Winterthur

20 Monate für Serien-Belästiger

Das Gericht hat ein Urteil gesprochen gegen den Mann, der in Winterthur zahlreiche ältere Frauen belästigt und sexuell genötigt hat.

Das Bezirksgericht musste über eine Vielzahl an Dossiers urteilen.

Das Bezirksgericht musste über eine Vielzahl an Dossiers urteilen. Bild: Marc Dahinden

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Das Bezirksgericht Winterthur beschäftigte sich heute mit einer aussergewöhnlichen Anklage. In über ein Dutzend Fällen hat ein heute 55-jähriger Mann ältere Frauen belästigt und in den schlimmsten Fällen sexuell genötigt. Die Opfer waren zum Tatzeitpunkt zwischen 67 und 101 Jahre alt. Die Taten ereigneten sich zwischen Frühling und Herbst 2017 und im Jahr 2018.

Das Gericht sprach den Mann am Donnerstagnachmittag in den meisten Anklagepunkten schuldig. Er erhält eine unbedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten, die Staatsanwaltschaft hatte vier Jahre gefordert. Zudem muss er eine Geldstrafe und eine Busse von einigen Tausend Franken bezahlen. Strafmindernd wirkte sich das praktisch vollumfängliche Geständnis des Mannes aus.

Laut der Richterin ist der Vorwurf der sexuellen Nötigung in drei von vier angeklagten Fällen bewiesen. «Sie haben unter anderem mit dem Überraschungseffekt die Frauen psychisch stark unter Druck gesetzt und so genötigt», sagte sie zu dem Mann. «Und dies an Orten, wo sie sich sicher fühlen sollten.»

Vorstrafe aus den 90ern

Der Mann war am Donnerstagmorgen von zwei Polizeibeamten direkt aus dem Gefängnis ins Gericht gebracht worden. Er zeigte sich grundsätzlich geständig. Die Fragen der Richterin beantwortete er ruhig und erzählte aus seinem Gefängnisalltag: Er spaziere, esse und arbeite. Jeden Morgen und Abend erhält er zahlreiche Medikamente, unter anderem Psychopharmaka. Bereits 1998 wurde laut der Richterin bei ihm eine bipolare Störung diagnostiziert. Laut einem Gutachter hat diese Erkrankung aber keine schuldvermindernde Bedeutung im aktuellen Fall.

Wie vor Gericht bekannt wurde, weist der Beschuldigte eine Vorstrafe auf: Ebenfalls 1998 wurde er in Uster verurteilt, weil er einer 14-Jährigen an die Oberschenkel gefasst hatte.

«Blöde Ideen»

Der Mann ist IV-Rentner. Im Frühling 2017, als die Belästigungs-Serie begann, wurde er von seiner Arbeitgeberin freigestellt. «Da hatte ich keine Tagesstruktur mehr», erzählte der Mann. «Ich stand spät auf, schaute die Sendung Eisenbahn-Romantik und dann kam ich auf die blöden Ideen mit den Frauen.» Er habe sich schon früher von älteren Frauen angezogen gefühlt: «Warum, weiss ich nicht.»

Seine Taten fasst der Mann immer gleich zusammen: Er sei von einem Kleidungsstück, beispielsweise einem Rock, angezogen worden. «Wenn mich ein Rock erregte, dann wollte ich mehr erfahren.» Erlären kann der Mann die Taten nicht. Er habe zu der Zeit an einer Erektionsstörung gelitten, sagte er beispielsweise. Aber auch immer wieder: «Ich wollte einfach den Stoff der Kleider spüren.»

Einige Anklagepunkte betreffen sexuelle Nötigung: So griff der Mann im Lift des Alterszentrums Neumarkt einer über 70-Jährigen in die Hose und führte seinen Mittelfinger in ihre Vagina ein. Die Frau hatte laut der Richterin panische Angst und dachte, der Mann wolle sie vergewaltigen. Dazu sagte er: «Ich wollte einfach ausprobieren, wie sich das anfühlt, es war ja nur kurz.»

In einem anderen Fall belästigte er eine Frau, die damals 101 Jahre alt war. «Sie sah nicht aus wie 101, sie sah jünger aus», sagte der Mann vor Gericht. In der Seniorenresidenz Konradhof nötigte er eine Frau, die an Parkinson erkrankt war. Er verschaffte sich Zutritt zu deren Zimmer und griff ihr in die Unterhose und an die Brüste. Er liess erst vor ihr ab, als die Frau einen Notfallknopf drücken konnte. «Was taten sie danach?», fragte die Richterin. «Ich ging in den Coop City zum Zmittag.»

Vier Jahre gefordert

Der Mann ging laut der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft stets nach einem ähnlichen Muster vor. Zumeist im öffentlichen Raum folgte er den Seniorinnen, machte anzügliche Bemerkungen und versuchte die Frauen zu berühren oder Schlimmeres. Teilweise verschaffte der Mann sich auch Zugang zu den Wohnungen seiner Opfer. Manche Frauen waren zum Zeitpunkt der Belästigungen mit einem Rollator unterwegs.

Die Staatsanwaltschaft forderte an der heutigen Verhandlung eine Freiheitsstrafe von vier Jahren und eine Busse von 3000 Franken. Laut der Staatsanwältin ist bei dem Beschuldigten eine «offensichtliche sexuelle Triebhaftigkeit» vorhanden. Er sei zudem grösstenteils geständig und die Aussagen der Opfer seien verlässlich. «Das Verhalten des Mannes war äusserst egoistisch, triebhaft und gleichgültig», sagte die Staatsanwältin. «Die Opfer waren für ihn eine leichte Beute.»

Der Verteidiger räumte in seinem Plädoyer die Schuld seines Mandanten grösstenteils ein, forderte aber eine blosse Geldstrafe und Busse und dies mit einer Probezeit von drei Jahren. «Er hat klar Grenzen überschritten, er schämt sich dafür sehr», sagte der Verteidiger. «Aber es war auch bei weitem nicht so schlimm, wie es die Staatsanwaltschaft darstellt. Er ist kein Brutalo und setzte keine rohe Gewalt ein.» Die Taten hätten zudem nur sehr kurz angedauert und der Tatbestand einer sexuellen Nötigung sei nirgends erfüllt.

Die Richterin ging am Ende auf diese Argumente nicht ein. Der Verurteilte wurde nach dem Prozessende von Polizisten wieder abgeführt. Er verbrachte schon mehrere Monate in U-Haft. 2018 wurde er zwischen zwei Haftaufenthalten rückfällig. Die bisherige Haft wird ihm angerechnet.

Erstellt: 21.03.2019, 17:03 Uhr

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