Prozess

Eine wahrlich teure Taxifahrt

Ein betrunkener Fahrgast prügelt sich mit dem Taxifahrer. Das Obergericht spricht den Fahrer vollumfänglich frei. Für den Gast aber bleibt es bei der einfachen Körperverletzung.

Ein Taxifahrer und sein betrunkener Fahrgast gerieten sich auf der Fahrt in die Haare. Verletzt wurden beide - verurteilt nur der Fahrgast.

Ein Taxifahrer und sein betrunkener Fahrgast gerieten sich auf der Fahrt in die Haare. Verletzt wurden beide - verurteilt nur der Fahrgast. Bild: Themenbild: Reto Oeschger

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Die Nacht vom 25. März 2015 hatte es in sich. Ein heute 34-jähriger Unternehmensberater feierte in einem Zürcher Nachtclub durch und winkte in der Frühe ein Taxi heran. Auf der Fahrt gerieten sich Fahrgast und Chauffeur in die Haare. Der 47-jährige aus dem Irak stammende Taxifahrer – damals vorläufig aufgenommen – ist inzwischen eingebürgert.

Klar ist, dass die beiden Kontrahenten Verletzungen davontrugen. Der Taxichauffeur musste mit einer ausgerenkten Schulter und einem Knochenabriss im Spital versorgt werden. Ausserdem erlitt er ein Schädel-Hirntrauma. Der Fahrgast kam mit blauen Flecken im Gesicht und einem abgebrochenen Schneidezahn davon.

Letzte Woche standen die beiden Männer wegen einfacher Körperverletzung vor dem Zürcher Obergericht. Beide Streithähne hatten gegen das Urteil des Bezirksgerichts Zürich Berufung eingelegt. Dieses hatte den Taxifahrer in dieser Sache gänzlich, den Fahrgast weitgehend freigesprochen. 

Berufung gegen Taxifahrer zurückgezogen

Der Verteidiger des Unternehmensberaters zog die Berufung gegen den Freispruch des Taxifahrers zu Beginn der Verhandlung zurück. Es sei möglich, dass sein Mandant ohne Zutun des Kontrahenten auf sein Gesicht gestürzt sei und sich dabei die Verletzungen zugezogen habe. Er wollte im Vorfeld auch die gegnerische Partei zu einem Rückzug bewegen, was aber nicht gelungen sei.

Damit ging es in der Hauptsache also noch um die Verletzungen des Taxifahrers. Sein Fahrgast sei schon von allem Anfang an schlecht gelaunt gewesen, liess der Taxichauffeur den Dolmetscher übersetzen. Kurz nach Beginn der Fahrt, habe der Gast bemerkt, dass er sein Handy und den Schlüssel wohl im Nachtclub hatte liegen lassen. Man musste also dahin zurück. Die Suche im Club blieb aber erfolglos. 

Der betrunkene Fahrgast sei wieder zum Taxi gekommen und habe mit seiner Faust auf die Karosserie geschlagen. Auf den Hinweis des Fahrers, sein Auto sei an der Situation unschuldig, habe der Gast bloss bemerkt «Fick dich!»

«Links, Arschloch!» – Kunde beschimpfte Fahrer

Erfolglos habe er versucht, den Kunden aus dem Auto zu weisen. Auf der Weiterfahrt habe ihn dieser ständig beschimpft – etwa mit «Rechts, Arschloch!» oder «Links, Arschloch!». Am Zielort angekommen, bezahlte er mit der Kreditkarte und verlangte zusätzlich eine handschriftliche Quittung. Als der Fahrer zu seinem Quittungsbuch griff, habe ihm der Gast unvermittelt das Kartenlesegerät auf den Kopf geschlagen. Das habe eine Rissquetschwunde an seinem Kopf verursacht. 

In der Folge entwickelte sich ein Handgemenge. Der Taxifahrer will mehrfach auf den Boden gestossen worden sein. Der Gast habe ihn getreten, er sei auf seinem Bauch gesessen und habe ihn gegen den Oberarm geschlagen. Schliesslich gelang es dem Taxifahrer per Funk einen Kollegen herbeizurufen. Der Streit endete allerdings erst, als die Polizei einschritt.

