Limmattalbahn

Erste Testfahrt nach Schlieren löst Freude aus

Gestern fuhr erstmals seit über 60 Jahren wieder ein Tram von der Zürcher Stadtgrenze nach Schlieren. Ingenieure nutzten die Testfahrt für Messungen.

Ungewohnter Blick: Vor dem neuen Flügeldach im Schlieremer Zentrum fährt ein Cobra-Tram durch.

Ungewohnter Blick: Vor dem neuen Flügeldach im Schlieremer Zentrum fährt ein Cobra-Tram durch. Bild: Andin Winteler/bürobureau

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Ende 1955 fuhr die Limmattal-Strassenbahn letztmals bis nach Schlieren. Über 60 Jahre später war nun wieder ein Tram auf Schlieremer Boden unterwegs. Kurz nach 8 Uhr bricht es zur ersten Fahrt auf der Limmattalbahn-Neubaustrecke nach Schlieren-Geissweid auf.

Knapp vierzig Menschen in gelben und orangen Leuchtwesten haben sich für die historische Fahrt bei der Haltestelle Farbhof am Zürcher Stadtrand versammelt.

«Ich bin sehr erfreut, dass wir nach neun Jahren Planung und Bau jetzt die Strecke befahren können», sagt Gesamtprojektleiter Daniel Issler, der seit der Gründung der Limmattalbahn AG im Jahr 2010 als Geschäftsführer amtet.

«Es ist ein emotionaler Moment», ergänzt René Schär, Fachbereichsleiter Bahnstrom bei Enotrac AG und verantwortlich für die Messungen und Kontrollen auf der ersten Testfahrt. Heute fahre das Tram maximal 18 Kilometer pro Stunde und mache an jeder Haltestelle eine Pause, kündigt er vor dem Start an.

Ruhig setzt sich das Tram in Bewegung, um die rund drei Kilometer lange Strecke mit sieben Haltestellen zu bewältigen. Keine 10 Minuten später fährt das Tram nach der Station Micafil an der Hermetschloobrücke vorbei und rollt erstmals über Schlieremer Boden.

Bei jedem Halt strömen Mitarbeitende des Gleisbaus aus dem Tram und messen die Abstände aller Trittbretter zur Perronkante. Maximal 7,5 Zentimeter horizontal und 5 Zentimeter vertikal darf die Distanz laut Behindertengleichstellungsgesetz betragen, damit Rollstuhlfahrer einigermassen bequem einsteigen können. Apropos behindertengerecht: Auf jeder Station warten kleine gelbe Kästen darauf, auf Knopfdruck die nächsten Abfahrtszeiten vorzulesen.

Auch Hans Egloff und Willy Haderer fahren mit

Neben Ingenieuren, Journalisten und einigen Gästen sind drei Verwaltungsräte der Limmattalbahn AG mit dabei: der Aescher Nationalrat Hans Egloff (SVP), ZVV-Direktor Franz Kagerbauer und Roland Kobel, ehemaliger Gesamtprojektleiter der Durchmesserlinie Zürich.

Auch der langjährige Unterengstringer Gemeindepräsident und ehemalige SVP-Kantonsrat Willy Haderer fährt mit. Bereits im letzten Jahrhundert setzte Haderer als Präsident der Zürcher Planungsgruppe Limmattal alle Hebel in Bewegung, damit die Bahn dereinst Realität wird. «Das ist eine grosse Genugtuung. Zum Glück konnten wir über die Jahre alle Widerstände überwinden», sagt er nach der Fahrt.

Besonders freue ihn, dass dies erst der Anfang sei. Nach Fertigstellung der ganzen Bahn sei das Limmattal grenzüberschreitend verbunden, sagt er; und verweist darauf, dass der Aargauer Regierungsrat im August 2018 das Richtplanverfahren für eine eventuelle Weiterführung der Bahn bis nach Baden gestartet hat.

Auch der abtretende Nationalrat Hans Egloff, der sich seit 2011 in Bundesbern für die Bahn engagierte, geniesst die Tramfahrt sichtlich. «Es ist ein tolles Gefühl», sagt er. «Jetzt ist das Kind endlich geboren und macht seine ersten Schritte.» Die Akzeptanz für die Bahn sei am Anfang nicht überall gleich hoch gewesen.

