Zürich

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen bei der FDP

Am Donnerstagabend nominiert die kantonale FDP ihren Regierungsratskandidaten. Wer von den drei Bewerbern das Rennen macht, ist nach der Roadshow offener als zuvor.

<b>Die drei Bewerber</b><b></b> für die Nomination an der FDP-Delegiertenversammlung: Martin Farner, Jörg Kündig, Thomas Vogel.

Die drei Bewerber für die Nomination an der FDP-Delegiertenversammlung: Martin Farner, Jörg Kündig, Thomas Vogel. Bild: pd

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Martin Farner, Jürg Kündig oder Thomas Vogel: Einen dieser drei Bewerber werden die rund 200 FDP-Delegierten am Donnerstagabend ins Rennen schicken. Die kantonale FDP will mit dem Auserwählten den frei werdenden Regierungssitz von Thomas Heiniger verteidigen.

Der Entscheid der Delegierten bedeutet für den Nominierten viel: Dieser erhält sozusagen das Eintrittsbillet in den Regierungsrat – sofern er im Wahlkampf nicht alles vermasselt. Der FDP-Sitz ist nämlich weitgehend unbestritten. Und von der schwachen politischen Konkurrenz droht keine ernsthafte Gefahr.

Kommt dazu, dass bei den Wählern keiner der drei Bewerber heftige Abwehrreflexe auslöst. Wie präsentiert sich die parteiinterne Ausgangslage kurze Zeit vor der Nomination? Nach Gesprächen mit zählreichen FDP-Delegierten lassen sich fünf Schlussfolgerungen ziehen:

1. Es gibt keinen klaren Favo­riten:«Alle drei Kandidaten sind hervorragend und haben das Zeug zum Regierungsrat.» So oder ähnlich antworten fast alle, wenn man sie auf ihre Präferenzen anspricht. Outen wollen sich nur die Wenigsten (siehe Punkt 5).

Eine Mehrheit der Befragten ist aber der Meinung, dass die Roadshow die Ausgangslage verändert hat. Die FDP schickte ihr Kandidatentrio auf eine interne Vorstellungstour quer durch den Kanton. Zuvor war Vogel aufgrund seiner Funktion als Fraktionschef und seiner politischen Biografie in der Favoritenrolle.

Vor vier Jahren unterlag er intern nur knapp der damals gewählten Regierungsrätin Carmen Walker Späh und wurde auf später vertröstet. Jetzt wäre ein passender Zeitpunkt, das Versprechen – das es so explizit natürlich nicht gab – einzulösen.

Die Roadshow hat nun aber den beiden anderen Kandidaten, Martin Farner und Jörg Kündig, die Gelegenheit geboten, sich bei den Delegierten aller Bezirke ins beste Licht zu rücken. Diese Chance haben sie geschickt wahrgenommen. Vor allem Kündig konnte hier aufholen. Mit dem Resultat, dass Vogel etwas an Vorsprung verloren hat. Die Mehrheit der befragten Delegierten vermutet deshalb, dass es am Donnerstag ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Vogel und Kündig geben wird.

2. Die Meinungen der Delegierten sind grösstenteils bereits gemacht. Fast alle Befragten geben zu Protokoll, dass sie einen persönlichen Favoriten haben, wollen aber aus verschiedenen Gründen keine Namen nennen. Die geplante Vorstellungsrunde an der Versammlung samt der anschliessenden Diskussion dürfte also nicht mehr viel bewirken.

Die Abstimmung wird voraussichtlich geheim stattfinden, jedenfalls beantragt dies die Parteileitung. Einige Delegierte sagten im Gespräch, die Roadshows hätten bei ihnen keinen Meinungsumschwung bewirkt, sondern nur die schon vorher gefassten Präferenzen gefestigt.

3. Jeder der drei Kandidaten hat seinen «Fanbezirk». Hinter Thomas Vogel aus Illnau-Effretikon stehen die Delegierten des Bezirks Pfäffikon, wie Bezirkspräsident Andreas Juchli bestätigt. Vogel habe das beste Rüstzeug, sei ein Chrampfer und bringe trotz seines jugendlichen Alters viel Führungserfahrung (vom Bezirksgericht Zürich) mit. Zudem kenne er den Politbetrieb durch und durch. «Wir im Bezirk haben gute Erfahrungen mit Thomas Vogel gemacht und stehen deshalb zu 100 Prozent hinter ihm.» Die zuweilen gehörte leise Kritik, Vogel sei ein Staatsangestellter, sticht für Juchli nicht: «Er ist alles andere als beamtenhaft.»

Der Fanbezirk von Martin Farner, Gemeindepräsident in Oberstammheim, ist Andelfingen. Bezirksparteipräsidentin Linda Mathis ist voll des Lobes für Farner: «Er ist überdurchschnittlich engagiert, handelt überlegt und vertritt das Gewerbe und die KMU wie kein anderer.» Durch seine Verbandsmandate (Hauseigentümer und Gemeindepräsidenten) sei er bestens vernetzt und könne auf viel politische Erfahrung zurückgreifen. Mathis sagt, sie und andere Farner-Fans aus dem Bezirk hätten für ihn Mund-Propaganda gemacht.

