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Eintritt schreckt Touristen ab

Seit die Zürcher Fraumünsterkirche Eintritt verlangt, hat sich die Zahl der Besucher halbiert. Dafür herrscht nun wieder Ruhe. Für den Kirchenrat ist das Thema aber noch nicht durch. Es geht um einen Entscheid mit Signalwirkung.

Fünf Franken eintritt für den Besuch der Zürcher Fraumünsterkirche: Vielen Touristen ist der Preis zu hoch, dafür sind andere nun zufrieden.
Fünf Franken eintritt für den Besuch der Zürcher Fraumünsterkirche: Vielen Touristen ist der Preis zu hoch, dafür sind andere nun zufrieden.
Keystone

Ein Ziel hat Kirchenpfleger Hans-Hinrich Dölle erreicht: «Es herrscht wieder eine wunderbare Ruhe.» Etwas mehr als hundert Tage sind vergangen, seit die Fraumünsterkirche Eintritt verlangt. 5 Franken müssen Besucher bezahlen, wenn sie den Chor, die berühmten Chagall-Fenster oder in der Krypta die Reste der Vorgängerbauten anschauen wollen.

Der Preis hat seine Wirkung nicht verfehlt. Früher rauschten an gewissen Tagen bis zu 2000 Touristen in Scharen durch die Kirche, um die Chagall-Fenster zu knipsen und zur nächsten ­Sehenswürdigkeit zu eilen. Sie bleiben nun aus.

400 Karten ausgestellt

«Die Besucherzahl hat sich mittlerweile halbiert», sagt Dölle. «Man kann das bedauern oder nicht. Für uns ist es einfach wichtig, dass man hier zur Ruhe kommen kann, dass man gerade im Zentrum der Stadt einen Ort findet, wo man dem hektischen Treiben entkommen kann.»

Dafür kommen wieder mehr Leute, die sich hinsetzen und innehalten. Für die Andacht bleibt der Zugang gratis. Wer regelmässig zum Beten kommt, kann sich für eine Bearbeitungsgebühr von 2 Franken eine Art Ausweis kaufen. An die 400 solcher blauer Karten wurden seit Anfang November herausgegeben.

Audioguides sehr gefragt

Etwas anderes, das Dölle auffällt: «Es gibt wieder mehr Besucher, die sich bis zu einer Stunde Zeit nehmen und sich mittels Audioguide über die Kirche informieren.» Das Gerät spielt Wissenwertes in acht verschiedenen Sprachen ab und ist im Eintrittspreis inbegriffen. «Die Audioguides sind sehr gefragt und am Wochenende manchmal ausgebucht», sagt Dölle. Am häufigsten gewählt werden die Sprachen Deutsch, Englisch, Italienisch und Chinesisch.

Mit dem Eintrittsgeld werden unter anderem Personal für Besucherlenkung und Kasse sowie die Audioguides finanziert. Seit neuem können Studenten den digitalen Führer sogar gratis beziehen. «Die Einschätzung, dass die Besucher besser informiert werden wollen, hat sich bewahrheitet», sagt Dölle. Zum 500-jährigen Bestehen der Reformation wird der Guide um ein Kapitel ergänzt.

Zürich Tourismus: Ja, aber . . .

Für Zürich Tourismus haben die Eintrittspreise zwei Seiten. «Einerseits verstehen wird, dass manche lieber ihre Ruhe wollen», sagt Ueli Heer, Sprecher von Zürich Tourismus. «Andererseits ist es natürlich schade, dass Touristen ausbleiben.» Auch den Reiseleitern sei aufgefallen, dass die Preise viele Gruppen von einem Kirchenbesuch abhielten.

Hans-Hinrich Dölle ist überzeugt, dass die Zahl der auslän­dischen Gäste wieder anziehen wird. «Die Veranstalter müssen sich zuerst an die neue Regelung gewöhnen und ihre Angebote neu kalkulieren, das dauert seine Zeit.» Schon jetzt würden sich an manchen Wochenenden bis zu 200 Besucher auf einmal in der Kirche aufhalten – trotz Eintritt. Definitiv ist die neue Besucherregelung allerdings nicht. Die Testphase, die ursprünglich bis Ende 2016 laufen sollte, wird nach Absprache mit dem Kirchenrat bis Ende 2017 verlängert. «Tourismus ist ein saisonales Geschäft», sagt Dölle. «Wir wollten für die Beurteilung der weiteren Schritte einen Jahresvergleich.»

Wichtig wird die Haltung des Kirchenrats sein. Dieser hat sich noch nicht geäussert. Er will sich nun aber in die Diskussion einschalten.

Kritik aus eigenen Reihen

Dass die Neuerung auch intern umstritten ist, verdeutlichte die Reaktion des Fraumünster-Sigrists Theo Zobrist auf einen Artikel im letzten November. Gegenüber dieser Zeitung kritisierte er seinen Arbeitgeber. Seiner Ansicht nach gefährde der Eintrittsfünfliber die Werte der reformierten Kirche. «Mit dem Eintritt gibt die Kirche das letzte bisschen Offenheit und Freiheit preis», sagte Zobrist damals.

Gemäss Kirchenpfleger Dölle habe der Sigrist mittlerweile eingesehen, dass die neue Lösung mehr Vor- als Nachteile bringe. Tatsächlich? Zobrist selbst will und darf sich dazu nicht mehr ­öffentlich äussern.

«Wichtige Angelegenheit»

Der Kirchenrat will sich noch in diesem Frühjahr selber ein Bild machen. Geplant sind eine Besichtigung und Gespräche mit der Kirchenpflege. «Das ist eine wichtige Angelegenheit», sagt Nicolas Mori, Leiter Kommunikation der Reformierten Kirche des Kantons Zürich. «Der Entscheid liegt zwar in der Kompetenz der einzelnen Kirchgemeinde. Aber er hat eine Ausstrahlung auf das öffentliche Bild der Gesamtkirche.» Zudem würden andere Kirchen wie das Grossmünster den Test im Fraumünster gespannt mitverfolgen. Veränderungen mit Signalwirkung könnten dem Kirchenrat nicht egal sein, sagt Mori. «Umso mehr, da man hier Neuland betritt.»

Ein Novum? Nicht ganz

Ganz neu sind Eintrittspreise in Kirchen jedoch nicht. Nachdem es zunächst hiess, das Fraumünster führe als erste Kirche der Schweiz Eintrittspreise ein, erhielt Hans-Hinrich Dölle prompt eine Nachricht aus Zillis.

In der Bündner Gemeinde steht die romanische Saalkirche St. Martin. Um die bemalte Decke mit Werken aus der Hochromantik zu besichtigen, werden Besucher schon seit langem zur Kasse gebeten. Jugendliche zahlen 2 Franken, Erwachsene 5.

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