Winterthur

Eine Nacht im Asyl-Holzhäuschen

Das Asylzentrum im alten Busdepot ist bereit, ab Juni wird es bezogen. Platz hat es für 200 Personen. Ein «Landbote»-Redaktor hat schon dort geschlafen, in einer von 40 Holzhütten.

Sie stehen: Die Holzhäuschen im ehemaligen Busdepot Deutweg.

Sie stehen: Die Holzhäuschen im ehemaligen Busdepot Deutweg. Bild: Martin Gmür

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Gut geschlafen fühlt sich anders an. Woran mag es gelegen haben? Am ungewohnten, wenig fedrigen Kissen? Am Alleinsein in der hohen Halle, die jeden Laut zu verstärken scheint? Wenn der Minutenzeiger der alten Uhr springt, hört sich das an wie ein Schlag und stört beim Einschlafen. Wie wird das erst sein, wenn 50 Personen in dieser Halle wohnen, 50 Personen mit ihren Atemgeräuschen und ihren Träumen?

Lässt sich da noch ruhig schlafen, mit vier anderen Personen in einem 17-Quadratmeter-Häuschen, und die nächsten fünf Schläfer keinen halben Meter weiter? Jeweils zehn dieser Holzhäuschen, die der Architekt Markus Jedele vor fünf Monaten für die Asylunterkunft in der Kirche Rosenberg entwickelt hatte, stehen in einem Raum des ehemaligen Busdepots Deutweg. Die grossen Hallen wurden unterteilt in vier Abschnitte, als Vorsichtsmassnahme im Brandfall.

Sehr bescheiden eingerichtet

Die Inneneinrichtung der Häuschen ist spartanisch: Fünf Liegestellen auf schmalen Zivilschutzbetten, drei unten, zwei oben. Ein dünner Vorhang trennt den Schlafteil vom Wohnteil. Dort stehen ein Tisch und ein Gestell, darauf ein Fünfer-Set Ikea-Geschirr samt Pfannen, daneben fünf abschliessbare Spinde und ein Kühlschrank. Bettzeug und Duschtuch müssen an zentralem Ort abgeholt werden. An ein Hotel erinnert hier gar nichts, jede Jugendherberge hat mehr Komfort.

Wie werden die Flüchtlinge diese Behausung empfinden, fragt sich der Testschläfer beim Zähneputzen im Sanitär-Container. Werden sie sich beklagen, dass sie nach den ersten Monaten in einem kantonalen Zentrum weiter in so beengenden Verhältnissen leben müssen? Oder überwiegt das Gefühl, doch wenigstens ein sicheres Dach über dem Kopf zu haben? Was werden die Bewohner, die ab nächster Woche hier einziehen, ihren Zurückgebliebenen in der Heimat melden?

Werden sie ihnen ein Bild dieser Unterkunft im Busdepot schicken, wo sie wahrscheinlich wieder monatelang wohnen werden, bis sie eine definitive Bleibe finden? Oder werden sie das verschweigen? Ein Detail: Steckdosen in den Holzhäuschen hats genug, alle Bewohnenden können ihre Handys aufladen. Werden sie, wie der Gast für eine Nacht, auch Musik hören, um einzuschlafen?

Alte Gestelle der Verwaltung

Rund anderthalb Millionen Franken wurden investiert, um aus dem Busdepot eine Asylunterkunft zu machen; die Häuschen sind der kleinste Teil, deren Baukosten betragen je 2500 Franken. Aber da mussten auch Gipswände eingezogen und eine Heizung installiert werden, die Toiletten brauchen ein Abluftsystem, die Zivilschutz-Diensttage fürs Aufbauen mussten entschädigt und Möbel angeschafft werden. Wobei: Was noch aus alten Beständen der Stadtverwaltung vorhanden und unverkauft geblieben war, steht jetzt in den Asyl-Häuschen, Tische und Gestelle etwa. Die Schuhgestelle vor den Häuschen sind Billigware von Ikea.

Wie schnell es geht, bis die Betten und Häuschen alle besetzt sind, weiss niemand. Im Sozialdepartement weiss man auch nicht, ob eher Familien oder Einzelpersonen kommen. Klar ist aber, dass vorerst nur die eine Hälfte der 200 Betten belegt werden sollen. Und pro Häuschen wohnen wenn möglich immer schon zu Beginn vier oder fünf Personen, damit sich im Verlauf des Aufenthalts die Wohnqualität des Einzelnen nicht verschlechtert.

In Betrieb bleibt die Asylunterkunft, bis das Depotareal reif ist für die Neuüberbauung. In etwa vier Jahren,schätzt man, werden die Abrissbirnen und Bagger auffahren. Im Bürotrakt, der ebenso wie der älteste Teil des Depots stehen bleibt, sind ein Aufenthalts- und ein Schulraum für Flüchtlinge reserviert. Bei Bedarf wird dort eine Aufnahmeklasse unterrichtet.

In der Nacht tönt aus anderen Räumen des Bürotrakts eine Motorsäge. Offenbar ist ein Künstler dort in seinem Atelier am Werken. Dann ist Ruhe. Erst morgens um sieben läutet die Zwingli-Kirche Tagwach.

Erstellt: 27.05.2016, 14:52 Uhr

Infobox

Besichtigung der Asylunterkunft im ehemaligen Busdepot Deutweg, morgen Samstag, 13.30 bis 15.30 Uhr.

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