Deshalb freue es ihn besonders, dass der Bau bisher so gut und ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen sei. Dazu zählt auch, dass der Terminplan gut eingehalten werden konnte und die Bahn wohl weniger als die geplanten 755 Millionen Franken kosten wird. «Wir werden unter 700 Millionen bleiben», stellte Issler im Juni an einer Infoveranstaltung in Aussicht.

Ein paar Details sind noch zu beheben

Nach einer knappen Stunde erreicht das Cobra-Tram die Wendeschleife bei der Haltestelle Geissweid. Neben den Abständen zur Perronkante haben die Ingenieure unterwegs auch geprüft, ob der Stromabnehmer sauber auf der Fahrleitung läuft und ob die Weichensteuerung und die Lichtsignalanlagen funktionieren. «Wir haben zwei, drei kleine Details festgestellt, die wir noch beheben müssen. Aber insgesamt läuft die Anlage gut und ist bereit für den baldigen Einsatz», sagt René Schär.

In weiteren Tests werden auch die Laufruhe bei höheren Geschwindigkeiten, die Fahrzeiten und die Energieversorgung überprüft. Dass nicht schon früher Testfahrten durchgeführt wurden, liegt daran, dass der Gleisanschluss beim Farbhof kürzlich fertig wurde und die Fahrleitung erst seit Freitag unter Strom steht.

Die Zeit drängt: In knapp zwei Wochen wird die erste Etappe der Limmattalbahn am Schlierefäscht feierlich eröffnet. Ab dem 2. September verkehrt das 2er-Tram regulär bis nach Schlieren.

Erstellt: 19.08.2019, 22:23 Uhr

Nachgefragt

«Man muss hundertprozentig aufmerksam sein»

Gratuliere, Sie waren der erste Chauffeur, der mit dem künftigen 2er-Tram die neue Strecke fuhr. Was war schwierig?

René Frieden: Man muss Fussgänger, Automobilisten und Velofahrer im Auge behalten. Es ist wie in der Stadt Zürich, man muss hundertprozentig aufmerksam sein und vorausschauen.

Wie fühlte sich die Fahrt an?

Es war schön. Die Strecke ist gelungen und hat mir gefallen.

Mussten Sie etwas Spezielles beachten während der Fahrt?

Wir mussten bei der Geissweid die Weiche stellen, sonst lief alles ohne Weichen. Die Signalanlage funktionierte einwandfrei während der ganzen Fahrt.

Weshalb wurden gerade Sie als Chauffeur für die neue Strecke ausgewählt?

Ich bin Projektleiter der planbaren Betriebsänderungen der VBZ. Wir sorgten dafür, dass der Betrieb auch während der Bauzeit der Limmattalbahn funktionierte, was sehr aufwendig war. Als Dankeschön für den Zusatzaufwand dürfen wir nun als Erste über die Gleise fahren.

Haben Sie sich über dieses spezielle Geschenk gefreut?

Ja, es war sehr schön. Ich fuhr früher mit dem Bus nach Schlieren, nun war es spannend, auch mit dem Tram zu fahren.

Welchen Rat würden Sie einem Tramchauffeur geben, der als Nächster über diese Gleise fährt?

Nichts Spezielles, die Signalisationen sind so, wie wir sie von Zürich kennen. Verfahren kann man sich auch nicht. Aber es macht Freude und wurde eine gute Sache. Die Arbeit hat sich gelohnt.

Haben Sie Ihr Ziel als VBZ-Projektleiter ebenfalls erreicht?

Wir hatten eine gute Zusammenarbeit mit der Limmattalbahn. Es war ein Geben und Nehmen. Das Hauptziel, dass das Tram am 2. September wie geplant fahren kann, haben wir ebenfalls erreicht.

Wann fahren Sie das nächste Mal wieder Tram?

Ich fahre nun zurück an den Farbhof. Das nächste Mal fahre ich Ende August, das wird dann eine meiner Pflichtstunden in der Stadt Zürich auf der Linie 3 sein.

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