbiegen und ein vermeintlicher VIP-Gast auf einem Kamel durch die Manege galoppiert, feiert der Circus Knie Premiere. Der Auftakt der 100. Tournee sorgte für staunende Gesichter – wenn auch das technische Highlight ausblieb.

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Gratis Zuckerwatte! Dafür, und eigentlich nur dafür, hat sie sich ins Zirkuszelt aufgemacht. Aber dann – schwupps – findet sie sich plötzlich mitten in der Manege wieder. Und erst noch im Glitzerröckli! Das Outfit klemmt und kneift und ist so gar nicht nach dem Geschmack von Helga Schneider. «Wie eine Seekuh im Taucheranzug», fühle sie sich, «wie eine Zwetschge im Speckmantel». In diesem «Turngwändli» werde sie ganz bestimmt nicht rumhüpfen. Hitzewallungen bekomme sie da, «aber weisch wie!»

Er ist erfrischend, der Auftritt der selbsternannten Queen of Comedy Regula Esposito als Helga Schneider. Sie strauchelt mit ihren hohen Hacken ins Sägemehl, klagt übers Älterwerden und die Wechseljahre und darf sich schliesslich aus der Garderobe von Mary-José Knie etwas Hübsches aussuchen. Etwas, das ihrem Alter – «überall lampets fängs!» – mehr entspricht.

Der Circus Knie überrascht mit frechem Programm und begeistert das Rapperswiler Publikum. Video: David Gonzalez/CA-Media.

Kollege Mundgeruch

Die 53-Jährige Comedienne ist der rote Faden und heimliche Star des neuen Knie-Programmes «Formidable». An der Generalprobe am Donnerstag in Rapperswil zeigt sich: Die Chemie zwischen der Kunstfigur Helga Schneider und ihrem Gspänli, dem sabbernden Kamel mit Mundgeruch, stimmt von Anfang an – und das nicht nur wegen der verblüffend ähnlichen Föhnfrisur der beiden.

Die quirlige Helga Schneider präsentiert gradlinigen Stammtisch-Humor und serviert freche Sprüche über Intimrasur, Brust-Operationen und überteuerte Gesichtscrèmes. Wann immer sie zwischen den Nummern wieder schnatternd-schimpfend irgendwo auftaucht: Den Applaus des Publikums hat sie auf sicher. Selbst, oder gerade weil sie zuweilen nur einen Bademantel trägt. Der zweite Comedy-Künstler des Programms, «Messerwerfer» Coperlin, kann der Frau mit dem auftoupierten Haar kaum das Wasser reichen.

Der Mann in der Box

Doch auch nebst der Ulknudel Helga Schneider hat das neue Knie-Programm einiges zu bieten. Da ist zum Beispiel der adrette Kontorsionist Alexandr Batuev. Im «Agenten-Look» in Anzug und Sonnenbrille verdreht er seinen Körper mühelos, lässt Kopf und Füsse scheinbar ihre Plätze tauschen und presst sich charmant lächelnd in eine Box, kaum grösser als ein Umzugskarton. Sogar den Deckel eigenhändig zuzuschliessen, schafft er mit Links. Wie er da wieder unbeschadet rausfindet, fragen sich die Zuschauer im Chapiteau.

Apropos Chapiteau: Das neue Zelt-Konstrukt mit Rundbogen hält, was es verspricht: Freie Sicht in die Manege, ein direkter Ausblick auf die Tiere und die 38 Artisten aus 11 Nationen. Über störende Masten, die das Mitverfolgen der waghalsigen Sprünge – zum Beispiel der Fratelli Errani – verhindern, kann sich keiner beschweren.

Ein Abend der Tradition hat: So sah die Circus Knie-Premiere im Jahr 1966 aus. Quelle: SRF Archiv.

Tanz der fliegenden Lichter

Auf das gross angepriesene Highlight des neuen Programms müssen sich die Zirkusfreunde bis nach der Pause gedulden. Die Zirkusnummer mit 32 fliegenden Mini-Drohnen von Franco Knie jun., seiner Frau Linna sowie Sohn Chris Rui versprach, Technik mit Tradition zu vereinen. Der Tanz der Flugroboter entpuppt sich allerdings als weitaus weniger spektakulär als angepriesen. Zwar richten sich alle Blicke nach oben, als wie per Knopfdruck ein Schwarm kleiner Glühwürmchen auftaucht. Der grosse Wow-Effekt bleibt allerdings aus. Zu mächtig scheint die Zirkuskuppel für die winzigen Lichtlein – ja, die Dunkelheit im Chapiteau scheint sie beinahe zu verschlucken. Während die Drohnen leise umhersurren, verbiegt Linna Knie-Sun sich über dem Kopf von Franco Knie jun. zum Spagat, musikalisch begleitet von Chris Rui auf dem Piano.

Knies jüngste Generation steht diesmal auch mit der 7-jährigen Chanel Marie im Rampenlicht. Sie steht mit einer eigenen Freiheitsdressur in der Manege. Ihre Gefährten sind allerdings nicht Pferde, wie man es von ihren Eltern Géraldine Knie und Maycol Errani kennt. Vielmehr stolziert sie mit zwei Lamas herein. Gekonnt lässt sie die Paarhufer mit dem stets etwas dümmlichen Gesichtsausdruck im Kreis galoppieren und rückwärtslaufen. Selbst wenn die eigenwilligen Tiere aufmucken und lieber mit den Fotografen in der ersten Reihe schäkern wollen: Macht nichts. Dann bugsiert die kleine Chanel Marie sie halt energisch zurück.

Auch mit dem Sich-Verbeugen der Lamas klappt es nicht auf Anhieb. Ein kräftiger Zug am Strick – dann legt auch der aufmüpfigere der zotteligen Genossen seinen Kopf nieder. Geschafft! Wie sich Chanel Marie am Ende ihrer Nummer verneigt, das lange Haar im Sägemehl, sorgt im Publikum für mindestens so viel Entzücken.

Auch ihr Bruder Ivan Frédéric erhält für seine Pferdedressur viel Applaus. Hoch erhobenen Hauptes sitzt er auf dem schwarzen Friesen, umkreist von anmutigen Schimmeln, in blaues Licht getaucht.

Zwischen Luft und Wasser

Eine Prise Erotik bieten bei «Formidable» übrigens gleich mehrere Akrobaten. Die Engländerin Laura Miller taucht in Wasser ein, um kurz danach mit triefenden Haaren einen Sprühregen durchs Zelt zu wirbeln. Die Russinnen der Skokov Troupe fliegen in in feenhaften Kleidern umher, und das Duo «2-Zen-O» – er ein Kraftpaket, sie eine grazile Schönheit – schmiegen sich in luftiger Höhe zärtlich und einem Liebespaar gleich aneinander. Da dürfte nicht nur bei Helga Schneider das Blut in Wallung geraten. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 15.03.2018, 21:33 Uhr

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