Jörg Kündig, Gemeindepräsident von Gossau, weiss die FDP Bezirk Hinwil hinter sich: Bezirksparteipräsident Markus Grunder hält Kündig aufgrund seines «grossen Wissens» und seiner «40-jährigen Politerfahrung» für den Besten von allen drei. Führungserfahrung habe sich Kündig beim Militär, als Spital-Verwaltungsratspräsident und als Präsident der Gemeindepräsidenten erworben. Grunder hat zusammen mit Gleichgesinnten aktiv Werbung gemacht für seinen Favoriten.

So verschickte er eine Wahlempfehlung mit Kündigs Konterfei an die Adresse verschiedener Ortsparteien im Bezirk. Diese Aktion ist von andern Delegierten teils wohlwollend, teils stirnrunzelnd registriert worden. Die Roadshow habe eine hinreichende Plattform geboten, findet ein Bezirksparteipräsident, dem die Aktion zu Ohren gekommen ist.

4. Die Wahl wird von den Delegierten der grossen Bezirke entschieden. Zu diesen gehören die Stadt Zürich, die beiden Zürichseebezirke sowie der Bezirk Winterthur. Die Delegierten dieser vier Bezirke bringen bei voller Präsenz zwei Fünftel der Stimmen auf die Waage. Demgegenüber sind die drei «Fanbezirke» eher schwach bestückt.

Andelfingen stellt nur gerade zwei Delegierte, Pfäffikon acht und Hinwil deren zwölf. Die schwächste Hausmacht hat so gesehen Farner. Dies konnte er aber auf der Roadshow wettmachen mit einem guten Eindruck etwa im grossen Nachbarbezirk Winterthur. Dieselbe Chance hatte allerdings auch Vogel, der in der Nachbarschaft von Winterthur wohnt. Sein urbaneres Image gegenüber den Konkurrenten könnte ihm zudem bei den grossen Stadtbezirken hilfreich sein.

5. Nur wenige Delegierte aus Nicht-Fanbezirken bekennen sich im Vorfeld zu einem Kandidaten. Ein paar Mutige tun es aber, wenn auch immer mit der obligaten Vorbemerkung, alle drei seien Top-Kandidaten. Zu den Couragierten gehört Mario Senn, Präsident der Bezirkspartei Horgen. Er spricht sich für Vogel aus: «Mich beeindruckt, wie er die Fraktion führt und zusammenhält.» Dies sei keine einfache Sache. «Das möchte ich honorieren.»

Der Bülacher Bezirksparteipräsident Jean-Luc Cornaz hingegen bricht eine Lanze für Martin Farner: «Farner ist Unternehmer. Er vertritt für mich daher die freisinnigen Werte am Besten.» Auch das Thema Schutz des Eigentum sei bei Farner gut aufgehoben. Vogel sei aber wohl besser vernetzt als alle andern, vermutet Cornaz.

Marc Thalmann, Vizepräsident der Bezirkspartei Uster, benennt immerhin seine beiden Favoriten: Vogel oder Kündig. «Ich habe mich noch nicht entschieden, wem ich die Stimme gebe», sagt er. In seiner Funktion als Präsident der Stadtpartei Uster hat er eine Konsultativumfrage gemacht bei rund 160 Parteimitgliedern der Stadt Uster – als Fingerzeig für die Delegierten, die aber frei entscheiden können.

Resultat: Zwei Drittel der rund 50 Antwortenden bevorzugten demnach Vogel, ein Drittel Kündig. Farner erhielt vereinzelt Stimmen.

Erstellt: 03.10.2018, 16:10 Uhr

Infobox

Die drei Bewerber

Martin Farner ist 55-jährig und wohnt in Oberstammheim. Seit 1997 ist er Gemeindepräsident und seit 2008 Kantonsrat. Farner ist Agrarunternehmer. Seine Firma heisst Farner’s GmbH mit Sitz in Oberstammheim. Sie vermarktet unter anderem Aprikosen, Kernobst und Beeren aus dem Wallis. Daneben präsidiert Farner den Hauseigentümerverband Winterthur/Weinland und sitzt in diversen Verwaltungsräten.

Jörg Kündig ist 58-jährig. Er ist seit 2002 Gemeindepräsident in Gossau und seit 2007 Kantonsrat. Seit 2014 präsidiert er den Verband der Gemeindepräsidenten (GPV) sowie den Verwaltungsrat des Spitals Wetzikon. Kündig ist Inhaber und Geschäfts­führer der Ubitus AG, eine Finanzberatungs- und Treuhandfirma. Kündig machte ei­ne KV-Lehre und bildete sich in Marketing weiter. Er hat ein Diplom als Wertschriftenhändler.

Thomas Vogel ist 46-jährig und wohnt in Illnau-Effretikon, wo er von 1994 bis 2008 dem Stadtparlament angehörte. Seit 2003 ist er Kantonsrat. Dort leitet er seit zehn Jahren die FDP-Fraktion. Vogel ist Jurist und arbeitet beim Bezirksgericht Zürich als Mitglied der Geschäftsleitung. Unter anderem sitzt er im Vorstand des ACS, Sektion Zürich, und im Stiftungsrat der Eleonorenstiftung (Trägerin des Kinderspitals). tsc

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