Der detailreichen Schilderung des Taxifahrers hatte der Unternehmensberater lediglich ein «Ich habe keine Erinnerung mehr an die Fahrt» entgegenzusetzen. Er wisse lediglich, dass er «etwas Unflätiges» zum Fahrer gesagt habe. Daraufhin sei dieser ausgestiegen, habe die Tür geöffnet und auf ihn eingeschlagen.

Wunde am Kopf nicht dokumentiert

Das Obergericht hat nun das Urteil der Vorinstanz bestätigt. Es verurteilte den Unternehmensberater wegen einfacher Körperverletzung. Der Schlag mit dem Kartenlesegerät und das leichte Schädel-Hirn-Trauma erachtete es als erwiesen. Was die Rissquetschwunde am Kopf angehe, sei eine solche nirgends dokumentiert. 

Einen Freispruch gab es auch bezüglich der ausgerenkten Schulter. Viel eher als durch die Schläge gegen den Oberarm, sei diese Verletzung durch einen Sturz entstanden. Der Taxifahrer aber konnte dazu keine genaueren Angaben machen. Selbst wenn der Fahrgast einen solchen Sturz verursacht hätte, reiche das aber nicht für einen Schuldspruch. Er hätte nicht damit rechnen müssen, dass sich jemand dabei gleich die Schulter ausrenkt.

Getarntes Elektroschockgerät im Taxi

Beide Männer sahen sich mit Vorwürfen konfrontiert, die nichts mit ihrer Auseinandersetzung zu tun hatten. So hatte das Bezirksgericht den Taxifahrer wegen Verstosses gegen das Waffengesetz verurteilt. Der Grund: Polizisten fanden bei einer Kontrolle im Taxi ein Elektroschockgerät, das als Taschenlampe getarnt war. 

Der Taxifahrer machte vor Obergericht geltend, Fahrgäste würden ständig irgendwelche Gegenstände im Taxi liegen lassen. Nicht anders verhalte es sich mit dem Elektroschockgerät. Dieses stamme von zwei russischen Sicherheits-Leuten, die er von der Langstrasse zum Zürcher Hauptbahnhof gefahren habe. Weil diese Version nicht auszuschliessen ist, hat ihn das Obergericht nun auch in diesem Punkt freigesprochen.

Fischerrute entzweigebrochen

Der Unternehmensberater wiederum hat im Rahmen einer anderen Eskapade in Zürich alkoholisiert ein Velo entwendet und dieses am Schiffssteg Zürichhorn in den See geworfen. Dabei wurde er von einem Hobbyangler gesehen und zur Rede gestellt. Der Mann nahm dem Fischer kurzerhand die Angelrute weg und zerbrach sie. Die wiederholten Aussetzer unter Alkoholeinfluss liessen den vorsitzenden Richter fragen: «Haben Sie ein Alkoholproblem?» Der Beschuldigte verneinte.

Da die Angelrute bloss rund 300 Franken wert sei, handle es sich um eine geringfügige Sachbeschädigung, die inzwischen verjährt sei, argumentierte der Verteidiger. Sollte es das Gericht anders sehen, sei wenigstens auf eine Strafe zu verzichten. Schliesslich habe sein Mandant dem Fischer einen Entschuldigungsbrief geschrieben und 600 Franken beigelegt.

Auch in diesem Punkt bleibt der Schuldspruch bestehen. So sei die Sachbeschädigung gar nicht angefochten gewesen. Die Entschuldigung gegenüber dem Fischer sei nicht belegt und das Argument mit der Geringfügigkeit sei zu spät eingebracht worden und damit unzulässig.

Für den Unternehmensberater bleibt es damit bei einer bedingten Geldstrafe von 64 Tagessätzen zu 220 Franken. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Es kann ans Bundesgericht weitergezogen werden.

Unter dem Strich spricht das Gericht dem Taxifahrer Entschädigungen von rund 17000 Franken zu. Der Unternehmensberater hingegen muss neben seinen Anwaltskosten rund 9000 Franken bezahlen. Eine wahrlich teure Taxifahrt.

Erstellt: 14.10.2019, 16:04 Uhr

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